Wie wir forschen dürfen bestimmt, was wir wissen dürfen

Galida

Wissenschafts- und Universitätspolitik sind Gesellschaftspolitik. Wer was unter welchen Bedingungen forscht, lehrt oder lernt, wirkt sich auf das politische Gemeinwesen aus. Tamara Ehs und Anton Tantner fragen vor dem Hintergrund einer neuerlichen Verschlechterung der Arbeitsbedingungen von Uni-Lektor_innen, was Wissenschaft für die Gesellschaft sein kann oder soll.

Rausfall der Uni-Lektor_innen aus der Sozialversicherung

Knapp vor Jahresende wurde es zur bitteren Gewissheit: Die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) war bei den Verhandlungen zum Gehaltsabschluss der Universitätsangestellten daran gescheitert, für Kolleg_innen mit nur einem zweistündigen Lehrauftrag ein Ergebnis zu erzielen, das deren Sozialversicherungsschutz garantiert. Wie schon ein Jahr zuvor lag der ausverhandelte Betrag unter der Geringfügigkeitsgrenze. All jene Lehrbeauftragten, die eine solche Versicherung benötigen, sind von allfälligen Sonderbestimmungen abhängig, die Überzahlungen ermöglichen. Damit sind sie dem good will, also der Willkür der einzelnen Universitätsleitungen ausgeliefert. An der Akademie der Bildenden Künste etwa erklärte sich Rektorin Eva Blimlinger unverzüglich dazu bereit, den auszuzahlenden Betrag auf ein Niveau oberhalb der Geringfügigkeitsgrenze aufzustocken. Demgegenüber bietet die Uni Wien Lektor_innen die Möglichkeit, dasselbe Ziel durch die Übernahme von Prüfungsaufsichten in der vorlesungsfreien Zeit zu erreichen.

Im Vergleich zur davor gültigen Regelung wurde damit die ohnehin schon prekäre Lage eines wichtigen Teils der Universitätsangehörigen noch einmal verschlechtert. Der Protest dagegen hielt sich in Grenzen. Einzig die IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen reagierte mit einer Stellungnahme und forderte die Wiederherstellung der Versicherungspflicht. Seitens Vertreter_innen der GÖD gab es daraufhin Signale, sich bei künftigen Verhandlungen dafür einzusetzen. Allein, ob dies Erfolg verspricht, steht für die prekarisierten Wissensarbeiter_innen ebenso in den Sternen wie die Bewilligung des nächsten Projektantrags, das Bestehen eines zur Publikation eingereichten Artikels vor dem Peer Review oder die Zuteilung eines Lehrauftrags.

Die Prekarisierung von Wissensarbeiter_innen

Fälle wie der geschilderte zählen zum unerquicklichen Alltag einer Vereinigung wie der im Zuge des Unistreiks von 1996 gegründeten IG LektorInnen. Es bleibt notwendig, einen Anlassfall wie diesen in die allgemeine Entwicklung der Arbeitsbedingungen von Wissenschaft einzubetten:

Während einer kurzen Phase sozialliberaler Reformen wurde ab den 1970er Jahren die Wissenschaft als konstitutiv für den demokratischen Prozess verstanden. Daher galt es, in sie zu investieren und ihre Produktionsbedingungen (also die Universitäten) zu demokratisieren. Nach der neoliberalen Wende stehen wir heute aber wieder dort, wo Max Weber vor hundert Jahren in Wissenschaft als Beruf (1917) über den akademischen Nachwuchs meinte: „Der Arbeiter, der Assistent also, ist […] vom Institutsdirektor ebenso abhängig wie ein Angestellter in einer Fabrik: […] und er steht häufig ähnlich prekär wie jede ‚proletaroide‘ Existenz“.

Die unternehmerische Universität

Die Abhängigkeits- und oft (Selbst-)Ausbeutungsverhältnisse sind Ausdruck eines unternehmerischen Wettbewerbsdiskurses, der in Rankings, Wissensbilanzen, Ziel- und Leistungsvereinbarungen deutlich wird. Nicht mehr Öffnung und Gleichheit sind das Paradigma der Wissenschaftspolitik, sondern Elite und Exzellenz. Die Wissenschaftsforscherin und Dekanin Ulrike Felt und ihr Kollege Maximilian Fochler belegen, dass all jene an der Universität kaum Karrierechancen haben, die sich den „zentralen kollektiven systemerhaltenden Arbeiten“ widmen. Das gilt für alle, die gemeinschaftsbildend wirken, also sich in der Lehre engagieren, Studierende beraten oder dem Betriebsrat angehören. Denn die Währung der Wissenschaft sind Artikel in hochrangierenden Zeitschriften und eingeworbene Drittmittel. Aufgrund ihrer Vereinzelung und ihrer regelmäßigen Ortswechsel sind viele Wissensarbeiter_innen zudem weder gewerkschaftlich organisiert noch politisch engagiert.

