Schwerpunkt Wohnen VI: Gentrifizierung ist nicht das größte Problem

Foto: Christian Kadluba

„Gentrifizierung“ wurde in den letzten Jahren zum Modebegriff der linken und insbesondere der linksakademischen Szene. Während innerhalb dieser mittlerweile kaum jemand keine Meinung dazu hat, geht die Diskussion an breiten Teilen der Bevölkerung völlig vorbei. Zwar findet Verdrängung aus „hippen“ Stadtteilen in Folge von Aufwertung auch in Wien statt, doch hier gibt es größere Probleme…

Beginnen möchte ich mit einer kritischen Ergänzung zum Text „Direkte Aktion statt Warten auf Häupl“ der Interventionistischen Linken Wien (iL Wien), dessen Stoßrichtung und politische Schlussfolgerungen (Kampf gegen Delogierungen, lokale Mieter_inneninitiativen etc.) ich gut finde.

Die IL hat vollkommen recht, wenn sie feststellt, dass sich Gentrifizierung nicht auf den Zuzug von Student_innen und Künstler_innen beschränkt, sondern aktiv von Politik und Immobilienfirmen forciert wird. Dennoch, in einer kapitalistischen Gesellschaft ist es Tatsache, dass bei steigender Nachfrage und gleich bleibendem Angebot (in den Wiener Altbauvierteln kann kaum noch verdichtet werden) die Preise steigen. Natürlich tragen Zuzügler_innen ins Brunnenviertel zu steigenden Mieten bei (sind aber nicht daran „schuld“!) – die Frage ist eher, wie man damit umgeht.

Gentrifidingsbums

Weniger zustimmen kann ich der Beschreibung von Aufwertung und ihrer Auswirkungen durch die iL Wien: „Die Aufwertung von Vierteln geht häufig mit einer sozialen Desintegration alteingesessener BewohnerInnen und zunehmender Segregation einher.“ Ich habe den Eindruck, dass hier die Maße von London, New York oder Berlin auf Wien umgelegt und Bilder gezeichnet werden, die nicht der Realität entsprechen. Selten ist es hier so, dass pulsierende proletarisch-migrantische Viertel innerhalb kürzester Zeit von einer Armada aus Künstler_innenkollektiven, Bioläden und Immobilienfirmen platt gemacht werden. Wer etwa am Meidlinger Markt mit den Standler_innen spricht, wird dort hören, dass die meisten am liebsten früher als später verkaufen würden. Während das neue Bobo-Café. das vorher leer stand, gesteckt voll ist, herrscht beim Pferdefleischer eher gähnende Leere.

Die von der IL zitierte „günstige Nahversorgung oder das leistbare Wirtshaus ums Eck“ existieren in Wien so nicht. Menschen mit niedrigem Einkommen gehen nicht zu den alteingesessenen Standler_innen am Meidlinger Markt einkaufen, sondern zum Hofer in der Tivoligasse. Das Bier kostet im Wirtshaus oft das selbe wie im hippen neuen Café (3,30 Euro aufwärts aktuell). Mit dem Unterschied, dass das Wirtshaus bestenfalls halb leer ist, was allerdings mehr mit den stagnierenden Löhnen und der hohen Arbeitslosigkeit und weniger mit Gentrifizierung zu tun hat.

Aufwertung für alle!

Aufwertung ist zuallererst einmal etwas sehr Positives. Wer mit den „Alteingesessenen“ in „gentrifizierungsbedrohten“ Altbauvierteln redet, wird feststellen, dass der neue Bioladen gegenüber ihre geringste Sorge ist. Viele wünschen sich, dass ihr Viertel aufgewertet wird, dass die Parks und Gehsteige erneuert werden, dass die Häuser saniert werden, dass es „sauberer“ wird. Gerne würde man weg ziehen, vielleicht in ein Einfamilienhaus nach Purkersdorf, oder zumindest in eine komfortable Gemeindewohnung, ob diese nun in Liesing oder Donaustadt liegt ist da relativ egal – im Gegensatz zu jenen (mich eingeschlossen), die gerne und oft über Gentrifizierung diskutieren. Sie würden selbstverständlich niemals an den Stadtrand ziehen, „weil das ist ja ur weit weg“.

Wenn sich die auch erst von ein paar Jahren neu aus Niederösterreich oder Niedersachsen in die Leopoldstadt gezogene Soziologie-Studentin gegen steigende Mieten im eigenen Viertel engagiert, ist das höchst legitim. Dabei mit der bedrohten migrantischen Familie von nebenan zu argumentieren kommt manchmal ein wenig unlauter rüber. Häufig werden dann die eigenen Vorstellungen von einem guten Leben auf andere projiziert und diese gleichzeitig nur mehr als „Opfer“ gesehen, oder „gedacht“, wie es neuerdings so schön heißt.

