Abpfiff auf der Venediger Au: Fußballwiese wird zubetoniert

Foto: Wikimedia Commons

Die Stadt Wien plant eine „Sport & Fun“-Halle auf dem Areal der Venediger Au – und ignoriert damit sowohl die Anliegen der Anrainer:innen als auch die Flächenwidmungspläne der Au. Mosaik-Redakteur Moritz Ablinger berichtet.

Die Jugendsportanlage Venediger Au wartet auf ihr Ende. Das Areal am Rande des Parks in der Venediger Au, unmittelbar nordöstlich des Pratersterns im zweiten Bezirk, liegt brach. Die eingezäunte Wiese, auf der man Fußball spielen konnte und die am Wochenende öffentlich zugänglich war, wuchert vor sich hin. Es ist mehr G‘stätten als Rasen. Das angrenzende Gebäude mit den Umkleidekabinen, trotz der bunten Graffitis an der Fassade unscheinbar, ist verschlossen. Nur durch die Fensterscheiben kann man noch ins Innere schauen, es ist menschenleer, auch der Großteil der Einrichtung ist verschwunden. An diesem schwülen Mittwochnachmittag sportelt hier niemand.

Geht es nach der Stadt Wien soll die Anlage im Juni verschwinden – und durch eine neue ersetzt werden. Eine „Sport & Fun“-Halle soll hier entstehen, ein Beachvolleyball- und Tennisplatz sind ebenso vorgesehen wie Fitnessgeräte und Turnsäle. Kicken soll man auch weiterhin können. „Mit diesem Projekt können wir den Leopoldstädter*innen Freiflächen und eine nach modernsten Anforderungen errichtete Sporthalle zur Verfügung stellen“, sagte Bezirksvorsteher Alexander Nikolai bei der Präsentation im Dezember. Die Fertigstellung ist für Sommer 2023 geplant, 15 Millionen Euro sind für den Bau veranschlagt.

Hoher Preis für neue Sporthalle

Nur: Die Halle hat noch einen höheren Preis. „Die Halle wird den Charakter des Parks nachhaltig verändern“, sagt Eric Kläring, der im anliegenden Stuwerviertel wohnt, dort ein Grätzllokal samt selbstgebauter Terrasse betreibt. Und er ist Sprecher einer lokalen Bürger:inneninitative, die sich gegen den Bau der Halle einsetzt. „Das Ding hat eine ganz andere Dimension.“ 7.300 Quadratmeter misst das Areal der Jugendsportanlage, nur einen Bruchteil davon macht heute das Gebäude mit dem Kabinentrakt aus. Die Halle soll fast die Hälfte des Geländes umfassen – und mit 13 Metern auch fast drei Mal so hoch sein. „Die versiegeln und verbauen damit eine große Wiese“, sagt Kläring. „Das ist nicht mehr zeitgemäß.“

Der gesamte Park in der Venediger Au hat knapp 32.000 Quadratmeter, über zehn Prozent wären nach der Errichtung von der Halle verstellt. Dabei wäre diese im Flächenwidmungsplan gar nicht vorgesehen. Gewidmet ist der Fußballplatz bisher als Erholungsgebiet, Grünland, Sport- und Spielplatz mit dem Zusatz, dass auf dem Gelände kein Gebäude errichtet werden darf. Bevor die Halle gebaut werden dürfte, müsste der Gemeinderat also einer Änderung des Widmungsplans zustimmen. Das aber dürfte der Stadt zu lange dauern, mutmaßt die Bürger:inneninitiatve. Stattdessen wird die Halle als temporärer Bau tituliert, der trotz der momentanen Widmung gebaut werden darf. Umgewidmet kann dann auch erst später werden. „So etwas kommt nicht oft vor, aber es kommt vor“, sagte der Leiter der Wiener Baupolizei Gerhard Cech der Presse.

Unterschriftenliste gegen Verbauung der Venediger Au

„Wir werden einfach vor vollendete Tatsachen gestellt“, sagt Kläring. „Die Einbindung der Anrainer:innen ist ein Witz.“ Zwar habe es Anfang Mai eine Bürger:innenversammlung mit dem Bezirksvorsteher gegeben, auf die Anliegen der Initiative sei dort aber nicht eingegangen worden. Auch die 500 Unterschriften, die die Initiative gegen die Verbauung gesammelt und im Rathaus eingereicht hat, änderten daran nichts.

Ganz so leicht abschütteln will sich die Initiative aber nicht lassen. Sie trifft sich mittlerweile wöchentlich im Café Dezentral im Stuwerviertel. Das Interesse daran steigt. „Am Anfang haben viele Leute gesagt, es ist doch super, dass es eine Sporthalle geben wird“, sagt Kläring. „Aber mittlerweile wächst das Unbehagen.“ Auch die Partei LINKS  und die Grünen Leopoldstadt  meldete Kritik am Bauprojekt an. Ob sich die „Fun & Sport“-Halle noch verhindern lässt, kann Kläring nicht genau einschätzen. Die Bezirksvorstehung sei entschlossen, das Projekt durchzuziehen. „Aber ich komme aus der Architektur, Baupläne können sich verschieben“, sagt er. „Glauben tue ich es erst, wenn das Ding wirklich steht.“

Freiraum statt Palast

Gegründet hat sich die Initiative nicht erst zu diesem Anlass. Sie entstand im Jänner 2015 gegen die schleichende Privatisierung der Kaiserwiese, die auf der anderen Seite der Ausstellungsstraße vor dem Riesenrad liegt. Veranstaltungen wie der Oktoberfestverschnitt „Wiener Wiesn“ und die zirkusartige Dinnershow „Palazzo“ machten aus der öffentlichen Liegewiese eine Eventlocation für Reiche und Trachtenträger:innen. Während die „Wiener Wiesn“ auch für diesen Herbst geplant ist, zog der „Palazzo“ mittlerweile ab. Seit dieser ersten Mobilisierung trifft sich die Gruppe mit unterschiedlicher Regelmäßigkeit. Als sich der Protest gegen die neue Halle formierte, habe es sich bezahlt gemacht, die Initiative von damals nicht einschlafen zu lassen, sagt Kläring.

Ohnehin passiert in der Gegend um den Praterstern sehr viel. Seit 2010 entsteht am Gelände des ehemaligen Nordbahnhofs ein neues Stadtviertel, in dem bis 2025 25.000 Leute wohnen sollen. Das angrenze Areal des Nordwestbahnhofs ist mittlerweile ebenfalls ein Stadtentwicklungsgebiet, ab 2023 sollen 6.500 Wohnungen gebaut werden. „Wir wissen, dass die Stadt wächst, und verstehen diese Entwicklung“, sagt Kläring. „Aber wogegen wir uns wehren ist, das den Stadtbewohner:innen immer mehr Freiräume weggenommen werden. Damit muss Schluss sein.“

Veranstaltungsinformation: Am Samstag wird gegen den Parteitag der Wiener SPÖ demonstriert. Die Abschlusskundgebung findet im Prater nahe der Kaiserwiese statt. Neben Konzerten wird dort ab 16:30 auch in World Cafés diskutiert – über den Kampf um die Lobau und die Zusammenhänge von Friedens- und Klimapolitik.

Kommentare

Kommentare