Sexarbeit in der Corona-Krise: Vom Staat im Stich gelassen

LEFÖ

Sexarbeiter*innen dürfen in der Corona-Krise ihrer Arbeit nicht nachgehen und sind oft von Unterstützungsleistungen ausgeschlossen. Das hat dramatische Konsequenzen, wie Maria Hörtner vom Verein LEFÖ berichtet.

Dass Migrant*innen durch globale Ungleichheit dazu gezwungen werden, prekäre, nicht abgesicherte und oftmals informelle Tätigkeiten auszuüben, ist nichts Neues. Nun sind viele dieser Berufe auf einmal „systemrelevant“ und Politiker*innen betonen ihre Notwendigkeit. Der österreichische Staat lässt Pfleger*innen und Erntehelfer*innen einfliegen und bemüht sich, diese Wirtschaftszweige nicht einbrechen zu lassen. Auch migrantische Sexarbeiter*innen gehören zur Gruppe der Arbeitsmigrant*innen. Der Großteil von ihnen ernährt mit dieser Tätigkeit ganze Familien in den Herkunftsländern. Sexarbeiter*innen fühlen sich vom Staat im Stich und alleine gelassen, von Unterstützungsleistungen sind sie zumeist ausgeschlossen.

Geschlossene Prostitutionslokale

Spricht der Verein LEFÖ mit Sexarbeiterinnen darüber, was ihre aktuell dringlichsten Forderungen sind und was sie der Öffentlichkeit mitteilen wollen, antworten sie mit: “Wieder arbeiten dürfen!” Das ist ihnen nämlich weiterhin verboten. Am 30. April veröffentlichte Gesundheitsminister Rudolf Anschober eine lang erwartete, für die Betroffenen aber niederschmetternde Klarstellung. Die COVID-19-Lockerungsverordnung stellt klar, dass das Betreten einzelner Einrichtungen trotz der generellen Lockerungen weiterhin verboten ist.

Zu diesem Verbot zählen neben Museen und Bibliotheken auch Freizeiteinrichtungen. Als Freizeitrichtungen gelten unter anderem „Einrichtungen zur Ausübung der Prostitution“. Es ist verständlich, dass Kunden Prostitutionslokale meist in ihrer Freizeit aufsuchen. Doch die dort tätigen Sexarbeiter*innen bieten ihre Dienstleistungen als Arbeit an – und können diese Arbeit jetzt zwei weitere Monate nicht ausüben.

Prekäre Situation

Migrantische Sexarbeiter*innen sind, ähnlich wie Pflegekräfte und Erntearbeiter*innen, eine sehr mobile Community. Viele haben ihren Lebensmittelpunkt nicht in Österreich und reisen ständig zwischen ihren Herkunftsländern und den Arbeitsorten hin und her. Die Schließung der Grenzen hatte für sie drastische Auswirkungen. Viele Sexarbeiter*innen sind gestrandet und sitzen inzwischen seit mehreren Monaten fest. Die Zukunft ist für viele ungewiss und absehbare Reisefreiheit an den Arbeitsplatz ist mehr als unwahrscheinlich. Aufgrund dieser Verhältnisse schlittern migrantische und mobile Sexarbeiter*innen längerfristig in noch prekärere Lebenssituationen.

Faule Kompromisse

Durch den Wegfall des Arbeitsplatzes (der in vielen Fällen auch der Wohnplatz ist) werden „Kompromisse“ eingegangen. Manche Sexarbeiterinnen können unentgeltlich in Prostitutionslokalen wohnen. Teilweise müssen sie aber die Zimmermieten begleichen, sobald sie wieder arbeiten können – es braucht lange, um diese Schulden wieder abzuarbeiten. Auch werden Frauen* zu anderen Mitteln der „Rückzahlung“ gezwungen. Das Risiko, durch diese prekären Situationen in verstärkte Abhängigkeiten gedrängt zu werden ist groß. Der Verlust von Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten ist gerade in akuten Notlagen wie drohende Obdachlosigkeit oder fehlendes Geld besonders schwerwiegend.

