#Dannibleibt: Warum ein hessischer Wald in Wien gerettet werden könnte

Foto: BUND Bundesverband

Der Dannenröder Forst wird für eine Autobahn gerodet. Während die Wald-Besetzungen in Deutschland seit vergangener Woche geräumt werden, formiert sich in Wien Widerstand. Denn der zuständige Baukonzern, Strabag SE, hat seinen Hauptsitz in Österreich. Tamara Ussner und Sebastian Kühle liefern die Hintergründe zum Protest.

Der Dannenröder Forst, liebevoll von Aktivist*innen auch „Danni“ genannt, ist ein 300 Jahre alter Dauer-Mischwald in Hessen, und Teil eines Wasserschutzgebietes. Im Oktober 2019 besetzten Aktivist*innen den Danni, seither wohnen sie im Wald. Erinnerungen der Waldbesetzung im Hambacher Forst kommen auf. Die Intention der Besetzung ist nämlich ähnlich: Erhalt eines funktionierenden Ökosystems, anstatt dessen Zerstörung durch CO2-intensive Megaprojekte. Die A49 soll direkt durch den gesunden, 300 Jahre alten Danni, weitergebaut werden. Ausgerechnet für eine Autobahn werden insgesamt 85 Hektar Wald, davon 25 Hektar des Dannenröder Forst, gerodet.

Autobahnbau in der Klimakrise

Für ein verkehrspolitisches Projekt aus der Steinzeit, dessen Hauptplanungen in den 70ern und 80ern stattfanden, soll dieser gesunde Wald weichen. Und das während die Kippunkte unseres Klimasystems in vollem Gange sind. Die Politik diskutiert seit Jahren über eine notwendige Mobilitätswende. Was es bräuchte, ist klar: In urbanen Räumen ist es ein rascher Ausbau von Fuß-und Radwegen sowie von öffentlichen Verkehrsmitteln. In ländlichen Bereichen ist es ein flächendeckender Ausbau von schnellen und zuverlässigen Zugverbindungen. Stattdessen werden Autobahnen gebaut, als gäbe es kein Morgen mehr.

Protest im Wald

Aber der Protest gegen dieses Projekt wächst, und hat viele unterschiedliche Formen und Gesichter. Es gibt einige Politiker*innen die sich gegen das Megaprojekt A49 aussprechen, aber auch Menschen die den direkten Protest vor Ort gewählt haben. Die Aktivist*innen im Wald leben gemeinsam im Widerstand, aber es geht um mehr als nur dieses Autobahnprojekt zu verhindern. Es geht um ein Zusammenleben, welches auf grundsätzlicher Solidarität und dem Kampf für eine neue, gerechtere Welt basiert.

Seit die Räumung der Baumhäuser und die Rodung des Waldes wieder begonnen haben, stellen sich die Waldbesetzer*innen diesen Bauarbeiten mit nichts Geringerem als ihren eigenen Körpern in den Weg. Für den Schutz des Dannis und gegen ein ausbeuterisches und destruktives System. Ein begrenzter Planet verträgt kein unendliches Wachstum, das auf fossilen Energieträgern und massiver Zerstörung von Naturraum basiert. Die Menschen im Wald stellen sich konsequent gegen diese absurde Zerstörung unser aller Lebensgrundlagen. Dabei werden sie überforderten und teils unqualifizierten Polizist*innen ausgesetzt, die Leute fehlerhaft aus Bäumen schneiden und dadurch ihr Leben gefährden. Es gab bereits mehrere verletzte Aktivist*innen, zwei davon verletzten die Polizist*innen schwer. Gleichzeitig rennt uns die Zeit davon, um das derzeitig, prognostizierte Worst Case Szenarium einzudämmen. Wir können uns einfach auf so vielen verschiedenen Ebenen keine massiven Investitionen in Autobahnen mehr leisten.

Der Widerstand in Wien

Am 13.11.2020 besetzten Menschen die Laxenburgerstraße in Wien. Damit machten sie darauf aufmerksam, dass es der Baukonzern Strabag SE ist, der das Autobahnprojekt durchführt. Strabag SE hat seinen Hauptsitz in Wien. Das Unternehmen baut die letzten zwei Teilabschnitte der A49, deren zukünftige Auslastung sowieso fraglich ist. Das österreichische Unternehmen ist unter den 20 größten Baukonzernen weltweit. Damit ist es führend in jenem Sektor, der für eine hohe Menge der globalen CO2-Emissionen verantwortlich ist. Viele Projekte von Strabag SE stehen in Zusammenhang mit dem Ausbau von Infrastruktur für motorisierten Individualverkehr und der Versiegelung von wichtigen Bodenflächen. Letztere sind wichtig für CO2-Speicherung, Nahrungsmittel und nachwachsenden Ressourcen durch biologische Landwirtschaft oder Waldfläche.

Der Widerstand in Wien macht darauf aufmerksam, dass die Klimakrise uns alle angeht. Und alle lokal aktiv werden können und müssen. Auch südöstlich von Wien soll ein Autobahnprojekt durch das gesunde Ökosystem der Lobau gebaut werden. Um die Kippunkte unseres Klimasystems noch zu verhindern, müssen wir Klimawandeltreiber wie Strabag SE öffentlich thematisieren und zur Verantwortung ziehen. Aber lässt unternehmerischer Wachstumszwang, und der damit einhergehende extensive Raubbau an unserem Planeten, Verantwortung für die Klimakrise zu? Könnte Strabag SE diesen Auftrag auch ablehnen, um hier eine zukunftsfähige Haltung einzunehmen?

Besetzung der Laxenburgerstraße in Wien (c) dannibleibtwien

Worten müssen Taten folgen

Ja, könnten sie! Angesichts des rasanten Sterbens unserer Ökosysteme weltweit gibt es gar keine andere logische Konsequenz, als die Rodung des gesunden Dannis aufzugeben. Aber Politik und Entscheidungsträger*innen in der Wirtschaft haben es verabsäumt Rahmenbedingungen zu schaffen, um alte und nicht mehr zukunftsfähige Projekte neu zu bewerten. Sobald Verträge unterschrieben sind, ist für die Verantwortlichen alles in Stein gemeißelt. Auch die Geschichte rund um den Danni reiht sich in viele absurde verkehrspolitische Entwicklungen und Projekte ein. Anhand dieser wird klar, dass Politiker*innen und Verantwortliche im Wirtschaftsbereich ihren Worten seit Jahrzehnten keine angemessenen Taten folgen lassen. Der einzige vernünftige Weg, nämlich vom Bau der Autobahn abzusehen und den gesunden Wald leben zu lassen, wird nun von Menschen erkämpft, die dort im Wald leben, und gleichzeitig um ihre eigene Zukunft kämpfen.

In Zeiten der globalen Klimakrise und des europäischen Klimanotstandes müssen wir veraltete, lokale (Verkehrs-)Projekte den zukünftigen Bedingungen und Bedürfnissen für eine klimagerechte Welt anpassen. Business as Usual wird die rasant anwachsenden Probleme und Herausforderungen nicht lösen. Neben einer Transformation der Unternehmensziele von Großkonzernen und dem basisdemokratischen Erstellen von zukunftsfähigen Klimastrategien, braucht es auch die erneute Prüfung geplanter Großprojekte auf ihre Zukunftstauglichkeit. Wir können uns ein weiter wie bisher nicht mehr leisten. Aber so lange die Entscheidungsträger*innen den Weg des sozialökologischen Raubbaus an Mensch und Natur wählen, bleibt Klimagerechtigkeit Handarbeit.

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