Zwischen Überwachung und Selbstbestimmung: Klassenkampf im Home-Office

Andrew Neel

Wer profitiert vom Home-Office? Sind es die Beschäftigten, die selbstbestimmter arbeiten oder doch Firmen, die ein höheres Arbeitspensum verlangen können? Die Frage ist offen, schreibt Benjamin Herr. Die Antwort hängt davon ab, wie der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit im Betrieb ausgeht.

Mit Corona spitzt sich die soziale Ungleichheit in der Arbeitswelt zu: Baustellen bleiben offen und die Lieferdienste weiterhin prekär. Sowohl im Pflegebereich als auch in der Landwirtschaft wird die Abhängigkeit von niedrig bezahlten, migrantischen Arbeitskräften sichtbar. Beschäftigte in Niedriglohnbranchen, darunter vor allem der Einzelhandel, sind einem größeren Ansteckungsrisiko ausgesetzt. Viele andere Branchen greifen wiederum auf das Home-Office zurück – doch wie ist das zu bewerten?

Nicht alle können ins Home-Office

Home-Office ist grundsätzlich nur für einen geringen Anteil der unselbstständig Beschäftigten in Österreich möglich. Dass nicht alle ins Home-Office können, zeigen die fast 200.000 neu gemeldeten Arbeitslosen. Es sind die Menschen, deren Arbeit nicht profitabel nach Hause verlagert werden kann. Jobs, in denen das ohne weiteres möglich ist, sind rar gesät.

Der Bau, der Handel, der Gesundheits- und Sozialbereich oder die Produktion: All diese Bereiche, in denen physische Anwesenheit nicht durch digitale Technologien ersetzbar ist, fassen einen Großteil der österreichischen Erwerbsbevölkerung. Von zuhause aus können lediglich Bürotätigkeiten erledigt werden, und auch hier nur mit Abstrichen.

Vor Corona nur für drei Prozent möglich

Wer von zu Hause aus arbeiten kann und darf, ist auch eine Frage der Hierarchie in Unternehmen. Hat man Führungsverantwortung, ist das Home-Office eher Teil des Arbeitsalltags. Auch deshalb sind es vor allem Menschen mit höherem Einkommen, für die das Home-Office eine Option ist. Vorreiter_innen dieser Modelle finden sich im Technologie- und Telekommunikationsbereich. Viele Unternehmen sträuben sich aber weitgehend gegen eine allgemeine Möglichkeit zum Home-Office: zu groß ist die Angst, Kontrolle abzugeben und der Zweifel, ob die Beschäftigten dann auch wirklich produktiv sind.

Unternehmen bieten zwar vermehrt Home-Office an, letztendlich aber nur für ausgewählte Einzelpersonen oder definierte Zielgruppen: Im gesamten EU-Raum arbeiten neun Prozent der abhängig Beschäftigten nicht ständig im Büro. In Österreich ging man von drei Prozent der Beschäftigten mit Möglichkeit zum Home-Office aus. Mit dem Ausbruch der Corona-Epidemie änderte sich das schlagartig. Viele Betriebe satteln unvorbereitet und plötzlich auf die Arbeit von zuhause um: Das bietet Chancen, aber auch Risiken.

Die Vorteile: Vereinbarkeit, Zeitersparnis, Ökologie

Die Arbeitsforschung diskutiert Home-Office im weiteren Kontext flexiblen Arbeitens und des Abbaus von zeitlichen und örtlichen Grenzen des Büros. Das Arbeiten von zu Hause bringt dabei seine Vorteile mit sich. Die bessere Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und anderen Lebensbereichen spricht für das Home-Office: Durchschnittlich sparen Menschen dadurch über vier Stunden in der Woche, gerade berufstätige Eltern ziehen daraus einen Nutzen.

Auch aus ökologischer Sicht wären erweiterte Home-Office Möglichkeiten zu begrüßen: Mehr als die Hälfte der österreichischen Erwerbsbevölkerung arbeitet nicht in der eigenen Gemeinde und pendelt deshalb zum Arbeitsplatz, meistens mit dem Auto; alleine nach Wien tun das jeden Tag 180.000 Menschen. Menschen im Home-Office können eher selbstbestimmter arbeiten – unter der Voraussetzung, dass der ermöglichte Gestaltungsspielraum nicht durch ein übergroßes Arbeitspensum oder interne Konkurrenzmechanismen beschnitten wird.

Die Nachteile: Erreichbarkeit, Zerstückelung, kein Abschalten

Denn die Nachteile sind nicht weit. Wenn das Management nicht gewillt ist, klare Richtlinien zur Erreichbarkeit zu setzen, stellt sich schnell ein Wettbewerb zwischen den Beschäftigten ein. Gibt es unternehmensintern den Druck erreichbar zu sein, dann ist auch die Autonomie dahin. Erhöhte Erreichbarkeit zerstückelt dabei den Arbeitstag; das Resultat: eine Abfolge vieler kleiner Arbeitstätigkeiten – eine E-Mail da, ein Telefonat dort- von morgens bis abends.

Arbeitspsychologisch gesprochen führen diese Zustände des Nichtabschaltens langfristig zu emotionaler Erschöpfung, aus diesem Grund schalten manche großen Konzerne dann auch mit Arbeitsschluss ihre Server ab. Auch ein überhöhtes Arbeitspensum, Zeitdruck, Tracking und Überwachung machen aus dem Home-Office den privaten Sweatshop.

Gut oder schlecht? Das entscheidet der Klassenkampf

Der rasante Anstieg an Corona-bedingtem Home-Office bringt dementsprechende Chancen für die Beschäftigten mit sich, aber auch Gefahren. In der Ausgestaltung der Möglichkeiten zeigt sich der Interessenskonflikt zwischen Kapital und Arbeit: Auf der einen Seite gewinnen Menschen selbstbestimmte Lebenszeit zurück. Sei es weil sie weniger Pendeln müssen oder schlichtweg während des Wartens auf eine E-Mail die Küche putzen können.

Unternehmen wiederum geben unmittelbare Kontrolle ab, möchten aber dass Arbeitskraft effizient eingesetzt wird. Home-Office ist deshalb an sich noch nichts Fortschrittliches. Erst die konkrete Gestaltung zeigt, ob es Teil einer progressiven Arbeits(zeit)politik ist.

Sich organisieren für mehr Entscheidungsmacht

Generell müssen dafür die Rahmenbedingungen klar definiert sein: klar definierte Arbeitszeiten, klar definierte Erreichbarkeit und ein klar definiertes Arbeitspensum. Gerade in Zeiten von Corona ist das brisant: Unternehmen mussten gezwungenermaßen innerhalb kürzester Zeit auf Home-Office umstellen. Beschäftigte mit Kindern können zudem auf keine externe Kinderbetreuung zurückgreifen. Es ist ein komplett neuer Raum, der hier entsteht und über den wir bisher nur Anekdotisches wissen: wie Familien ihren Alltag gestalten, wie erreichbar Arbeitskräfte sind und wie Betriebe die Arbeitsleistung kontrollieren. All das sind relevante Fragen, um die gegenwärtigen und zukünftigen Veränderungen in der Büroarbeit einschätzen zu können.

Nur wer Entscheidungsmacht über die Rahmenbedingungen hat, kann aus dem Home-Office einen positiven Beitrag ziehen. Damit es kein weiteres Tool zur Profitsteigerung wird, braucht es starke Betriebsräte und eine miteinander vernetzte Belegschaft, um auch in diesen angespannten Zeiten und darüber hinaus etwas davon haben.

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