Abgrund Praktikum in der Generation Prekär

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Die „Generation Praktikum“ ist seit Jahren in aller Munde. Im Anschluss an ein Gespräch mit Veronika Kronberger von der GPA-djp über die „Watchlist Praktikum“ spinnt Georg Layr einige Gedanken zu den Abgründen dieser augenzwinkernden Gesellschaftsdiagnose.

Ende zwanzig, sechs Jahre studiert, währenddessen in einer Bar und im Catering-Bereich gearbeitet, im Sommer ein Praktikum – natürlich unbezahlt. Nun, einen Abschluss in der Tasche, in der „freien Wildbahn“ des Arbeitsmarktes stellt man fest, dass man leider völlig unterqualifiziert ist. Studium und sporadische Arbeitserfahrungen reichen gerade einmal für ein weiteres Praktikum; immerhin „bezahlt“: 500 Euro im Monat für das nächste halbe Jahr. Übernahme danach? Mal sehen…

Klingt bekannt? Ist es auch! Laut Jugendmonitor des Wirtschaftsministeriums (BMWFW) absolvierten zwei Drittel aller 18- bis 24-Jährigen bereits mindestens ein Praktikum. Bei Studierenden sind laut Studierendensozialerhebung davon nur knapp über die Hälfte vergütet – ohne auf die Höhe der Bezahlung einzugehen. Die Statistiken bekräftigen einen Trend, den viele junge Menschen ohnehin aus ihrer eigenen Erfahrung kennen: Praktika sind ein wesentlicher Teil der neuen Arbeitsrealität und ein zunehmend üblicher Modus des prekären Berufseinstieges. Medien spreche von der „Generation Praktikum“. Tatsächlich sind es traditionell eher Berufsfelder der sogenannten Mittelschicht, in denen Praktika absolviert werden, auch wenn klassische ArbeiterInnenberufe  zunehmend auch betroffen sind. Zwar sind Praktika ein Phänomen, das vor allem bei Menschen in Ausbildung in Erscheinung tritt, dennoch steigt die Zahl jener, die auch nach dem Abschluss weiter als PraktikantIn beschäftigt werden.

Veronika Kronberger, zuständig für atypische Beschäftigungsverhältnisse bei der Gewerkschaft GPA-djp, sieht den Trend zu Praktika auch als Phänomen einer Generation, die erstmals seit 1945 nicht den Wohlstand ihrer Eltern erreichen werde. Im österreichischen Arbeitsrecht existiert die Kategorie „Praktikum“ eigentlich nicht. Lediglich sogenannte „Pflichtpraktika“, beispielsweise in Berufsschulen, oder „Volontariate“ unterliegen einer rechtlichen Definition. Auch, wenn sie sich in einem juristischen Graubereich bewegen, klar ist, dass ein Praktikum nur zulässig wäre, wenn es einen eindeutigen Fokus auf Ausbildung legt. Leider ist hinlänglich bekannt, dass es sich meistens tatsächlich um versteckte Anstellungsverhältnisse handelt; zu gut kennt man das Bild von kaffeekochenden und kopierenden PrakitkantInnen. Praktika sind damit eine von vielen prekären Beschäftigungsformen: Zeithorizont, Bezahlung sowie soziale und rechtliche Absicherung liegen unter gängigen Standards.

Praktikum und Prekariat im Neoliberalismus

Paradoxerweise handelt es sich bei den besonders prekären Formen von Praktika um eine vergleichsweise privilegierte soziale Schicht. Je höher die soziale Herkunft von Studierenden, desto mehr Praktika werden absolviert, ermittelte die Studierendensozialerhebung 2011. Dies weist nicht nur auf eine zunehmende Krise der Beschäftigung in ehemals sehr gesicherten Milieus hin. Deutlich wird auch: Man muss sich prekäre Beschäftigung erst leisten können. In der neoliberalen Verwertungslogik sind Praktika eine Investition in den eigenen Arbeitsmarktwert. Leider ist es tatsächlich nicht unüblich sich etwa bei der Familie und/oder FreundInnen Geld zu leihen, um diese Phasen intensiver, unbezahlter Arbeit zu überbrücken.

Letztlich bedeutet dies eine Individualisierung und Auslagerung von Risiken der Ausbildung zu Lasten von Schwächeren. Wo es vor nicht allzu langer Zeit weit verbreitet war, in einem Vollzeit-Anstellungsverhältnis erste Arbeitserfahrungen zu sammeln und praktische Fertigkeiten zu erlangen, wird heute zunehmend erwartet, dass junge ArbeitnehmerInnen sich bereits auf eigene Kosten, womöglich sogar im gleichen Betrieb, alle notwendigen Fähigkeiten angeeignet haben. Eine Art prêt-à-porter-ArbeitnehmerIn für ArbeitgeberInnen also.

Durch Praktika verlängert sich die Ausbildungszeit junger Menschen weiter und verspätet den Einstieg ins (Norm-)Arbeitsleben, übrigens ein Argument, das in der Pensionsdebatte von Unternehmensvertretungen ungern gehört wird. In der Studierendensozialerhebung 2011 wird auch deutlich, dass es insbesondere Frauen sind, die über Praktika einen Berufseinstieg versuchen (müssen). Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Sicher hängen sie mit schlechteren Chancen auf einem sexistisch strukturierten Arbeitsmarkt zusammen, wo zusätzlich Berufe und Betätigungsfelder, die mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden, systematisch geringer (wenn überhaupt) bezahlt, anerkannt und abgesichert sind.

