Bank Austria: nur mehr Bank der österreichischen Regionen?

Foto: Spiegelneuronen

Die Finanzbranche ist in Aufruhr: das KleinkundInnengeschäft der Bank Austria, einst Bank des Roten Wiens, soll verkauft werden und um ihre Aktivitäten in Osteuropa stehe es auch nicht gut. Finanzmarktanalystin Gitti Hell über die bewegte Gerüchteküche der österreichischen Bankenbranche und die Zukunft des Finanzplatzes Wien.

Ein Gerücht, welches vor kurzem in den Medien gelandet ist, beschäftigt die heimische Finanzbranche schon seit mehreren Monaten: Was, wenn die italienische Bank UniCredit, einer der größten Bankkonzerne in Europa, im März des kommenden Jahres den sog. „Vertrag der Regionen“ auslaufen lässt, in dem verankert wurde, dass die österreichische Bank Austria das Kompetenzzentrum des Bankkonzerns für das Osteuropa-Geschäft darstellt? Der Standard berichtete am 19.10. 2015 noch weiters, dass die heimische Bank Austria nicht nur der Osteuropa-Aktivitäten verlustig werden könnte, sondern die italienische Mutter laut Eigentümerkreisen auch erwägt, das KleinkundInnengeschäft (retail business) der Bank Austria an die vom Hedge Fonds Cerberus geführte BAWAG zu verkaufen.

Die Spitze…

Arbeitsplatzeinbussen, Wertschöpfungsverluste, Schwächung des Finanzplatzes Wien als Osteuropa-Kompetenzzentrum, usw. – in diese Richtung gehen vor allem die negativen Reaktionen auf die potenzielle Restrukturierung der Bank Austria. Sie sind mit Sicherheit nicht unbegründet, der geplante Stellenabbau im UniCredit-Konzern von rund 10.000 MitarbeiterInnen wird nicht spurlos an Wien vorübergehen. Allerdings stellt sich die Frage, welche Alternativen für UniCredit und Bank Austria angesichts eines herausfordernden bankwirtschaftlichen Umfelds in Europa bestehen. Nicht nur die UniCredit, auch andere europäische Großbanken arbeiten derzeit an einer Reorganisation ihrer Konzernstrukturen, die nicht selten eines zum Ziel haben: eine Redimensionierung, sprich Schrumpfung, der Geschäftsaktivitäten. Die Deutsche Bank will ihr „zu komplexes“ Geschäftsmodell durch Tochterverkäufe, Filialschließungen und der Ausgliederung des Investmentbankings fit für die Zukunft machen, die britische Barclays Bank will ganze Geschäftslinien, die unprofitabel sind, stilllegen, die Schweizer UBS hat sich schon 2012 entschieden, sich auf die Vermögensverwaltung zu konzentrieren und andere Geschäftsfelder abzubauen. Dies alles sind Anzeichen einer Restrukturierung der europäischen Bankenbranche, die durch die Finanzmarktkrise 2008 notwendig wurde. Die Krise offenbarte nämlich ein überdimensioniertes europäisches Bankensystem, das auf einer nicht gerade kleinen Menge von toxic assets, wie nicht-profitable Finanzanlagen genannt werden, sitzt. Dabei handelt es sich jedoch nicht, wie vielfach kolportiert, ausschließlich um riskante und spekulative Finanzpapiere wie Derivate, etc., sondern zu einem Großteil um stinknormale Kredite an PrivatkundInnen in Europa. So belaufen sich alleine im Euroraum die notleidenden Kredite (non performing loans) auf ca. 850 Milliarden Euro – das entspricht ungefähr dem Doppelten des österreichischen Bruttoinlandsproduktes (BIP). Sie haben sich im Vergleich zur Vorkrisenperiode verdoppelt und zeugen von einer schwächelnden europäischen Konjunktur. Denn der Großteil der geplatzten Kredite entfällt auf Kredite an Unternehmen, deren Investitionen sich nicht gerechnet haben. Die Bankenkrise in Europa ist also nur zum Teil durch spekulative Finanzmarktinvestitionen, die als Krisenursache der Banken in den USA gelten könnten, erklärbar*.

