Klimakrise: Zeit für friedliche Sabotage

Foto: Ripperda

Während die Regierungen wissenschaftlichen Diskursen hinterherhinken, beschleunigen sich die Klimaerhitzung und Ökosystemzerstörung immer weiter. Bisherige Protestformen haben mehrheitlich einen symbolischen Charakter. Doch reicht das aus? Friedliche Sabotage richtet sich direkt an die zerstörenden Konzerne. Eine Überlegung wert, angesichts der wenigen Zeit, die noch bleibt?

Die Vorhaben der österreichischen Regierung und die Versprechen der Staaten auf der letzten Weltklimakonferenz sind beide nicht weitreichend genug, um die menschengemachte Klimaerhitzung oder das Massensterben der Arten aufzuhalten. Während Politik und Wirtschaft weiter im business as usual verharren, überschreiten globale Ökosystem ihre Kipppunkte. Diese sind unumkehrbar, mit dramatischen Folgen. Die zerstörenden Praktiken fossiler Konzerne saugen der Biosphäre förmlich das Leben aus den Adern. Die Durchsetzung profitgesteuerter Ziele ist durch eine Fülle von Gewalt geprägt, die Menschen in die Flucht zwingt, ihrer Gesundheit schadet oder ihren Tod verursacht.

Verträge, Abkommen und Bekundungen haben bis heute nicht zum nötigen Wandel geführt. Das wirft in den Umwelt- und Klimabewegungen Fragen auf. Wie kann der Druck erhöht werden? Braucht es andere Strategien? Wenn Regierungen diese Konzerne nicht stoppen, müssen wir das selbst in die Hand nehmen?

Mit Gewaltfreiheit zum Investitionsrisiko

Friedliche Sabotage versucht der Zerstörung von Lebensraum direkt etwas entgegenzusetzen. Während Akte des symbolischen Zivilen Ungehorsams Regeln übertreten, um Aufmerksamkeit zu erregen, geht friedliche Sabotage ein Stück weiter. Im Fokus steht das Ziel, die zerstörerischen Praktiken fossiler Konzerne zum Erliegen zu bringen.

Neben dem Verhindern der zerstörenden Praktiken geht es auch darum, den größtmöglichen wirtschaftlichen Schaden zu erzeugen. Wenn Investor*innen ihre Gelder zurückziehen und Konzerne zum Investitionsrisiko werden, lohnen sich die sabotierten Praktiken nicht mehr.

Friedliche Sabotage, ganz unkompliziert

Das kann durch Blockaden geschehen, die möglichst lange gehalten werden. Menschen setzen sich mit ihren Körpern dafür ein, einen zerstörenden Vorgang zu stoppen. Proteste wie jener gegen den Bau des Lobautunnels kommen dieser Aktionsform nah.  Das Ziel ist hier nicht, auf den Bau dieses Tunnels hinzuweisen, sondern ihn zu verhindern.

Weiter kann friedliche Sabotage durch direktes Lahmlegen der Infrastruktur geschehen. Kohleförderbänder, Gasleitungen oder sonstige Betriebsanlagen können die Ziele sein. Vorgemacht hat das die Anti-Atom-Bewegung der 1970er Jahre. Die indigenen Wet‘suwet‘en in Kanada, die sich einem Konzern, der auf ihrem Territorium eine Gaspipeline bauen will, in den Weg stellen, sind ein gutes Beispiel aus der Gegenwart.

Wo beginnt Gewalt?

Geschäftsmodellen, die darauf beruhen unsere Lebensgrundlagen zu zerstören, wirtschaftlichen Schaden zuzufügen, ist keine Gewalt. Als Bürger*innen westlicher Demokratien, die historisch und gegenwärtig ganz besonders von diesem System profitieren, ist es eine Pflicht die eigenen Privilegien einzusetzen und Gegenwehr zu leisten. Während die Erdatmosphäre sich weiter erhitzt und Ökosysteme zusammenbrechen, ist das Aufbegehren von Umwelt- und Klimagerechtigkeitsbewegungen eine legitime Notwendigkeit. Als unumstößliches Mantra gilt, nicht der menschlichen Unversehrtheit zu schaden.