Praktika sind jedoch nicht nur als Phase individueller Belastung und sozialer Selektion ein Problem, sondern wirken im Kontext allgemeiner Prekarisierungstendenzen auch auf Menschen in Normalarbeitsverhältnissen. Wenn PraktikantInnen schlecht oder gar unbezahlt die gleiche Arbeit übernehmen wie Angestellte, steigt selbstverständlich auch für diese der Leistungsdruck und die Angst ersetzt zu werden.

„Der derzeit hohe arbeitsrechtliche Standard in Österreich kann nur erhalten werden, wenn gleichzeitig die Ränder nicht ausfransen“, meint Veronika Kronberger. Diese Ränder seien allgemein ältere und jüngere ArbeitnehmerInnen, sowie schwache gesellschaftliche Gruppen, insbesondere unter MigrantInnen, welche zunehmend unter Druck geraten am Arbeitsmarkt konkurrenzfähig zu sein. Derartiger Druck mache verwundbar und erleichtere die Ausbeutung durch den Arbeitgeber.

Die „Watchlist Praktikum“ der GPA-djp

ArbeiterInnenvertretungen haben PraktikantInnen als Zielgruppe erkannt. Veronika Kronberger betont die Schwierigkeiten gewerkschaftlicher Unterstützung von PraktikantInnen: „Das Problem bei Praktika war immer, dass es daran gescheitert ist, dass Betroffene sich nicht trauen zu klagen.“ Für sie ist deutlich, dass ein diesbezügliches Angebot niederschwellig und vor allem auch anonym sein müsse.

Die GPA-djp betreibt nun eine Website namens „Watchlist Praktikum“ in der Menschen die Möglichkeit haben, ihre Praktika-Erfahrungen anonym zu teilen und Missstände in Betrieben offenzulegen. Die oft eklatanten Arbeitsrechtsbrüche können dann in einem weiteren Schritt auf rechtlichem Wege mit Beistand der Gewerkschaft eingeklagt, beziehungsweise an die Krankenkassen weitergeleitet werden.

Derartige Kampagnen- und Skandalisierungsarbeit ist notwendig, da trotz offensichtlicher Missstände nur wenige PraktikantInnen bereit oder in der Lage sind, ihre Rechte einzufordern. Auch Gewerkschaftsarbeit auf betrieblicher Ebene ist durch die lose und kurzfristige Integration von PraktikantInnen oft nur schwer möglich. Die Exponiertheit von jungen ArbeitnehmerInnen auf dem Arbeitsmarkt erhöht die Bereitschaft jede gebotene Möglichkeit, so schlecht sie auch sein mag, dankbar anzunehmen. Der Kampf um bessere Arbeitsbedingungen für PraktikantInnen muss daher auch in eine allgemeinere und offensive Debatte um derzeitige Arbeitsverhältnisse und die Frage von guter Arbeit im 21. Jahrhundert eingebettet sein.

Gute Arbeit im 21. Jahrhundert?

Zusammenfassend sind meines Erachtens folgende Schritte notwendig

  1. Erstens gilt es eine klare arbeitsrechtliche Definition von Praktika, insbesondere von solchen die verpflichtend im Rahmen von Ausbildungen absolviert werden, zu erkämpfen.
  2. Dies bedeutet, zweitens, auch eine klare Forderung nach (z.B. kollektivvertraglicher) Vergütung. Unbezahlte Praktika müssen gänzlich abgeschafft werden. In Frankreich sind unbezahlte Praktika bereits verboten und auch in Deutschland müssen zumindest solche, die über drei Monate dauern, bezahlt werden. Sowohl Punkt 1 als auch Punkt 2 dürfen aber nicht zu einer Art „Arbeitsrecht light“ – und damit zu weiteren Aushöhlung von Standards führen. Das heißt, bei Praktika muss klar der Ausbildungscharakter im Vordergrund stehen.
  3. Drittens, und das ist sicherlich der wesentliche Punkt, muss eine grundlegende Debatte um gute Arbeit im 21. Jahrhundert geführt werden, die sich zentral mit der Frage des Prekariats, und damit auch von Praktika, auseinandersetzt. Diese Debatte kann nicht auf der Ebene der SozialpartnerInnenschaft, der AK und der Gewerkschaften belassen werden kann. In einer Zeit steigender Arbeitslosigkeit haben Gewerkschaften kaum die Macht aus der Defensive zu kommen und die Frage nach guter Arbeit zu stellen. Nicht zuletzt deshalb, weil die Konfliktlinien hier auch quer durch die Gewerkschaften laufen können und diese selbst politisch fragmentieren.

Jenseits von Arbeitslosenstatistiken scheint Arbeit kaum ein öffentliches Thema zu sein. Im Kapitalismus werden wir jedoch auch weiterhin um bessere Arbeitsbedingungen kämpfen müssen und derzeit scheint es wichtig, über die Verteidigung einzelner Errungenschaften hinauszugehen und wieder Grundlegendes zu fordern. Dafür muss Arbeit wieder ein zentrales Thema für die Linke werden. Und eines, wofür wir auch bereit sind zu kämpfen.

Georg Layr arbeitet akademisch und aktivistisch zum arabischen Raum und Flüchtlingen aus Syrien. Er ist Aktivist bei den GPA-djp Studierenden.

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