Corona-Hotspot Ischgl: Das System Tirol ist schuld

Foto: Alessio Milan

Der Tiroler Skiort Ischgl ist zur Corona-Drehscheibe Europas geworden. Verantwortlich dafür ist die Entscheidung, den Normalbetrieb so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Denn für die wirklichen Machthaber Tirols, die Tourismusbetriebe, war der Profit wichtiger als die Gesundheit der Menschen, schreibt Jakob Hundsbichler.

5. März, Reykjavik: Die isländische Gesundheitsbehörde erklärt in einer Pressekonferenz den Skiort Ischgl zum Corona-Risikogebiet. Vierzehn mit dem Coronavirus infizierte Ski-Urlauber kehrten Tage zuvor aus Tirol nach Island zurück. Bald darauf laufen die Telefonleitungen des Tiroler Landeshauptmanns Günther Platter heiß. Die Ischgler Hoteliers und Seilbahn-Betreiber sind erzürnt: Die Ski-Saison eine Woche früher zu beenden, würde für die Tiroler Tourismus-Branche finanzielle Einbußen in Millionenhöhe bedeuten. Immerhin sind es die großen Liftgesellschaften und Hoteliers, die in den Tälern Tirols sagen, wo es lang geht.

Abriegelung viel zu spät

Mittlerweile gilt Ischgl als die europäische Drehscheibe des Coronavirus. Im beliebten Skigebiet haben sich zwei Wochen lang tausende internationale Gäste mit dem Virus angesteckt und dieses so nach ganz Europa getragen. Erst acht Tage nach der isländischen Reisewarnung reagiert die Tiroler Landesregierung. Ischgl und St. Anton am Arlberg werden isoliert. Viel zu spät, wie ExpertInnen sagen. Doch immer noch werden die Maßnahmen dem Ernst der Lage nicht gerecht. Alle anderen Skigebiete in Tirol bleiben das Wochenende über weiter geöffnet. Liftbetreiber weigern sich, die Saison zu beenden. Die Après-Ski-Partys gehen weiter. Die Ausbreitung des Virus schreitet währenddessen voran.

Auch bei der Abriegelung der Tiroler Ortschaften und der Schließung der Lifte verläuft das Krisenmanagement der Landesregierung chaotisch, der Schutz der Bevölkerung misslingt. Hunderte Gäste, die aus Ischgl und St. Anton am Arlberg vorzeitig abreisen müssen, bekommen keine Reisemöglichkeit ins Heimatland organisiert. Für den Großteil steht nur ein Flug am Tag danach zur Verfügung. Sie quartieren sich privat in Innsbruck ein und schleppen das Virus in die Hotels der Landeshauptstadt.

„Alles richtig, alles richtig, alles richtig gemacht“

Die Landesregierung weist die Kritik von sich. Die Gäste hätten nämlich ein Formular (nur auf Deutsch) in ihren Hotels unterschrieben, indem sie sich verpflichteten, Tirol ohne Zwischenstopp zu verlassen. Im Interview mit Armin Wolf gibt der zuständige Gesundheits-Landesrat Bernhard Tilg immerwährend die gleiche Antwort: „Die Behörden haben alles richtig gemacht“. Statt einzugestehen, dass durch das fahrlässige Handeln  tausende Menschenleben gefährdet wurden, halten die Verantwortlichen stur daran fest, nichts falsch gemacht zu haben.

 

Laut der „Süddeutschen Zeitung“ ist davon auszugehen, dass sich mehr als tausend Menschen aus ganz Europa in Ischgl angesteckt haben. Für viele skandinavische Länder gilt das Gebiet als Haupt-Infektionsort ihrer Corona-PatientInnen. Hätte die Landesregierung früher gehandelt, wäre es nicht zu einer solchen Ausbreitung gekommen. Die große Frage ist also: Warum hat die Tiroler Landesregierung nicht gehandelt und eindeutige Warnzeichen fahrlässig ignoriert? Und warum zögerte sie die Maßnahmen so gefährlich lange hinaus?

1.000 Nächtigungen pro EinwohnerIn

In Tirol bedeutet ein vorzeitiges Beenden der Ski-Saison vor allem eines: massive finanzielle Einbußen für die Bergbahn-Lobby. Tirol hängt wie kaum ein anderes Bundesland vom Tourismus ab. Bei 750.000 EinwohnerInnen gab es im letzten Jahr 50 Millionen Nächtigungen. In Ischgl kommen auf nur 1.500 EinwohnerInnen 300.000 Touristen und 1,5 Millionen Nächtigungen, davon über 80 Prozent in der Wintersaison. Auf jedeN EinwohnerIn kommen also 1.000 Nächtigungen.

Gerade für entlegene Bergtäler ist der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle und eine Jobgarantie für viele Menschen. Im Bezirk Landeck, zu dem Ischgl gehört, arbeiten 42 Prozent im Tourismus. Der Tourismus verhindert damit auch die Abwanderung junger Menschen. Genau das ist es, was seiner Lobby eine so starke Macht über die Politik der Tiroler Landesregierung verschafft.

Das System Tirol

In den letzten Jahrzehnten haben sich die Profiteure des Tourismus zunehmend konzentriert. Nur nach außen hin stehen die Skigebiete in harter Konkurrenz zueinander. Tatsächlich ist die Branche, wie die Firmenbücher zeigen, über diverse Aktiengesellschaftsstrukturen eigentlich monopolisiert.

Die großen Liftgesellschaften halten als Absicherung Aktienanteile vom jeweiligen Konkurrenten. Diese Praxis beschränkt sich schon lange nicht mehr nur auf die Skigebiete. Die Schultz-Gruppe zum Beispiel umfasst fünf Skigebiete, einen Golfplatz, mehrere Hotels und Beherbergungsbetriebe, eine Werbeagentur, ein Reisebüro und inzwischen auch eine Baufirma. Martha Schultz, neben ihren beiden Brüdern Eigentümerin der Gruppe, ist Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Österreich. Die Möglichkeit, die ökonomischen Geschicke der Tiroler Täler zu gestalten, konzentriert sich in den Händen Einzelner. Und das sind nicht die gewählten PolitikerInnen, sondern UnternehmerInnen und Vermögende.

Bergbahn-Lobby in Ischgl

Eine Woche nach dem Chaos in Ischgl bleibt indes klar: Im Interesse der Gesundheit der Bevölkerung hätten die Skigebiete und insbesondere Ischgl sofort geschlossen werden müssen, um eine weitere Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. Demgegenüber standen die Interessen der Bergbahn-Lobby, um jeden Preis und so lange wie möglich weiter abzukassieren.

Doch es bleiben Fragen offen: Für Ischgl ist die aktuelle Situation ein enormer Image-Schaden. Selbst aus Sicht der LiftbetreiberInnen und Hoteliers wird das Krisenmanagement langfristig negative Folgen haben. Die Tiroler Landesregierung hat nicht nur die Gesundheit und Interessen der Tiroler Bevölkerung den Profiten der Bergbahn-Lobby untergeordnet und zugelassen, dass sich das Coronavirus nach halb Europa verbreitet. Sie hat damit auch einen vermeidbaren Imageschaden für den Tiroler Tourismus verursacht. Wenn das das Ziel war, hat die Landesregierung wirklich alles richtig gemacht.

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