Moritz Ablinger

Das Gute Leben für Alle: Unter diesem Titel ist im Frühjahr ein Buch des I.L.A-Kollektivs erschienen. 19 Autor_innen haben darin versucht eine Utopie zu skizzieren: Wie könnte eine Welt aussehen, die gerechter und demokratischer ist, die aber auch einen grundlegend anderen Umgang mit der Umwelt vorsieht. Mit drei davon haben wir gesprochen.

„Das Gute Leben für Alle“ will im Anschluss an die Publikationen zur Imperialen Lebensweise von Ulrich Brand und Markus Wissen das Konzept der solidarischen Lebensweise weiterentwickeln. Mosaik-Redakteur Moritz Ablinger hat mit Christoph Ambach, Monika Austaller und Christopher Beil gesprochen, die am Buch mitgewirkt haben. Sie haben sich über die Rolle des Staates, die Zielgruppe des Buches und die Unterschiede zwischen Um- und Mitwelt unterhalten.

Mosaik: Wir führen dieses Interview per Skype. Es heißt oft, dass die Art der Kommunikation eine Möglichkeit sein könnte, den Flugverkehr zu reduzieren. Welche Rolle spielt Skype in der solidarischen Lebensweise?

Christoph Ambach: Skype gehört Microsoft, also hoffentlich keine große. Aber es stimmt natürlich, dass ein Großteil des beruflichen Flugverkehrs völliger Irrsinn ist. Es braucht viel mehr Videokonferenzen. Auch wenn ich privat wirklich ungern skype. (lacht)

Monika Austaller: Einerseits stimmt es, dass Videokonferenzen viele Flüge ersetzen können und sollten. Eine solidarische Lebensweise könnte aber auch einfach dezentraler und lokaler funktionieren. Das Bedürfnis, über große Distanzen zu kommunizieren könnte dadurch weniger werden.

Kommen wir konkret zu eurem Buch: Das hat 19 Autor_innen. Wie schreibt man mit so vielen Leuten einen Text?

Christoph Ambach: Wir haben uns an acht Wochenenden getroffen und dort Aufgaben und Themen unter uns aufgeteilt. Die einzelnen Kapitel haben wir also in kleineren Gruppen geschrieben. Die haben sich dann wesentlich öfter getroffen oder über gemeinsame Online-Dokumente gearbeitet.

Christopher Beil: Je weiter das Projekt fortgeschritten ist, desto mehr haben wir uns bei den gemeinsamen Treffen mit den Texten der Anderen auseinandergesetzt. Dieses Feedback war enorm wichtig und hat die Texte wesentlich geprägt. Deswegen wollten wir am Schluss auch nicht, dass die einzelnen Autor_innen bei den Kapiteln, für die sie hauptverantwortlich waren, stehen. Das Buch haben wir als Kollektiv geschrieben.

Aber kommen bei so vielen Leuten nicht auch viele verschiedene Vorstellungen zusammen?

Monika Austaller: Das war eine der zentralen Herausforderungen des Buches. Wir sind alle an der ökologischen Krise und einer solidarischen Welt interessiert, aber da gibt es sehr viele unterschiedliche Zugänge. Das zeigt sich dann schon bei Fragen um einzelne Begrifflichkeiten.

Zum Beispiel?

Monika Austaller: Wir verwenden im Buch nicht das Wort „Umwelt“, sondern das der „Mitwelt“. Der Begriff betont die Einheit und Abhängigkeit von Mensch und Natur. Der Mensch ist nicht davon getrennt, sondern Teil davon. Der Begriff der „Umwelt“ impliziert stattdessen eine Trennung, oft auch eine Hierarchie.

Geht so etwas ohne gröbere Streitereien?

Christoph Ambach: Ja, das hat sehr gut funktioniert. Das war auch das Schöne am Kollektiv. Wir haben uns sehr gut verstanden, ehrlich darüber diskutiert und dann Kompromisse gefunden.

Wer ist denn die Zielgruppe eures Buches?

Christoph Ambach: Ganz klar definiert haben wir das nicht, aber wir haben beim Schreiben oft an unsere Eltern gedacht. Darunter fallen dann Leute, die Umweltschutz wichtig finden, aber keine akademischen Debatten darüber verfolgen. Wir haben deshalb auch ein Glossar an das Buch angehängt, wo wir wichtige, aber weniger alltägliche Begriffe, erklären.

Monika Austaller: Das stimmt, um diese Leute ist es uns hauptsächlich gegangen. Ihnen wollen wir Argumente liefern, wie man Ungleichheit, Rassismus und Klimawandel radikaler und effektiver ganz praktisch und aktiv etwas entgegensetzen kann.

