Burgenland für alle statt Profite für die Esterházys

Foto: Thomas N

Den reichen Adel gibt es in Österreich nicht? Weit gefehlt – denn dem ehemaligen Adel gehört ein ganzes Stück des bevölkerungsärmsten Bundeslandes. Weinberge, Äcker, Seeufer und eine Vielzahl an Gebäuden und Freizeiteinrichtungen gehören nicht uns allen, sondern sind Teil des Esterházy-Konzerns. Edgar Grissini entführt uns auf eine Tour durch das Burgenland und zeigt: der Reichtum im Burgenland hat einen Namen.

Wenn von Fürsten mit Schlössern, unzähligen Landflächen und Häusern die Rede ist, denken viele an vergangene Jahrhunderte. Aber auch 2016 gibt es sie noch – die Adelsfamilien, die ihren Reichtum seit dem Mittelalter behalten und noch ausgebaut haben. Im Osten Österreichs (und Teilen Ungarns) gehören nach wie vor Äcker auf beiden Seiten des Neusiedlersees sowie 27.600 Hektar Wald, der Familie Esterházy. Damit gehört die Familie zu den größten Forst- und GrundbesitzerInnen Österreichs. Die „letzte Fürstin“ Melinda Esterházy verfügte über ein geschätztes Vermögen von 1,1 Milliarden Euro und galt bis zu ihrem Tod als reichste Frau Österreichs. Seit dem Feudalismus hat sich anscheinend nicht viel getan.

Seit die Esterházy Betriebe GmbH die fürstliche Domänenverwaltung übernahm, steht Stephan Ottrubay quasi an der Spitze der Dynastie. Er ist Direktor einer „Gruppe für den Aufbau einer Privatisierungs- und Unternehmensberatungstochter“, ab 1992 wurde er an die Spitze der neu gegründeten Tochter der Bayerischen Hypobank in Ungarn berufen. Er weiß, wie man aus Geld Geld macht: Der geerbte Reichtum der Esterházy GmbH hat sich seither weiter vermehrt – zwischen 2004 und 2014 gab es einen Zuwachs des Stiftungsvermögens um „deutlich über 100 Millionen Euro.“

Die Esterházy-Betriebe

Als Betrauter der Fürstin verwaltet Ottrubay nun die Stiftung Esterházy, die an oberster Stelle für die Esterházy Betriebe verantwortlich ist. Ziel dieser Stiftung ist – neben Steuern zu sparen – den Grundbesitz sowie die Immobilien zusammen mit den „vielfältigen geschichtlichen Werten“ für die kommenden Generationen zu bewahren. Soll heißen: Dafür sorgen, dass der gesellschaftlich erarbeitete Reichtum weiter an die alten Adelsfamilie und ihren Partner fließt.

Nun kann man dem Adel natürlich mit bürgerlichen Argumenten beispringen: „Die Esterházy Betriebe schaffen Arbeitsplätze, sind gut für den Wirtschaftsstandort Burgenland, etc.“ Dabei wird aber außer Acht gelassen, dass es die Arbeitsplätze auch gäbe, wenn die 27.600 Hektar Wald dem Land Burgenland oder der Gesellschaft gehören würden. Dann würde der Profit auch nicht in die Tasche weniger Reicher wandern, sondern der Allgemeinheit zu Gute kommen. In den Häusern und Wohnungen könnte auch jemand wohnen, wenn sie nicht der Adelsfamilie gehören würden. Auf den Feldern könnte auch Gemüse und Wein angebaut werden, wenn sie nicht in den gleichen Händen wären, die schon im Mittelalter die Bauern und Bäuerinnen ausgebeutet haben.

Eine Tour durch das Esterházyland

Im Nordburgenland kann man keine zehn Kilometer zu fahren, ohne den angeeigneten Reichtum der Familie Esterházy vor Augen geführt zu bekommen. Beginnen wir unsere gedankliche Burgenlandtour in Trausdorf. Dort plant die Esterházy Betriebe GmbH gerade den dritten künstlich angelegten See. Zielgruppe sind dabei – wie bei den meisten Projekten der Esterházys – gut betuchte ältere Semester und reiche WienerInnen, die es ans Land zieht. Am Weg ins Seehaus kann man natürlich auch beim Weingut Esterházy vorbeifahren und sich in dem, nicht ins Landschaftsbild passenden Neubau ein Achterl holen. Apropos fahren: Die Straße zum künstlichen Seeambiente wurde übrigens auch durch öffentliche Gelder der Europäischen Union finanziert. Wer sich´s richten konnte, der/die hat seinerzeit von den Ziel 1-Förderungen profitiert – der Esterházy-Konzern waren da ganz vorne mit dabei. Am Sterben kleiner landwirtschaftlicher Betriebe haben die EU-Fördergelder nichts geändert – aber die Esterházys und andere Großgrundbesitzer freute das,so konnten sie ihren Besitz um den einen Weingarten oder den anderen Acker erweitern.

