Foto: Rochus Wolff

Macht es einen Unterschied, ob Frauen oder Männer Wirtschaftsexpertise stellen? Hat das leidige Zählen von Köpfen irgendeine Relevanz? Fragestellungen, die in anderen Disziplinen wie Politikwissenschaft oder Soziologie längst als „gegessen“ gelten, sind in der Ökonomie nach wie vor an der Tagesordnung. Abwertungen von Frauen und offene Sexismen gibt es weiterhin in der ökonomischen Disziplin . „Inwiefern helfen eigentlich Eierstöcke, die Existenz des Euro zu sichern?“ fragt z. B. ganz ungeniert Christian Ortner, Betreiber des Blogs „das Zentralorgan des Neoliberalismus“, in einem Presse-Artikel. Woran das liegt und warum gerade die Feministische Ökonomie ungeheure gesellschaftspolitische Sprengkraft in sich trägt, damit beschäftigt sich eine wachsende Anzahl von WissenschafterInnen.

„The Man-made World: Or, Our Androcentric Culture“ heißt ein bereits 1911 erschienenes Buch der US-amerikanischen Feministin Charlotte Perkins Gilman. Mehr als ein Jahrhundert später ist die Dominanz der männlichen Ökonomieexperten ungebrochen. Das zeigen Interviews, Berichte, Fotos tagtäglich in der Medienberichterstattung. Aber auch an den Universitäten sind feministische Themen in den wirtschaftswissenschaftlichen Disziplinen noch eine Randerscheinung. Diese „Normalität“ wird selten hinterfragt.

Ökonomie beginnt beim Frühstück

Dabei beginnt Ökonomie bereits frühmorgens nach dem Aufstehen. Wer versorgt die Kinder? Wer macht Frühstück und Jausenbrote? Wer schaut, dass die Kleinen gewaschen, gekampelt und mit all ihren Sachen rechtzeitig in den Kindergarten oder die Schule kommen? Es ist kein Zufall, dass „Oikos“ – griechisch für das Haus bzw. „Oikonomia“ – das griechische Wort für Haushaltung, den Wortstamm für den Begriff Ökonomie bilden. Aber die gängige Wirtschaftswissenschaft ist „gelebte Sorglosigkeit“ wie etwa die Soziologinnen Brigitte Aulenbacher, Almut Bachinger und Fabienne Décieux in ihren Arbeiten betonen. Die ökonomische Theorie und Praxis wird zwar als geschlechtsneutral dargestellt, tatsächlich geht sie aber von maskulinen Normen, von einer Männerwelt aus. Die „Sorgearbeit“ bzw. „Care Economy“ hat in der herrschenden Lehre keinen Platz. Unbezahlt in den Haushalten geleistete Arbeit ist, obwohl gesellschaftlich und ökonomisch notwendig, kein Thema.

In aktuellen Diskussionen zur Krisenpolitik sind die blinden Flecken der Ökonomie weithin sichtbar. Es wird so getan, als würde der Abbau staatlicher Leistungen keinerlei Folgen mit sich bringen und ein „schlanker Staat“ zum Ideal erklärt. Aber einen schlanken Staat können sich eben nur – meist männliche – Eliten leisten. Sie können fehlende Güter und Dienstleistungen am Markt zukaufen. Ansonsten muss die fehlende staatliche Aktivität durch unbezahlte Arbeit ersetzt werden. Solche Care Arbeit, die überwiegend von Frauen geleistet wird, übernimmt also eine Pufferfunktion in der Gesellschaft und federt soziale Risiken ab. Sie ist das letzte soziale Netz. Dabei gibt es eine gewaltige Schieflage in der Verteilung der Profite des Marktes und der Lasten der unbezahlt geleisteten Arbeit in unserer Gesellschaft.

Feministisch gegen den Neoliberalismus

Hinter der „unsichtbaren Hand“ des Marktes, die den Wohlstand der Nationen optimieren soll, stehen die Arbeitsstunden, die in den Statistiken unsichtbar bleiben. Denn durch diese Arbeit wird das Marktversagen, das vielerorts auftritt, nicht augenscheinlich. Ohne Aneignung von unbezahlter Arbeit würde der Kapitalismus nicht funktionieren. Die Feministische Ökonomie macht dies zum Gegenstand und ist damit ein wirksamer Hebel, um die Neoklassik, das herrschende ökonomische Gedankengebäude, zum Einsturz zu bringen. Sie führt vor Augen, wie wichtig es heutzutage ist, die gängige, ökonomistisch geprägte Politik, den Neoliberalismus, mit einer feministischen Sichtweise zu konfrontieren und zu entlarven.

Christa Schlager ist Ökonomin, Redakteurin der Zeitschrift Kurswechsel und im BEIGEWUM aktiv.

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