Kirchweger-Ermordung: es geschah vor 50 Jahren

Vor 50 Jahren, am 31. März 1965, wurde der Antifaschist Ernst Kirchweger von einem schlagenden Burschenschafter niedergeschlagen und erlag seinen Verletzungen zwei Tage später. Es waren die Jahre des Verleugnens und des Verschweigens: Österreich bezeichnete sich als das „erste Opfer Hitlers“; diejenigen, die Österreich dazu gemacht hatten und die zwischen 1938 und 1945 das Nazi-Regime begeistert mitgetragen hatten, waren längst wieder rehabilitiert und zu neuen Würden gekommen.

So auch der bekennende Nazi Taras Borodajkewycz, der 1945 als „minderbelastet“ eingestuft worden war und der 1955 einen Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte an der damaligen „Hochschule für Welthandel“ zugeschanzt bekam. Seine „Lehre“ bestand in der Verspottung jüdischer WissenschafterInnen und PolitikerInnen, was von seinen RFS-Studenten jedes Mal mit johlendem Beifall aufgenommen wurde. In diesen Jahren war der „Ring freiheitlicher Studenten“ (RFS) an den Hochschulen eine Macht: Bei den HochschülerInnenschaftswahlen erreichte er stets einen Stimmenanteil von etwa 30 Prozent.

Die Affäre Borodajkewycz

Ab 1961 begann der junge Student Ferdinand Lacina (später Finanzminister) die unerträglichen antisemitischen und nazistischen Ausfälle Borodajkewycz’ in dessen Vorlesungen aufzuzeichnen.

Der junge SPÖ-Klubsekretär Heinz Fischer (später Bundespräsident) begann, Borodajkewycz in zahlreichen Artikeln zu kritisieren und verwendete dabei auch die Zitate aus Lacinas Aufzeichnungen. Borodajkewycz klagte ihn wegen „übler Nachrede“ und da Fischer den Studienabschluss Lacinas nicht gefährden wollte und deshalb den Autor der Mitschriften nicht nannte, wurde er zunächst verurteilt. Erst nach dem Ende der „Affäre Borodajkewycz“ wurde dieses Urteil aufgehoben.

Der junge Journalist Oscar Bronner (später Gründer von „trend“, „profil“ und „Standard“) gewann seinen Vater Gerhard Bronner dafür, Teile von Lacinas Mitschrift zum Thema seiner Kabarett-Sendung im ORF zu machen: In einem fiktiven Interview mit Borodajkewycz, der von Gerhard Bronner dargestellt wurde, sprach er dessen antisemitische und nazistische „Sager“ nach. Am Bildschirm erschien dazu zudem jeweils der Untertitel „Originalzitat“.

Damit erreichte der Protest gegen Borodajkewycz eine breitere Öffentlichkeit: Die Proteste wurden stärker, Resolutionen gegen ihn wurden von zahlreichen Organisationen beschlossen, parlamentarische Anfragen forderten seine Abberufung. Erste Demonstrationen gegen ihn fanden statt.

Auch Borodajkewycz versuchte in die Offensive zu gehen: In einer „Pressekonferenz“ am 23.3., an der vor allem seine Studenten teilnahmen, bekannte er sich „stolz“ zu seiner NSDAP-Mitgliedschaft, bezeichnete die österreichische Nation als „Geflunker“ und beklagte den „tragischen Verlust“ des Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich.

Für den 31.3.1965 hatte das „Antifaschistische Studentenkomitee“ – unterstützt von vielen weiteren Organisationen – zu einer Demonstration aufgerufen. Tausende kamen – aber auch an die 2.000  rechtsradikale Studenten, die den Marsch der Antifaschisten immer wieder zu blockieren versuchten und die Demonstranten mit Wurfgeschossen attackierten. Zahlreiche weitere antifaschistische Demonstranten trugen so leichtere Verletzungen davon, während sich die Gegendemonstranten mit der Falschmeldung, fünf Studenten seien „erstochen“ worden, aufgeilten.

Ernst Kirchweger (12.1.1898 – 2.4.1965)

Auch der überzeugte Antifaschist Ernst Kirchweger nahm an der vom „Antifaschistischen Studentenkomitee“ organisierten Kundgebung gegen den Naziprofessor Taras Borodajkewycz am 31.3.1965 teil.