Keine Unterstützung

Abgesehen von Beratungsstellen und Selbstorganisationen, die international für die Rechte von Sexarbeiter*innen eintreten, gibt es in dieser besonders schwierigen Situation wenig Unterstützung. Zugang zu staatlichen Hilfeleistungen wie dem Härtefallfonds haben nur die wenigsten Sexarbeiter*innen in Österreich. Theoretisch ist Sexarbeit legal und sind Sexarbeiter*innen als „Neue Selbständige“ registrierungs- und steuerpflichtig. Doch die Praxis sieht anders aus.

In Tirol zum Beispiel haben Bordell-Betreiber*innen mehrere Sexarbeiterinnen unter einer gemeinsamen Steuernummer angemeldet, was für einzelne Frauen* den Zugang zu Hilfsleistungen verunmöglicht. Ebenso lassen sich Sexarbeiter*innen aus Angst vor Diskriminierung und Stigmatisierung oftmals nicht offiziell registrieren. Vor allem aber besteht der Großteil der in Österreich offiziell tätigen Sexarbeiter*innen aus Migrant*innen , die aus allen Unterstützungsmechanismen herausfallen.

Sorge um Gesundheit

Sexarbeiter*innen wurden und werden noch immer als Bedrohung für die „Volksgesundheit“ gesehen und als kollektive „Krankheitserreger*innen“ abgestempelt. Diese Argumentation droht auch in der Corona-Krise, um Bordelle weiterhin geschlossen zu halten.

Dabei sind Sexarbeiter*innen in dieser Gesundheitskrise (genauso wie alle anderen Arbeiter*innen) bemüht, sich und andere zu schützen. Viele Sexarbeiterinnen, mit denen LEFÖ Kontakt aufnimmt, sind über ihre Gesundheit während der Arbeit besorgt. Doch je länger ihre Arbeit verunmöglicht wird und die Zeit ohne Einkommen andauert, umso mehr verwandeln sich ihre Befürchtungen in bittere Realität.  Hinzu kommt, dass migrantische Sexarbeiterinnen oft vielfach von der öffentlichen Gesundheitsversorgung ausgeschlossen und somit einem höheren Risiko ausgesetzt sind.

Schutz für alle

Die Corona-Krise bringt auf den Punkt, was davor schon klar war: Schutz für die gesamte Bevölkerung kann nur gewährleistet werden, wenn wirklich alle geschützt werden. Dazu zählen auch undokumentierte migrantische Sexarbeiter*innen. Die Auswirkungen der gesellschaftlichen, sozialen und politischen Marginalisierung sowie ökonomischen Prekarisierung von Sexarbeit ist jedoch enorm.

Um die Situation von migrantischen Sexarbeiter*innen zu verbessern, braucht es mehr als akute Hilfsleistungen, Almosen und Mitleid. Sexarbeiter*innen fordern schon seit langem Zugang zu Gesundheits- und Sozialleistungen, die Legalisierung von undokumentierten Migrant*innen und ein Ende von polizeilicher Kontrolle, Verhaftungen und Abschiebungen. Es braucht eine komplette Entkriminalisierung von Sexarbeit und vor allem eine radikale Veränderung des globalen kapitalistischen Wirtschaftssystems, um soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten zu beenden. Es braucht dringend ernst gemeinte Anerkennung und Involvierung von Sexarbeiter*innen – in Corona-Zeiten und darüber hinaus.

Mehr Infos zum Verein LEFÖ- Beratung, Bildung und Begleitung für Migrantinnen* und den speziellen Arbeitsbereich von LEFÖ TAMPEP- Informations-, Beratungs-, und Gesundheitspräventionsarbeit für Migrantinnen* in der Sexarbeit finden sich hier.

Maria Hörtner ist Soziologin aus Wien und arbeitet bei “LEFÖ – Beratung, Bildung und Begleitung von Migrantinnen*” im Arbeitsbereich TAMPEP / Informations-, Beratungs- und Gesundheitspräventionsarbeit für Migrantinnen* in der Sexarbeit.

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