Red Bull-Dose auf Geldhaufen

Warum wir Dietrich Mateschitz nicht kritisieren dürfen

Warum rücken unzählige Menschen in den sozialen Medien aus, um Kritik am verstorbenen Dietrich Mateschitz zu unterdrücken? Pietät ist es nicht, meint Lisa Sinowatz – sondern ein psychologischer Mechanismus, der viel über das Leben im heutigen Kapitalismus aussagt.

Dietrich Mateschitz war der reichste Mensch Österreichs. Reich gemacht hat ihn, wie jeden Kapitalisten, die Arbeitskraft anderer Leute. Dass seine Beschäftigten ihr Recht wahrnehmen, einen Betriebsrat zu gründen, wusste Mateschitz zu verhindern. Er hat verschiedene rechte Medien ins Leben gerufen, die beispielsweise irreführende Fake News über Corona verbreiten. Den Fußball hat er auf eine neue Stufe der Kommerzialisierung gehoben und damit ungerechter und langweiliger gemacht.

Das Kritik-Tabu an Mateschitz

All das jetzt auszusprechen, gilt vielen als pietätlos. Wer Mateschitz online kritisiert, muss mit heftigen Kommentaren rechnen, die große Zustimmung erhalten. Das ist auf den ersten Blick wenig nachvollziehbar. Schließlich würdigen diese Tatsachen den Verstorbenen nicht als Menschen herab, sondern betreffen sein Handeln als öffentliche Person. Warum also der große Ärger über jede Kritik? Die Pietist:innen nennen selbst einige Argumente, die wenig überzeugen. Die wahren Gründe dürften tiefer liegen.

Argument 1: Aber die Arbeitsplätze!

Ja, die vielen Menschen, die Mateschitz‘ Milliarden erarbeitet haben, hatten auch etwas davon. Sie hatten einen Arbeitsplatz und damit ihr materielles Überleben gesichert. Wie viel davon bleibt, ist allerdings offen. Zu Lebzeiten konnte Mateschitz Red Bull als Alleinherrscher führen, das war ihm vertraglich zugesichert. Nach seinem Tod greifen die tatsächlichen Machtverhältnisse im Konzern: Mehrheitseigentümerin ist die thailändische Unternehmerfamilie Yoovidhya.

Red Bull selbst ist hoch profitabel. Für andere von Mateschitz‘ Unternehmungen gilt das nicht. Nehmen wir das Red Bull Media House, zu dem unter anderem Servus TV, redbull.com und Bergwelten gehören. Es ist der zweitgrößte Medienkonzern des Landes, größer als etwa die Mediaprint mit Krone und Kurier oder die TV-Gruppe Pro7Sat1Puls4. Doch von den 440 Millionen Euro Umsatz stammen laut Standard nur 60 bis 70 Millionen aus eigenen Einnahmen, etwa vom Publikum oder aus Werbung. Der Rest kommt vom Mutterkonzern Red Bull. Ob sich dessen neue Geschäftsführer dieses hunderte Millionen teure Hobby weiterhin leisten wollen, werden wir sehen. Damit sind auch viele Arbeitsplätze in Österreich in Gefahr, für die Mateschitz gepriesen wird.

Argument 2: Aber der wirtschaftliche Erfolg!

„Nicht alles an ihm war super, aber seinen Erfolg als Unternehmer muss man respektieren.“ So oder so ähnlich äußern sich viele über Mateschitz, die politisch anders denken als er. In dieser Logik bedeutet wirtschaftlicher Erfolg, möglichst viel Geld anzuhäufen. Das entspricht dem kapitalistischen Alltagsverstand. Demzufolge ist es erstrebenswert, wenn es Einzelnen gelingt, reich zu werden. Dass umgekehrt die Mehrheit ihr Leben lang darum kämpfen muss, ein wirtschaftlich abgesichertes Leben zu führen, wird hingenommen. Für Linke und alle anderen, die ein gutes Leben für alle Menschen wollen, ist dieses Denken fatal.