Als das Kunst- und Stadtteilprojekt Soho nach Ottakring kam, roch es ganz stark nach Pionierphase – Gentrifizierungsalarm! Doch gleichzeitig brachte die Sanierung des Brunnemarkts Strom, Wasser und fixe Stände und somit eine enorme – und gewünschte – Erleichterung für die dort Beschäftigten. Warum steigen dann die Mieten „SOHOch“, wie es in einem Grafitti heißt? (Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Streetart Gentrifizierung nicht verhindert sondern eher beflügelt. Es gibt nichts Hipperes als Häuserblocks voller Instagram-Motive). Tja, das ist die Frage. Ob es in Wien wirklich räumliche Verdrängung einkommensschwächerer Schichten in großem Ausmaß gibt, ist leider schwer zu beantworten, da die Stadt kleinräumig geordnete sozioökonomische Daten hütet wie ihren Augapfel. Dokumentierte Fälle von Vermieter_innen, die die Bewohner_innen mit allerhand Tricks aus ihren Häusern ekeln, um diese nachher zu sanieren und teurer zu vermieten gibt es mittlerweile genügend. Im Kapitalismus gilt halt am Ende doch das Primat der Ökonomie über die Politik – auch wenn der Mieter_innenschutz im internationalen Vergleich sehr gut ist. Dass die Mieten in Altbauten in den letzten Jahren weit über der Inflationsrate gestiegen sind, ist auch kein Geheimnis. Sie steigen jedoch auch in Grätzln, die derzeit eher abgewertet werden (Geschäfte schließen, Infrastruktur geht verloren), wie etwa dem nördlichen Alsergrund rund um die Liechtensteinstraße.

Für eine aktive Stadterweiterung!

Das Problem ist nicht die Aufwertung an sich, sondern deren häufig negative Begleiterscheinungen. Steigende Mieten sind ein Problem in Gesamt-Wien und werden es in den nächsten Jahrzehnten auch bleiben, wenn die Bautätigkeit mit dem steigenden Bevölkerungswachstum nicht Schritt hält. Hier wären wir nun beim eigentlichen Thema: Laut den offiziellen Prognosen wird Wien 2029 wieder die Grenze von zwei Millionen Einwohner_innen überschritten haben, was in den kommenden Jahren einen enormen Druck auf die Mieten in der ganzen Stadt ausüben wird. Ob es leistbaren Wohnraum für alle gibt, wird letztendlich nicht am Brunnenmarkt oder im Karmeliterviertel entschieden werden. Gebaut werden muss überall, wo es geht – und gehen tut es vor allem in den derzeitigen Randgebieten der Stadt. Dabei wird es auch wichtig sein, mehrere kleine Zentren mit lokaler Identität und Infrastruktur zu schaffen, anstatt einfach Schlafstädte zu errichten. Ob dies etwa bei der Seestadt Aspern gelingt, wie aus dem Rathaus gerne verkündet wird, werden wir wahrscheinlich erst in zwei, drei Jahrzehnten sehen.

Ob die Stadtregierung angesichts von Wirtschaftskrise und Austerität zu einer solchen Stadterweiterungspolitik willens und fähig ist – ich befürchte nicht. Lieber ruht sie sich auf den Erfolgen längst vergangener Zeiten aus. Die Ankündigung, 2000 neue Gemeindewohnungen zu bauen, ist nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein, verglichen mit der Zeit zwischen 1923 und 1933, wo Wohnungen für ein Achtel (!) der Wiener Bevölkerung gebaut wurden. Dass die Stadtregierung ständig den geförderten Wohnbau 1:1 in die Tradition der Gemeindebauten stellt, ist billig – bzw. teuer. Denn es ist natürlich ein Unterschied, ob ich einen Eigenmittelanteil von mehreren tausend oder gar zehntausend Euro für eine Genossenschaftswohnung hinblättern muss, oder einfach eine Gemeindewohnung bekomme.

Es wird ungemütlich werden in Wien, wenn sich kein Widerstand regt. Hier kommt die Linke ins Spiel. Gelingt es ihr, auszubrechen aus Szenelogiken und Szenediskursen? Gelingt es ihr, die Kämpfe um die alltäglichen Bedürfnisse mit dem großen Ganzen zu verbinden? Gelingt es ihr, massenhaft Druck auszuüben für eine andere Stadtpolitik?

Und zum Schluss: Wohnen ist ein Grundrecht! Gleichzeitig ist das Thema ein „schönes“ Beispiel für die Unmöglichkeit, ein gutes Leben für alle durch den kapitalistischen Markt zu organisieren. Das wissen auch die klügeren Köpfe bei SPÖ und Grünen – bloß, was tun sie? Darüber sollten wir auch einmal reden…

Rudi Raclette war Gründer und Präsident der „Freien Volksrepublik Meidling“ (FVM) die sich satirisch mit dem Thema Gentrifizierung auseinandersetzte. Er verstarb im Februar 2015. Für mosaik schreibt er jenseitige Beiträge.

Kommentare

Kommentare