In Österreich leisten besonders viele Menschen Überstunden, gleichzeitig ist die Arbeitslosigkeit so hoch wie zuletzt 1945. Umso paradoxer erscheint es da, dass UnternehmerInnen die Arbeitszeit verlängern oder weiter flexibilisieren wollen. Viel eher müsste es darum gehen, Arbeit anders zu organisieren und in einem ersten wichtigen Schritt Arbeitszeit zu verkürzen.

„Gib dir mehr Zeit für dich und mich“, fordert die österreichische Popband Bilderbuch in ihrem Song „OM“. Lotusblumen, bunte Tücher und Yoga symbolisieren im Musikvideo mehr Zeit und damit mehr Entspannung. Spirituelle und individuelle Mittel, Stress und Zeitknappheit  entgegen zu wirken, bekommen gerade in der Weihnachtszeit viel Aufmerksamkeit. Doch dieser Blickwinkel greift zu kurz. Denn ewige Hektik und das dauernde Gefühl, zu wenig Zeit zur Verfügung zu haben, sind keine rein individuellen, sondern auch sehr  politische Fragen. Und die müssten lauten: Wer verbringt womit Zeit? Wer arbeitet wo wieviel? Und wie können wir es schaffen, dass stärker über Arbeitszeit und die Verteilung von Arbeit diskutiert wird?

Arbeitszeit – (k)ein Thema für die Gewerkschaften?

Regelmäßig sind wir mit Vorstößen aus der Richtung der von UnternehmerInnen und ihrer VertreterInnen konfrontiert, die Arbeitszeit zu flexibilisieren oder zu verlängern. Es zeigt sich deutlich, dass es sich dabei um eine arbeitszeitpolitische Offensive handelt.  Ab den 1990er-Jahren und spätestens mit der Novelle zum Arbeitszeitgesetz 1997 fand bereits eine umfassende Flexibilisierung statt. Der Ausweitung des Arbeitstages auf 9 bzw. 10 Stunden und der Vermeidung der Auszahlung von Überstundenzuschlägen waren damit Tür und Tor geöffnet.

Im Gegensatz zu UnternehmerInnenvertreterInnen konnten Gewerkschaften in den letzten Jahren keine nennenswerten arbeitszeitpolitischen Erfolge feiern.  In den Gewerkschaften gibt es zwar vereinzelte Stimmen für eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, allerdings kann man insgesamt einen arbeitszeitpolitischen Stillstand in der Gewerkschaftspolitikin ihren Reihen  feststellen. Vor 40 Jahren wurde in Österreich die gesetzliche Wochenarbeitszeit von 45 auf 40 Stunden reduziert – zweifelsohne eine historische Errungenschaft. Seitdem finden jedoch nur mehr vereinzelt kollektivvertragliche Änderungen zugunsten von Lohnabhängigen statt.

Einzelne Teilgewerkschaften und Frauenorganisationen  lassen jedoch nicht locker und fordern eine Arbeitszeitverkürzung. So ist eine der zentralen Forderungen der GPA-djp eine „Verkürzung der Normalarbeitszeit auf 35 Stunden“. Auch die PRO-GE und die ÖGB-Frauen sprechen sich für eine Arbeitszeitverkürzung aus.

Offensive für eine Arbeitszeitverkürzung

Keine Frage, die Abwehrkämpfe gegen die andauernde Flexibilisierungsoffensive von UnternehmerInnen sind hart und zäh. Trotzdem dürfen es sich linke und gewerkschaftliche Kräfte in ihrer arbeitszeitpolitisch defensiven Rolle auf diesem Gebiet nicht gemütlich machen. Es ist höchste Zeit, sich mit schlagkräftigen und konkreten Forderungen in die Diskussion um Arbeitszeit einzubringen. Vorherrschenden Mythen zum Thema Arbeitsverkürzung und Warnungen vor Abwanderung von Unternehmen bzw. zu hohen Kosten gilt es entgegenzuhalten. Eine Debatte, Kampagne oder Bewegung rund um Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich könnte wichtige Argumente vereinen. Einige von ihnen sollen hier kurz erläutert werden:

Leben ist mehr als (Lohn)Arbeit: Eine Arbeitszeitverkürzung ermöglicht Lohnabhängigen einige Stunden mehr pro Woche, die sie selbstbestimmt gestalten können. Darunter kann mehr Zeit für sich selbst, für FreundInnen, Verwandte, politisches/ehrenamtliches Engagement, Bildung, Hobbies, etc. fallen.

Geschlechtliche Teilung von Arbeit: In Österreich arbeiten besonders viele Frauen in Teilzeit-Jobs und erhalten deswegen im Alter eine geringe Pension. Ein Vorteil der Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich läge darin, dass Frauen mehr Geld zum Leben hätten und zugleich im Alter nicht mehr so häufig von Armut betroffen wären. Frauen leisten derzeit den Großteil der unbezahlten Versorgungs- und Hausarbeit. Eine Arbeitszeitverkürzung müsste jedenfalls  auch mit einer grundlegenden Neuverteilung von unbezahlter und bezahlter Arbeit zwischen Männern und Frauen einhergehen.

Gesundheitliche Auswirkungen: Aus medizinischer Sicht ist mittlerweile klar, dass lange Arbeitszeiten psychische und körperliche Folgen nach sich ziehen. Mit folgenden fünf Risiken ist bei einer täglichen Arbeitszeit von neun, zehn oder sogar zwölf Stunden zu rechnen: Progressiver Anstieg der Ermüdung, geringere Leistung pro Zeiteinheit, höheres Arbeitsunfallrisiko, höherer Krankenstand und Probleme hinsichtlich Aufnahme und Abbau von gesundheitsschädigenden Arbeitsstoffen im Körper.

Verhältnis Arbeitslosigkeit und Überstunden: Es ist ein offensichtlicher Widerspruch: Österreich liegt im EU-Vergleich an dritter Stelle bei der Zahl der geleisteten Überstunden. Gleichzeitig ist die Arbeitslosigkeit auf einem Höchststand. Eine Arbeitszeitverkürzung würde Überstunden reduzieren und neue Arbeitsplätze schaffen.

Elend des Kapitalismus: Eine Debatte über Arbeitszeit macht greifbar, wie ungleich Arbeit in unserer Gesellschaft verteilt ist. Der Kampf für Arbeitszeitverkürzung kann ein erster wichtiger Schritt sein, um die Ungerechtigkeiten des kapitalistischen Systems und gleichzeitig eine Perspektive für ein selbstbestimmteres Leben aufzuzeigen.

Sonja Luksik ist mosaik-Redakteurin, studiert Politikwissenschaft und arbeitet bei der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB).

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