Das zentrale Thema des Buches ist die solidarische Lebensweise, wie man also anders leben könnte. Was waren die Alternativen, die euch dabei vorgeschwebt sind?

Monika Austaller: Im Kleinen gibt es schon sehr viele alternative Organisationsformen, die wir nur aufgreifen und zusammentragen mussten. Es gibt Wohnkollektive, Energietische, Repair-Cafés, Food-Coops, Ernährungsräte und solidarische Landwirtschaft. Wie gut so etwas funktionieren kann, haben wir beim Schreiben selbst erlebt.

Was meinst du damit?

Monika Austaller: Wir haben uns immer an unterschiedlichen Orten getroffen. Ein Wochenende haben wir in der Kommune Niederkaufungen verbracht. Das war schon inspirierend. Etwa achtzig Menschen leben dort in Wohngemeinschaften zusammen. Entscheidungen werden nach dem Konsensprinzip getroffen und es gibt eine gemeinsame Ökonomie. Niemand besitzt demnach Privateigentum. Nicht alle Mitglieder gehen Lohnarbeit nach, und die, die etwas verdienen, geben ihre Einkünfte in eine Gemeinschaftskasse. Auch auf Ökologie wird großer Wert gelegt. So gibt es nur eine Handvoll Waschmaschinen, die von allen genutzt werden, um möglichst resourcenschonend den Alltag zu meistern. Dort wird einem bewusst: Man kann sehr viel gewinnen, wenn man einfach einmal macht.

Christoph Ambach: Zum Teil sind diese Alternativen auch gar nicht so klein. Die Genoss_innenschaft Mondragón im Baskenland ist ein riesiger Wirtschaftsbetrieb, dem 280 Unternehmen angehören und bei dem 70.000 Menschen arbeiten. Dennoch versucht Mondragón demokratisch darüber zu entscheiden, wie Gewinne investiert werden. Auch das Kapital ist in kollektivem Besitz. Klar, auch Mondragón operiert in gewisser Weise nach kapitalistischer Logik, aber es weist auch darüber hinaus.

Christopher Beil: Es waren solche Beispiele, mit denen wir zeigen wollten, dass die solidarische Lebensweise vielleicht nicht so weit entfernt ist, wie es scheint. Wir können von Zusammenhängen auf der ganzen Welt lernen.

Aber ihr habt euch nicht nur mit existierenden Alternativen auseinandergesetzt, sondern auch mit abstrakteren Angelegenheiten: Es gibt ein eigenes Kapitel zu Institutionen. Brauchen wir den Staat für eine solidarische Lebensweise?

Christopher Beil: Wir beantworten die Frage im Buch mit einem eindeutigen Jein. Einerseits werden wir viele Prozesse kleinteiliger organisieren, lokale Zusammenschlüsse sollen demokratisch über ihr Leben bestimmen können. Dafür braucht es keinen Staat. Aber er ist mehr als das. Der Staat kann wichtig sein, um gewisse Veränderungen durchzusetzen. Wir haben uns nicht darauf einigen können, ob wir den Staat abschaffen wollen, aber einen Konsens gefunden, mit dem wir alle leben können.

Welche Rolle spielt Utopie in eurem Buch?

Christopher Beil: Die ist sehr wichtig. Aber der Begriff hatte für uns verschiedene Bedeutungen. Einerseits sind es eben, wie Monika gerade gesagt hat, konkrete Alternativen, die es schon gibt, die uns zeigen, was möglich ist. Aber Utopien sind kein fixer Bauplan, wie die Welt, wie die solidarische Lebensweise zu funktionieren hat. Sie können andererseits auch dafür da sein, dass wir uns daran abarbeiten und sagen: „Nein, so wollen wir das nicht.“ Diese Reibung kann produktiv sein.

Monika Austaller: Ein wichtiger Schritt war auch für uns zu sagen: Wie kommen wir dazu, einen fertigen Plan vorzulegen, wie eine solidarische Welt ausschauen sollte? Das wäre nicht demokratisch – und schon wären wir an unserem eigenen Anspruch gescheitert. Das Buch ist also einfach der Versuch, eine Debatte über eine bessere Welt anzuregen und Mut zu machen.

Veranstaltungshinweis: Am 21. Mai präsentieren Christoph Ambach und Christopher Beil das Buch um 18:30 im Library & Learning Center der WU. Die anschließende Podiumsdiskussion moderiert Mosaik-Redakteurin Melanie Pichler.

Kommentare

Kommentare