Erstens wird dabei ausgeblendet, womit Mateschitz seinen „Erfolg“ gefeiert hat. Red Bull ist und bleibt trotz seiner Popularität ein umstrittenes Produkt. Laut der Rechercheplattform Dossier, die ein umfangreiches, lesenswertes Heft über den Konzern herausgegeben hat, sind weltweit rund 100 Todesfälle dokumentiert, die mit dem Konsum von Energy Drinks wie Red Bull in Zusammenhang stehen.

Zweitens muss ein linkes Verständnis von „wirtschaftlichem Erfolg“ viel tiefer ansetzen. Wirtschaftlicher Erfolg ist nicht, wenn wenige absurden Luxus genießen, sondern wenn möglichst alle ein materiell abgesichertes Leben führen können, ohne dabei andere Menschen und die Natur auszubeuten. Die Verantwortung für diese Art von wirtschaftlichem Erfolg tragen auch nicht einzelne Unternehmer:innen, sondern die arbeitende Bevölkerung und ihre Organisationen.

Die aktuelle SPÖ-Spitze teilt diese Sicht offensichtlich nicht, sondern hat sich dem kapitalistischen Alltagsverstand angeschlossen. Pamela Rendi-Wagner vermeidet Kritik an Mateschitz und lässt die Gelegenheit aus, ihre Partei zu positionieren: etwa für eine Erbschaftssteuer. Gäbe es eine solche in Österreich, stünden jetzt überschüssige Milliarden aus Mateschitz‘ Vermögen zur Verfügung. Damit wäre es möglich, die Leben unzähliger Menschen zu verbessern, die sich einen alltäglichen Einkauf nicht mehr leisten können und Angst haben müssen, im Winter zu frieren.

Argument 3: Aber Mateschitz war doch ein Freigeist!

Dietrich Mateschitz hat gegen Flüchtlinge und gegen die sogenannte Political Correctness agitiert – beides Mehrheitspositionen, bei denen er wenig argumentativen Gegenwind erwarten musste. Der von ihm eingesetzte Chef von Servus TV verbreitet Fake News über Corona. Sein jüngstes Medium verteidigt Verbrennungsmotoren und erklärt es zur „Demokratisierung“, wenn mehr Menschen auf den Finanzmärkten spekulieren.

Trotzdem wird Dietrich Mateschitz mitunter als „Freigeist“ bezeichnet. Er hat tatsächlich gesagt und getan, was er wollte. Soziale Normen und Regeln waren ihm egal. Der Grund dafür ist allerdings kein besonders mutiger Widerstand gegen das Establishment, er konnte sich das schlichtweg – im wahrsten Sinne des Wortes – „leisten“. Wer Milliarden besitzt, ist unfassbar mächtig und kann auf andere getrost pfeifen. Insofern ist Mateschitz‘ „Freigeist“ Beleg für eine gekippte Gesellschaft, in der die ungleiche Verteilung von Vermögen längst die Demokratie bedroht.

Was die Mateschitz-Pietist:innen wirklich antreibt

Warum also regt Kritik an Mateschitz so viele Menschen auf? Weshalb schwingen sie so zornig die Pietäts-Keule zur Verteidigung von jemandem, den sie gar nicht kannten? Die Antwort könnte sein, dass sie das Gefühl hatten, ihn zu kennen. Wie das? Die meisten Menschen wissen oder spüren zumindest, wie widersprüchlich und desaströs der heutige Kapitalismus ist. Sie ahnen, dass das System ungerecht ist, dass sie zu den Verlierer:innen gehören und wenig dagegen tun können. Das auszuhalten ist nicht einfach. Um diese Einsicht verdrängen zu können, identifizieren sie sich mit den wenigen Gewinner:innen.

Dass es einer wie Mateschitz „geschafft“ hat, funktioniert als vermeintlicher Beleg dafür, dass das System doch nicht so falsch sein kann, wie sie insgeheim wissen. Dieser Selbstbetrug macht den Alltag leichter erträglich. Die Pietist:innen leiden unter einer Art „Stockholm-Syndrom“, einer Überidentifikation mit dem, der das verkörpert, was ihnen das Leben schwer macht. Das ist menschlich verständlich – politisch weiter bringt es uns nicht.