Fipronil-Skandal: Systemversagen statt Einzelfall

Ivan Donchev / Greenpeace

Der aktuelle Eier-Skandal enttarnte keineswegs nur kriminelles Verhalten Einzelner, sondern auch mangelnde Transparenz im internationalen Landwirtschaftssystem. Statt „immer mehr, immer billiger“ muss in Zukunft transparent, regional und umweltfreundlich produziert werden.

Fipronil macht derzeit Schlagzeilen: Das Insektengift wurde unerlaubt einem Reinigungsmittel für Geflügelställe beigemischt. Über diesen Weg konnte sich der Wirkstoff in Millionen Eiern und Eiprodukten in über zwanzig Ländern anreichern. Normalerweise wird Fipronil zum Beispiel gegen Läuse bei Haustieren eingesetzt. Auch in der Landwirtschaft wird es etwa gegen Drahtwurm bei Kartoffeln verwendet. Als bienengiftiges Pestizid war es die letzten Jahre sehr umstritten. In Österreich wird es in der Landwirtschaft seit 2016 nicht mehr eingesetzt. Dieses Jahr läuft auch die Zulassung in der gesamten EU aus.

Mit Absicht beigemischt

Im Bereich der Tierhaltung ist es jedenfalls verboten. Dennoch scheint ein belgisches Unternehmen die Substanz mit voller Absicht einem Reinigungsmittel für Ställe beigemengt zu haben. In Österreich produzierte Eier sind bisher nicht betroffen, sehr wohl aber verarbeitete, importierte Eier. Fipronil kann bei Menschen neurotoxisch wirken und führt in höheren Dosen zu Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen oder auch Lähmungserscheinungen. Zwar ist bei dem Großteil der getesteten Eier keine direkte Gefahr für die Gesundheit zu erwarten, doch bei einzelnen Proben war der Grenzwert für das Insektengift überschritten.

Auch wenn beim aktuellen Skandal ein einzelnes Unternehmen im Fokus steht, zeigt er ein grundlegendes Problem in der Lebensmittelproduktion: Versagen von Behörden, mangelnde Transparenz und ein Landwirtschaftssystem, in dem ständiges Wachstum und billige Produktion einen Rattenschwanz nach sich ziehen.

Untätige Behörden?

Schockierend ist, dass die Behörden in den Niederlanden und in Belgien wahrscheinlich schon Monate vor dem Bekanntwerden von den vergifteten Eiern wussten. Wären sie früher eingeschritten, hätte verhindert werden können, dass mit Fipronil belastete Eier weiterhin auf den Markt kommen. Jetzt muss entschlossen aufgeklärt werden, wer wann was wusste. Falls die niederländischen Behörden tatsächlich seit November 2016 informiert waren, ist das skandalös und muss Konsequenzen haben.

Verarbeitete Eier sind das Problem

Bei Frischeiern muss für jedes Ei die Herkunft und die Haltungsbedingungen angegeben werden – also Bio, Freiland-, Boden- oder Käfighaltung. Für verarbeitete Eier in beispielsweise Kuchen oder Nudeln gilt diese Regelung nicht. Sie werden oft billig importiert, auch aus Ländern, in denen die Käfighaltung – anders als in der EU – noch Standard ist. Konsument_innen haben derzeit keine Chance, dies auf der Speisekarte oder auf dem Etikett des verpackten Kuchens zu erkennen.

Industrie gegen Transparenz

Gäbe es bereits eine Kennzeichnungspflicht und eine vorgeschriebene Rückverfolgbarkeit vom Endprodukt zum Ei, wäre der Fipronil-Skandal wahrscheinlich anders verlaufen. Damit hätten belastete Produkte schneller gefunden und aus dem Verkehr gezogen werden können. Doch die Lebensmittelindustrie will davon nichts wissen. Sie will weiterhin Billigprodukte verkaufen können und fürchtet wohl, bei einer transparenten Kennzeichnung auf den Waren sitzenzubleiben.

Jetzt ist es Zeit zu handeln: Auch bei verarbeiteten Eiern müssen in der EU Herkunft und Haltungsform gekennzeichnet werden. Beim nächsten Treffen der Agrarminister_innen in Tallinn muss Österreich daher eine Initiative für eine Kennzeichnung verarbeiteter Produkte starten.

Immer größer, immer mehr, immer billiger

Skandale wie dieser sind in der industrialisierten Intensiv-Tierhaltung keine Einzelfälle. Ob Gammelfleisch, BSE, der Pferdefleisch- oder jetzt der Fipronil-Skandal: Sie alle sind Symptome eines Systems, in dem nicht die Qualität zählt, sondern der billige Preis und der Gewinn der Konzerne. Dazu kommt eine immer stärkere Spezialisierung der Betriebe: Sie halten zum Beispiel nur Schweine oder Hühner in immer größeren Ställen und kaufen große Mengen an Futter zu.

Vor allem Großbetriebe betroffen

Eine Recherche in Deutschland weist auf einen weiteren interessanten Aspekt hin: Offenbar sind hauptsächlich große Betriebe mit mehr als 15.000 Hühnern vom Skandal betroffen, sowohl konventionelle als auch einzelne, biologisch wirtschaftende, Betriebe. Kleinere Betriebe waren hingegen kaum betroffen.

Dass immer größere Mega-Ställe nicht mit bäuerlicher Landwirtschaft, Tierwohl und Nachhaltigkeit zusammenpassen, spielt auch für den österreichischen Bio-Verband BIO AUSTRIA eine große Rolle: In einem Stall für Bio-Legehennen dürfen maximal 3.000 Tiere untergebracht werden. In Mastbetrieben sind es bis zu 4.800 Hühner. Ein Betrieb darf bis zu zwei Ställe dieser Größe betreiben.

Weniger Tiere mit mehr Platz und besseren Haltungsbedingungen sowie regionale Produktion von Futtermitteln bedeuten vor allem auch eins: Einen Bruch mit einem industrialisierten System der Tierhaltung, in dem die durchschnittliche Betriebsgrößen immer weiter steigen. Bäuerliche Landwirtschaft, Tierwohl und Umwelt bleiben dabei auf der Strecke.

Industrialisierte Tierhaltung einschränken statt fördern

Wenn wir Lebensmittel-Skandale in Zukunft vermeiden wollen, dann brauchen wir eine andere Tierhaltung und Lebensmittelerzeugung. Das heißt mehr regionale Produktion, bessere Haltungsbedingungen, gesunde Tiere und hohe Qualität statt Masse. Viel Obst und Gemüse statt Billigfleisch und Billigeiern sind außerdem gesund und gut für die Umwelt. Weniger ist also mehr.

Die Politik muss neben der notwendigen Verurteilung einzelner krimineller Handlungen endlich wieder Handlungsfähigkeit beweisen und Rahmenbedingungen schaffen, die die industrialisierte Tierhaltung einschränken statt fördern. Das heißt unter anderem öffentliche Gelder weg von Mega-Ställen und hin zu ökologisch bewirtschaftenden Betrieben zu lenken. Es heißt auch, Förderungen gezielt für direkte Nahrungsmittelproduktion einzusetzen anstatt für Futtermittel und Agrosprit.

Dagmar Urban arbeitet als Campaignerin für ökologische Landwirtschaft bei Greenpeace in Österreich. Außerdem setzt sie sich für Feminismus und soziale Gerechtigkeit ein, studiert Politikwissenschaft und ist Redakteurin bei der freien Radiosendung „Radio Stimme“.

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