Weiter in die Landeshauptstadt. Dort, mitten im Zentrum, steht das Gebäude der ehemalige Krankenkasse. Eigentlich ein hässlicher Bau, aber die Lage vis-á-vis von Schloss Esterházy macht es interessant. Erwartungsgemäß hat sich die Stiftung der Adelsfamilie diese Immobilie unter den Nagel gerissen – geplant ist ein Hotel für die eigenen Kulturveranstaltungen im Schloss gegenüber, aber auch auch Wohnungen oder Büros könnten daraus entstehen. Sogar bei der Freizeitgestaltung sind wir von der Gnade der Fürstenfamilie abhängig. Das Fußballstadion („Lindenstadion“) in Eisenstadt ist mittlerweile eine verwucherte Wiese mit einem alten rostigen Scheinwerferturm und Resten einer Tribüne – der Pachtvertrag mit der Gemeinde war ausgelaufen und Stephan Ottrubay hatte andere Pläne als das Stadion zu erhalten. Damit ist Eisenstadt die einzige Landeshauptstadt in Österreich ohne Fußballverein oder auch nur einen einzigen öffentlichen Fußballplatz.

Noch weiter Richtung Nordosten in Breitenburnn machen wir unseren letzten Stopp. Das Breitenbrunner Seebad ist schon ein wenig in die Jahre gekommen – was unter anderem daran liegt, das es gar nicht der Gemeinde gehört und diese immer nur nach der Verlängerung des Pachtvertrages mit den – wie könnte es anders sein – Esterházy in das Seebad investiert. Der aktuelle Pachtvertrag läuft Ende 2018 aus und eines ist jetzt schon klar, die Gemeinde wird ihn nicht verlängert bekommen. Das ehemals billigste Seebad im Burgenland mit seinem 70er-Jahre-Charme soll einem Wellness- und Gourmettempel der Esterházy Betriebe GmbH am Ufer des Neusiedler Sees weichen. Die Zukunft der DauercamperInnen ist ungewiss aber klar ist, dass sich bald eher finanzstarke TouristInnen und nicht die BewohnerInnen im Seebad sonnen werden.

Die Reichen werden reicher

So wie den BreitenbrunnerInnen, geht es vielen Gemeinden. Um die Attraktivität des eignen Standort nicht zu verlieren, werden von den Esterházys Pachtverträge mit Gemeinden, dem Land und auch Vereinen aufgelöst wo es nur geht. Ziel ist es, möglichst viel als Privatbesitz aufzuwerten und in einer höheren Preisklasse wieder zu Geld zu machen. Was in gefühlskaltem Management-Deutsch harmlos klingt, ist in der Praxis ein wirklich tief gehender Einschnitt in das Leben vieler Menschen. Etwa, wenn Menschen nach der „Aufwertung“ ihre Wohnungen ausziehen müssen weil sie sich die Miete nicht mehr leisten können. Oder kleine Geschäfte aus ihren Räumlichkeiten in der Innenstadt geworden werden. Im Kapitalismus ist es bei einem gewissen Marktanteil eines Akteurs/einer Aktuerin profitabler, Wohnungen leer stehen zu lassen anstatt mit der Miete/als mit den Preisen nach unten zu gehen. Das Ergebnis sieht man in der Eisenstädter Fußgängerzone: leere Gebäude neben Luxus-Boutiquen, Juwelieren und die kleinen alten Läden, die nicht zu großen Handelsketten gehören, stehen kurz vorm Ende.

Den Tennisplatz im Eisenstädter Schlosspark wird 2021 dasselbe Schicksal ereilen wie das Lindenstadion und das Seebad in Breitenbrunn. Ein Blick auf die Geschichte des Schlossparks zeigt auch, wie es anders ginge. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Adelsfamilie enteignet und Schlosspark von der Roten Armee erstmals öffentlich zugänglich gemacht. In der Monarchie hatten Dampfmaschinen die drei Teiche im Park mit Wasser versorgt und die Flüsschen dazwischen zum exklusiven Vergnügen des Kaisers bewegt. Die SoldatInnen der Roten Armee warfen die Maschinen in den Maschinenteich, errichteten das Fußballstadion und das Freibad.

Auch im Burgenland gibt es Knappheit an leistbarem Wohnraum und einen Mangel an konsumfreien Kultur- und Freizeiteinrichtungen. Hätten wir die Esterházy nach 1918 enteignet wie die Habsburger, hätten wir Geld und Räume für Bildung, öffentlichen Verkehr, Sozialprojekte oder die Förderung Jugendkultur. Aber Enteignung ist kein Thema des frühen 20. Jahrhunderts – für die Ortsumfahrung von Schützen enteignete das Land Burgenland unter Landeshauptmann Hans Niessl unter anderem die Esterházy für ein ökologisch unverträgliches Prestigeprojekt. Wieso sind Enteignungen nicht auch für sinnvolle Projekte Thema? Müssten wir dann im Burgenland noch immer sagen, es sei kein Geld für Bildung, öffentlichen Verkehr, sozialen Wohnbau oder für die Förderung selbstorganisierter Jugendprojekte da? Wir müssten uns jedenfalls nicht von unserem See oder aus unserem Stadion vertreiben lassen. Auch im rot-blauen Burgenland gilt: Die Grenzen verlaufen nicht zwischen den Kulturen, sondern zwischen oben und unten.

Edgar Grissini ist Soziologie-Student in Wien und Vorsitzender der Kommunistischen Jugend Eisenstadt.

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