Die Quote der notleidenden Kredite der Bank Austria liegt laut Angaben der Bank bei 9,0 Prozent, d.h. nahezu zehn Prozent der Kredite der Bank Austria sind derzeit nicht werthaltig. Ein Großteil dieser notleidenden Kredite stammt aus dem ost- und südosteuropäischen Raum.

….des Eisberges

Damit ist die Bank Austria mit ähnlichen Problemen konfrontiert wie die zwei anderen österreichischen Großbanken, Erste Group und Raiffeisen Zentralbank Österreich (RZB), und offenbart die strukturellen Schwächen des österreichischen Bankensystems:

  • Mit einem Verhältnis von Bilanzsumme der Banken zu BIP von über 350 Prozent ist der österreichische Bankensektor im europäischen Vergleich überdurchschnittlich groß.
  • Zudem entfällt ein Großteil dieser Bilanzsumme, umgerechnet 150 Prozent des BIP,  auf Risikopositionen im Ausland.
  • Und dieses Auslandsexposure ist wiederum zu zwei Drittel auf Zentral-, Ost- und Südosteuropa konzentriert. So heterogen die Länder dieser Region auch sein mögen, von den Finanzmärkten werden sie als eine Region mit ähnlicher Krisenneigung wahrgenommen und als „emerging markets“ eingestuft.

Damit weist der österreichische Bankenmarkt überdurchschnittlich hohe systemische Risiken auf. Die Bank Austria trägt mit ihrer Bilanzsumme und ihren Osteuropa-Aktivitäten zu einem nicht unerheblichen Teil zu diesem Risiko bei. Daher können die Restrukturierungspläne der UniCredit aus Gründen der Systemresilienz positive Effekte haben: muss die Bank Austria ihre Osteuropa-Töchter an die UniCredit abgeben, reduziert sich schlagartig die Bilanzsumme der österreichischen Banken und damit würde der österreichische Bankensektor im Vergleich zum BIP kleiner werden. Auch das Konzentrationsrisiko der österreichischen Banken in Osteuropa würde schrumpfen und damit die österreichischen SteuerzahlerInnen von potenziellen Krisenkosten entlasten. Es würde nicht automatisch das Risiko der italienischen SteuerzahlerInnen erhöhen, da in der Finanzmarkttheorie die Diversifikation von Risiko (z.B. unterschiedliche geographische Risikoexponierung, wie es das italienische Bankensystem auch nach Übernahme der Osteuropa-Aktivitäten der Bank Austria hätte) das Risiko insgesamt senkt.

Während also ein kleinerer, weniger im Osten exponierter Bankensektor in Österreich durchaus wünschenswert wäre, bleibt noch die Frage der Arbeitsplatzverluste in der heimischen Bankenszene. Kurzfristig könnten die Arbeitsplätze durch einen Verbleib der Osteuropa-Töchter  bei der Bank Austria erhalten bleiben. Werden jedoch die beschriebenen systemischen Risiken, insb. das Klumpenrisiko in Osteuropa schlagend, kann es mittelfristig zu weitaus höheren volkswirtschaftlichen Kosten und Wohlfahrtsverlusten führen, als bei Bankensystemen, die geringeren systemischen Risiken ausgesetzt sind und kein exzessives Kreditwachstum betrieben haben, wie es bei österreichischen Banken in Zentral-, Ost- und Südosteuropa festgestellt werden kann. Überkapazitäten im Bankensektor in einer kriselnden europäischen Wirtschaft aufrechtzuerhalten, kann weder von WirtschaftspolitikerInnen noch von BetriebsrätInnen Teil einer wirtschaftspolitischen Strategie sein, außer man möchte dem japanischen Beispiel folgen.

Gitti Hell ist Finanzmarktanalystin und Journalistin in Wien.

*Literaturtipp
Kader, M./Schwarzer, U. (2015): Akkumulation reloaded. Wie Notenbanken und Staaten die Profite retten. In: Prokla – Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Nr. 179, 277-296.

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