Auch wenn dies in anderen Ländern und Kontexten ein anderer Fall sein kann. Das Leben und die Unversehrtheit von Menschen in Ländern und Regionen des Globalen Südens sind oft unmittelbar bedroht. Daher ist dort der Aspekt der Gewalt als Mittel der Gegenwehr anders zu bewerten.

Ein weiteres Instrument im Repertoire

Friedliche Sabotage ist keine Aktionsform, die Demonstrationen und Zivilen Ungehorsam ablöst. Die verbindungschaffenden und wirkmächtigen Demonstrationen, die durch die Innenstädte ziehen und aufsehenerregende Blockaden, auf Kreuzungen, vor Regierungsgebäuden oder Konzerneinfahrten, bleiben zentraler Bestandteil bestehender Protestkultur. Darüber hinaus sind die Mobilisierungspotentiale sind längst nicht ausgeschöpft. Die Umwelt- und Klimagerechtigkeitsbewegungen sind angehalten an ihrem Potential der Massenmobilisierung festzuhalten.

Friedliche Sabotage ist ein weiteres Instrument, im Repertoire des gewaltfreien zivilgesellschaftlichen Widerstandes gegen die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen.

Irritationen sind einkalkuliert

Keine Frage, Sabotageakte werden Irritationen hervorrufen, auch wenn sie friedlich bleiben. Doch auch beim Akt der friedlichen Sabotage können wir davon ausgehen, dass die Akzeptanz in der Gesellschaft mit der Zeit wächst – so lange Konzepte gut durchdacht und argumentativ unterfüttert sind.

Dafür ist es hilfreich, einen Blick in die vergangenen drei Jahre zu werfen. Bewegungen wie Fridays for Future, und noch mehr Extinction Rebellion oder Ende Gelände haben zahlreiche Debatten über Legitimität und Legalität von Akten des Zivilen Ungehorsams ausgelöst. Den meisten Menschen waren ihre Protestformen neu, doch mit der Zeit wuchs die Akzeptanz. Und das nicht zum ersten Mal. Schließlich sind es jene regelübertretenden Protestformen mit denen unsere Vorfahr*innen, die, die uns heute als selbstverständlich erscheinenden, Recht und Freiheiten erkämpft haben.

In den Umwelt- und Klimagerechtigkeitsbewegungen ist die Akzeptanz schon da. Ende Geländes Aktionsform der Kohlegruben- oder Gasterminalblockaden oder Extinction Rebellion Deutschlands Besetzung des Wirtschaftsrates der CDU sind nicht weit vom Akt der friedlichen Sabotage entfernt.

Polarisierung fordert Positionierung

Dennoch wird friedliche Sabotage unweigerlich zu mitunter heftigen Kontroversen führen. Das ist gut so! Es wird Zeit, stärker zu polarisieren. Politiker*innen die sich mit einem Selfie stolz zwischen die Fridays-for-Future-Aktivist*innen auf ihren Protesten stellen oder im TV behaupten sie hätten ihre volle Unterstützung, bringen uns nicht weiter.

Friedliche Sabotage verhindert dagegen nicht nur unmittelbar die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen, sie verlangt auch von Politiker*innen sich zu positionieren: Stehen sie auf der Seite zerstörender fossiler Konzerne oder der Gestaltung einer solidarischen, gerechten und lebenswerten Gesellschaft?

Die Folgen der menschengemachten Klimaerhitzung und Ökosystemzerstörung nehmen fortlaufend zu: Extremwetter, Trinkwassermangel, Ernteausfälle, Krankheitserreger und weitere Bedrohungen für die menschliche Gesundheit gehören bereits zum Alltag. Um noch schlimmere Entwicklungen und soziale Katastrophen zu vermeiden, ist es dringend nötig, umgehend Maßnahmen zu ergreifen. Friedliche Sabotage ist ein möglicher Weg.

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