So sieht der Alltag geflüchteter junger Frauen in Wien aus

Foto: Carlo Alberto Aldi

In einem ehemaligen Pensionist_innen-Wohnhaus in Wien Ottakring betreut der Arbeiter-Samariterbund seit August 2015 um die 60 unbegleitete, minderjährige Geflüchtete. Knapp über die Hälfte der Bewohner_innen sind junge Frauen und Mädchen. Jasmin Kassai, die sich bei sich bei Flucht nach vorn engagiert, ermöglicht uns einen Einblick in den Alltag dreier junger Frauen.

Parvin (17), Hafiza (17) und Ehnaz (17) (Anm.: Namen von der Redaktion geändert) – drei junge afghanische Frauen – haben sich in einem Erstaufnahmezentrum in Österreich kennengelernt und sind im vergangenen Monat in die Ottakringer Unterkunft eingezogen. Ihr gemeinsamer Lebensalltag ist geprägt vom Besuch des täglichen Deutschkurses, an dem geflüchtete Jugendliche mit unterschiedlichen Herkunftssprachen teilnehmen. Dieser findet außerhalb der Unterkunft in einer Bildungsinstitution im 17. Wiener Gemeindebezirk statt.

Für alle drei Mädchen hat das Erlernen der deutschen Sprache derzeit eindeutig den höchsten Stellenwert. Ihnen kann es nicht schnell genug gehen, bis sie sich ausreichend im Alltag verständigen können. Hafiza würde am liebsten ständig lernen. Auch für den freien Nachmittag nach dem Kurs wünscht sie sich Einzelunterricht, um schneller voran zu kommen. In ihrem Herkunftsland hat sie nie lesen und schreiben gelernt und beginnt nun hier den Alphabetisierungsprozess in einer komplett neuen Sprache. „Mir fällt das Lernen schwerer als anderen, ich bräuchte mehr Unterstützung und ein engeres Betreuungsverhältnis“, erzählt sie. Verständlich, denn in den stark standardisierten Deutschkursen wird nicht auf besondere Bedürfnisse oder unterschiedliche Voraussetzungen der Jugendlichen eingegangen. Vor allem Frauen und Mädchen werden in Afghanistan aus dem Bildungssystem ausgeschlossen. 80 Prozent der Frauen in Afghanistan können nicht lesen und schreiben. Eine Herausforderung, auf die Deutschkurse in Wien nicht ausgelegt sind.

Die Stadt erkunden

Wenn der Deutschkurs endet steht der Nachmittag den Mädchen zur freien Verfügung. Parvin verbringt ihre Freizeit am liebsten damit, Wien und die Umgebung der Stadt zu erkunden. Sie ist besonders interessiert an historischen Orten, die sie auch gerne alleine besucht: „Wir bekommen regelmäßig Wochentickets, um uns innerhalb der Stadt fortbewegen zu können. Für alle Fahrten außerhalb von Wien müssen wir selbst aufkommen. Das ist ein erheblicher finanzieller Mehraufwand, denn mit 21 Euro Taschengeld pro Woche muss ich sparsam umgehen.“ Mobilität ist für Parvin ein wesentlicher Bestandteil von Integration: „Wenn ich Teil einer Gesellschaft sein soll, so muss ich mich frei bewegen können.“ Auf der Flucht hat Parvin einige Bekanntschaften gemacht. Die Menschen stehen ihr auch heute noch sehr nahe und sind mittlerweile Ersatz für die Familie in Afghanistan. „Ich habe viel Kontakt zu einer afghanischen Familie in Krems, die ich auch öfter mal besuchen möchte.“ Wenn sie nicht gerade unterwegs ist, liest Parvin am liebsten Bücher von persischen SchrifstellerInnen wie Hafiz und Sadi. Die Bücher besorgt sie sich in der städtischen Hauptbücherei.

Die Unterkunft organisiert in größeren Abständen Freizeitaktivitäten wie Fotografie-Kurse und Stadterkundungen, an denen die jungen Frauen gelegentlich teilnehmen. Generell wünschen sie sich aber ein regelmäßigeres Freizeitangebot mit Rücksicht auf ihre individuellen Interessen. Parvin will seit längerem Gitarrenunterricht nehmen, eine Betreuerin ermöglicht ihr das nun auf privater Basis.

Das Zusammenleben

Das Zusammenleben in der Unterkunft funktioniert im Großen und Ganzen gut. Regelmäßig gibt es Hausversammlungen, an denen alle Bewohner_innen teilnehmen um Organisatorisches zu besprechen. Jedes der vier Stockwerke hat eigene Betreuer_innen, die zum Teil auch Farsi sprechen. Das Zimmer teilen sich die jungen Frauen mit jeweils ein oder zwei weiteren Personen.

Besuch dürfen alle nur bis 21 Uhr empfangen, danach müssen hausfremde Menschen die Unterkunft verlassen. Für die jungen Frauen ist das ein Problem. Ehnaz würde gerne Freund_innen, die nicht in Wien wohnen, einladen. Allerdings bräuchten diese dann auch einen Schlafplatz. Parvin würde gerne ihr Zimmer ausmalen und nach ihren individuellen Vorstellungen einrichten, um sich heimischer zu fühlen. Ein lebenswertes Dasein geht schließlich über die Erfüllung der Gründbedürfnisse hinaus.

Kontakt zu Menschen außerhalb der Unterkünfte gibt es für unbegleitete, minderjährige Geflüchtete kaum. „Die meisten begegnen mir mit Respekt, andere wiederum weniger. Das ist in jeder Gesellschaft so. Wenn ich den Menschen allerdings mit einem Lächeln gegenüber trete, kommt auch meistens ein Lächeln zurück“, sagt Parvin. Genauso wenig wie die jungen Frauen mit Menschen außerhalb der Unterkünfte in Kontakt kommen, haben sie Zugang zur deutschsprachigen Berichterstattung. Von den asylpolitischen Diskursen in den Medien zeigen sich die Mädchen aber ohnehin wenig beeindruckt. „Ich interessiere mich nicht für Politik und Nachrichten, warum soll ich lügen. Die PolitikerInnen in meinem Herkunftsland haben die Menschen immer nur unterdrückt. Ich will jetzt einfach nur ein normales Leben in Sicherheit“, argumentiert Hafiza.

Pläne für die Zukunft

Für die Zukunft haben alle drei Frauen große Pläne. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll,“ meint Ehnaz. Nach dem Deutschkurs wollen sie erstmal den Hauptschulabschluss nachholen und danach die Ausbildung an einer Hochschule fortsetzen. Ehnaz möchte Management und Wirtschaft studieren, Parvin strebt schon immer danach, Bauingenieurin zu werden und den orientalischen mit dem westeuropäischen Baustil zu kombinieren. Hafiza würde am liebsten im Sozialbereich arbeiten und später jenen Menschen helfen, die sich in ihrer jetzigen Situation befinden.

Die Ottakringer Unterkunft müssen die jungen Frauen jedoch spätestens ab Erreichen des 18. Lebensjahres verlassen. Was danach kommt, ist unklar. Fest steht, dass sie in Wien bleiben möchten, vor allem wegen der guten Infrastruktur und den vielen Anlaufstellen.

Jasmin Kassai studiert Humanmedizin, ist Sozialreferentin der Österreichischen HochschülerInnenschaft und aktiv bei Flucht nach vorn.

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