»Romaria«: Wallfahrt gegen Rassismus

Andrés Pasquis

Am 6. Mai fand bereits zum achten Mal die »Romaria« statt. Die Wallfahrt in Solidarität mit Flüchtlingen wurde heuer vom Don Bosco Flüchtlingswerk und der Katholischen Aktion veranstaltet. Mit dabei waren aber auch linke AktivistInnen. Rainer Hackauf berichtet über wichtige Allianzen und vielfältigen Widerstand gegen Rassismus.

Die Wallfahrt führte vom niederösterreichischen Schwechat durch den Süden Wiens und und endete in der Pfarre Inzersdorf-Neustift. Auch heuer nahmen vor allem solidarische Menschen teil, die in der Flüchtlingsarbeit aktiv sind und AsylwerberInnen und Geflüchtete selbst. In den letzten Jahren hat sich der UnterstützerInnenkreis rund um die Wallfahrt jedoch deutlich über das religiöse Spektrum hinaus ausgeweitet: So haben in den vergangen Jahren neben NGOs wie der Asylkoordination, SOS-Mitmensch oder Attac auch immer wieder basisgewerkschaftliche AktivistInnen um die UNDOK-Anlaufstelle und linke Gruppen zur Teilnahme an der Wallfahrt aufgerufen. Die Romaria ist damit ein erfreulicher Fixpunkt im antirassistischen Jahreskalender geworden. Zeit für Gespräche und Begegnungen bei – zumeist – schönem Wetter bietet sich doch entlang der zwölf Kilometer langen Route jedes Jahr wieder aufs Neue.

„Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört!”

Ursprünglich kommt die »Romaria« aus Brasilien, wo die Landlosenbewegung MST (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra, dt. Bewegung der Landarbeiter ohne Boden) derartige Wallfahrten mit tausenden TeilnehmerInnen abhält, um solidarisch für eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung einzutreten. Die MST kämpft mit Versammlungen, Massenblockaden und Landbesetzungen gegen die extrem ungleiche Verteilung des Bodens, aber sie wendet sich auch gegen die Politik von internationalen Konzernen und Regierungen.

Was aber hat dies mit Migration hierzulande zu tun? Sehr viel, wie schon 2012 in einem Aufruf von antirassistischen AktivistInnen dargelegt wurde! Unter dem Slogan „Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört!” weisen Selbstorganisationen von Geflüchteten im deutschsprachigen Raum schon seit Jahren auf den Zusammenhang zwischen Flucht, Vertreibung, Migration und jener zerstörerischen Politik der ursprünglichen Akkumulation hin, welche die Lebensgrundlagen vieler Menschen im globalen Süden zerstört: sowohl über die Ausbeutung von Bodenschätzen, sogenanntes Landgrabbing, industrielle Fischerei als auch über die Politik der Verschuldung und Strukturanpassungsprogramme durch IWF und Weltbank, aber auch die Wirtschafts- und Außenpolitik der EU.

EU: Abschottung statt Solidarität

Angesichts solcher neokolonialen Verhältnisse ist es nur allzu verständlich, wenn Menschen aus ihren Ländern weggehen. Sie fordern lediglich ihren Anteil an Glück und materieller Sicherheit, also einem „gutem Leben“, wie es heuer von Walter Rijs von der Katholischen Aktion gleich zum Auftakt der Wallfahrt hieß.

Auf der »Romaria« wurde aber auch heuer nicht an Kritik an der Militarisierung der EU-Außengrenzen und der Abschottung der EU gespart. Herbert Langthaler von der Asylkoordination machte im Zuge eines Redebeitrags vor allem auch auf die schon lange sehr restriktive Vorreiterrolle Österreichs in Sachen Flüchtlingsabwehr in Europa aufmerksam. So wurde die Externalisierung von Flüchtlingspolitik vor die Grenzen der EU vom ehemals „linken“ SPÖ-Vordenker Manfred Matzka bereits Anfang der 1990er Jahre maßgeblich entwickelt und im Zuge des Kriegs im Kosovo zum ersten Mal erprobt. Mittlerweile sind die Instrumente der Externalisierung vielfältiger geworden: Abkommen mit der Türkei sollen die Migration über den Landweg in die EU weitgehend verhindern, an den EU-Außengrenzen sollen in enger Kooperation mit autoritären Regimen Flüchtlingslager aufgebaut werden. Diese Maßnahmen können die Flucht nach Europa zwar nicht stoppen, aber den Preis in die Höhe treiben: Kosten für SchlepperInnen stiegen in den letzten Monaten stark an. Die Flucht wird wieder gefährlicher, wie die erneut steigende Anzahl von Toten nicht nur im Mittelmeer beweist.

Zwischenstopp am Friedhof

Das Gedenken an die Opfer des europäischen Grenzregimes stand auch dieses Jahr wieder bei einem Zwischenstopp am Islamischen Friedhof im Mittelpunkt. Dort sind zahlreiche der Flüchtlinge begraben, die im August 2015 auf ihrer Flucht im Burgenland den Tod in einem LKW fanden, wie Gernot Galib Stanfel von der Islamischen Glaubensgemeinschaft die unmittelbaren Konsequenzen der herrschenden Flüchtlingspolitik in Erinnerung rief.

„Das Asylrecht wurde innerhalb von sechs Jahren acht Mal novelliert, internationale Konventionen werden missachtet und Menschen werden in ein Land abgeschoben, für das die höchste Reisewarnstufe gilt. Kurz: Österreich demonstriert menschliche und soziale Kälte. Es ist wichtiger denn je, zu zeigen dass wir diese Politik nicht unterstützen“, kritisierte Eva Kern, Geschäftsführerin des Don Bosco Flüchtlingswerks die Abschiebepolitik der SPÖ-geführten Bundesregierung. Dabei würden Lösungsvorschläge auf der Hand liegen: „Legale Fluchtmöglichkeiten nach Europa“ und die Ermöglichung von „Familienzusammenführungen“. Zum Abschluss der diesjährigen Wallfahrt in der Pfarre Inzersdorf-Neustift übernahmen Geflüchtete selbst das Mikrofon und gaben einen kurzen Einblick in ihre Fluchtgeschichten, berichteten aber vor allem über die Herausforderungen in Österreich, unter prekären Lebensbedingungen Wohnung und Arbeit zu finden.

Die Linke und die Religion

Im Zuge des Rechtsrucks der Sozialdemokratie waren es nicht zuletzt die religiösen Institutionen, die immer wieder hörbare Kritik an der aktuellen Flüchtlingspolitik Österreichs und der EU übten. Scharfe Kritik kam dabei nicht nur von hochrangigen KirchenvertreterInnen, Formen des mehr oder weniger „stillen Kirchenasyls” und Widerstand gegen Abschiebungen sind in zahlreichen Kirchengemeinden schon lange gelebte Praxis. In Zeiten wie diesen ist die gesellschaftliche Linke dazu aufgefordert, ihre Scheuklappen abzulegen, stärker auf progressive religiöse Institutionen zuzugehen und Kooperationen und Bündnisse zu suchen.

Rainer Hackauf ist basisgewerkschaftlich und antirassistisch aktiv. Er ist aktiv im Verband zur gewerkschaftlichen Unterstützung undokumentiert Arbeitender.

Kommentare

Kommentare