Als der Demonstrationszug an der Kreuzung von Philharmonikerstraße und Kärntnerstraße von den rechtsradikalen „Gegendemonstranten“ angegriffen wurde, rief er – laut Berichten von Augenzeugen –„man muss doch mit diesen jungen Menschen diskutieren“ und ging auf  eine Gruppe von ihnen zu.

Er kam nicht weit: Der stadtbekannte Rechtsextreme Günther Kümel (Mitglied einer „schlagenden“ Studentenverbindung) stürzte sich auf ihn und schlug ihn nieder. Kirchweger schlug mit dem Kopf auf dem Pflaster auf. Es dauerte lange, bis die Rettung zu ihm vordringen konnte. Am 2.4.1965 erlag Kirchweger im Spital seinen schweren Verletzungen. Die „Steine der Erinnerung“, die an Ernst Kirchweger erinnern und die am 31.3.2015 enthüllt werden, wurden an etwa jener Stelle angebracht, an der er tödlich verletzt wurde. Einen Tag nach dem Tod Kirchwegers konnte der Täter Günther Kümel verhaftet werden. Der Prozess gegen ihn verlief widersprüchlich. Zuletzt wurde er nicht wegen Totschlags sondern lediglich wegen „Notwehrüberschreitung“ zu 10 Monaten Haft verurteilt. Er ist bis heute in rechtsradikalen Zirkeln tätig.

Die Trauerkundgebung für Ernst Kirchweger am 8.4.1965 wurde zur größten antifaschistischen Demonstration nach 1945. Mehr als 25.000 nahmen an der Kundgebung auf dem Heldenplatz teil, tausende standen zwischen Burgtor und Schwarzenbergplatz im Spalier, als der Trauerzug vorbeifuhr. Hinter ihm die Mehrheit der Mitglieder der Bundesregierung und der Wiener Bürgermeister Franz Jonas, der Kandidat für die Wahl des Bundespräsidenten war und damit deutlich machte, dass er auf rechtsradikale Stimmen keinen Wert legte.

Die „Affäre Borodajkewiycz“ war damit noch nicht zu Ende. Lange zierte sich Unterrichtsminister Piffl-Percevic, Borodajkewycz zu suspendieren. Erst im Mai 1966 versetzte er ihn in den Ruhestand – und das mit vollen Bezügen.

An jene zu erinnern, die gegen den Faschismus – vor und nach 1945 – kämpften, ist eine Selbstverständlichkeit. Dieses Erinnern stellt auch einen wichtigen Beitrag zu einer Fortsetzung dieses Kampfes.

Dabei ist aber nicht zu übersehen, dass sich zwar nicht der Nazismus, aber seine Träger wesentlich verändert haben. Die johlenden Studenten von 1965 – das waren jene Kinder, die ihre fanatisierten Eltern  „dem Führer schenken” wollten. Dieses kompakte nazistische Milieu ist zwar nicht völlig verschwunden, aber entscheidend dezimiert. Auch wenn es nach wie vor diese Milieus sind, die eine zentrale Rolle als ideologisches Rückgrat der extremen Rechten spielen. Heute ist es – wie in den Dreißiger-Jahren des vorigen Jahrhunderts – die, um ihren Status fürchtende untere Mittelschicht. Vor allem sind es aber die, an den gesellschaftlichen Rand gedrängten ArbeiterInnen, die für nazistische Parolen anfällig sind. Und daher ist natürlich auch eine andere Weise der Auseinandersetzung mit diesen Marginalisierten erforderlich, als die mit den ihres Milieus und ihrem beruflichen Garantie sicheren Studenten von 1965.

Albrecht Konecny ist langjähriger SPÖ-Politiker und war 1965 Mitglied des Antifaschistischen Studentenkomitees

Veranstaltungshinweis: Enthüllung der „Steine der Erinnerung“ für Ernst Kirchweger – das erste Opfer rechtsradikaler Gewalt in der 2. Republik (31.3.2015, 17 Uhr, Wien 1. Philharmonikerstraße 2-4)

Es sprechen: Gerald Netzl (Vorsitzender des Bundes sozialdemokratischer Freiheitskämpfer/Wien), Prof. Albrecht K. Konečný (1965 Mitglied des „Antifaschistischen Studentenkomitees“), Camila Garfias (Vorsitzende der Hochschüler_innenschaft der Universität Wien)