Die Unsicherheit der Arbeitsbeziehungen resultiert in einer Unsicherheit der Lebensplanung. Durch diese „Prekarisierung des Privatlebens“ (Luc Boltanski) wächst letztlich auch die Zerbrechlichkeit der Gesellschaft insgesamt. Soziolog_innen wie Guy Standing sprechen mittlerweile von der Entstehung einer neuen Klasse, des Prekariats. Trotz all seiner Heterogenität – Wissensarbeiter_innen gehören ihm genauso an wie Arbeitende im Gesundheitswesen, im Dienstleistungsbereich oder im Sicherheitssektor – weist dieses gemeinsame Merkmale auf. Dazu zählen insbesondere das Fehlen sozialer Sicherheiten und die Armutsgefährdung.

Gesellschaftliche Auswirkungen der Wissenschaftspolitik

Prekäre Verhältnisse in der Wissenschaft wirken sich nicht nur auf das akademische Leben aus, sondern auch auf die Inhalte des gesellschaftlich verfügbaren Wissens. Zudem dienen die neuen Arbeitsformen in der Wissensproduktion (befristete Verträge, unternehmerischer Habitus) bereits zahlreichen anderen Bereichen als Vorbild. Wer als „Unternehmer seiner selbst“ (Michel Foucault) ständig mit anderen um den nächsten Lehr- oder Forschungsauftrag konkurriert, lehrt und forscht nicht mehr frei, sondern passt sich inhaltlichen Konjunkturen und Auftraggeber_innen an.

Dies ist für die Gesellschaft als Ganzes erheblich, denn permanente Unsicherheit und die kurze Förderungsdauer von Projekten stehen der Durchführung unabhängiger Forschung entgegen. Ein erheblicher Teil der Arbeitszeit kann nicht in die Wissenschaft, sondern muss in die Verfertigung neuer Anträge gesteckt werden. Gefragt ist nur noch der_die spezialisierte Intellektuelle mit Blick auf den eigenen Fachbereich, aber nicht auf das Gemeinwohl. Gefördert wird, was rasche, systemkonforme Ergebnisse verspricht. Mit der Spezialisierung gehen stets eine steigende Kritiklosigkeit gegenüber dem Gesamtzusammenhang sowie eine Individualisierung einher. Diese verschleiern das gemeinsame Bewusstsein als Wissensarbeiter_innen und verunmöglichen Solidarisierung. Zukunftsentwürfe oder gar gegenhegemoniale Utopien sind von solcherart sozialisierten Wissenschafter_innen kaum mehr zu erwarten. Doch das scheint politisch erwünscht.

Notwendige Debatte

Universitäten sind keine neutralen Einrichtungen, woran zuletzt Stefan Collini in Speaking of Universities erinnert hat. Sie spiegeln die realen politischen Machtverhältnisse wider und regulieren durch Berufungen, Lehrauftragsvergabe und Forschungsförderung, „was wir wissen dürfen“. Dabei sind sie unter den derzeit herrschenden Bedingungen dazu angehalten, eher als Unternehmen denn als Zentren freien Wissenserwerbs zu handeln.

Um dieser Entwicklung gegenzusteuern, benötigen wir eine Diskussion darüber, was Wissenschaft für die Gesellschaft sein kann oder soll. Spätestens bei den nächsten Uniprotesten wird die Zeit gekommen sein, diese Debatte verstärkt in die Öffentlichkeit zu tragen. Denn trotz aller Prekarität und Unsicherheit, bei Rückblick auf mehrere Jahrzehnte politischer Auseinandersetzungen an Österreichs Universitäten steht außer Zweifel: Der nächste Uni-Streik, die nächste Audimax-Besetzung kommen gewiss. Bereiten wir uns darauf vor: Sprechen wir über die Arbeitsbedingungen in der Wissenschaftsproduktion, sprechen wir über die politische Funktion der Universitäten.

Tamara Ehs und Anton Tantner sind Vorstandsmitglieder der 1996 gegründeten IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen. In den Worten Guy Standings handelt es sich dabei um eine Assoziation, die Diskussionsräume zum Erfahrungsaustausch zur Verfügung stellt. Damit schafft sie die Voraussetzungen für das Artikulieren von Forderungen sowie für gemeinsames Handeln. Sie tritt als Verhandlungspartnerin für Institutionen, Unternehmen und Regierung auf. Stellungnahmen, Resolutionen sowie die kürzlich publizierten Leitlinien sind über die Website abrufbar.

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