Der chinesische Crash und seine Auswirkungen

Seit Mitte Juni gibt es in China eine Kurskorrektur, die Kurse fallen drastisch. Diese Entwicklung war allerdings vorhersehbar, die Blase musste platzen.

Im letzten Jahr waren die Börsenkurse in China um rund 150 Prozent gestiegen. Mitte Juni setzte nun eine scharfe Korrektur ein, die in mehreren Wellen die Kurse drastisch nach unten drückte. „Der Standard“ schrieb nach einem Einbruch am 24. August gar von einem „schwarzen Montag“ in Anlehnung an den schwarzen Freitag von 1929.

In China wurde eine enorme Blase aufgebaut, die irgendwann platzen musste. Einerseits gibt die Realwirtschaft ein solches Kursfeuerwerk wie im letzten Jahr nicht her, andererseits werden bei solchen Kursgewinnen logischerweise Gewinnmitnahmen realisiert, vor allem, wenn der Kurs einmal ins Rutschen kommt. Denn es wird beim derzeitigen Wehklagen kaum erwähnt, dass die Kurse auch jetzt noch deutlich über dem Stand vor einem Jahr liegen und sehr weit über dem Stand von vor drei Jahren. (vgl. die Graphik zum Shanghai Composite Index, dem drittgrößten Aktien-Index der Welt)

Kurse in China immer noch hoch

Die chinesische Regierung hatte in der vergangenen Periode in einem enormen Propagandafeldzug den Kauf von Aktien propagiert. Rund 100 Millionen Menschen halten nun Aktien. Die Relation zu den insgesamt 1,35 Milliarden EinwohnerInnen macht allerdings deutlich, dass es sich hier wohl eher um ein Oberschichts-Phänomen handeln dürfte. Für manche allerdings könnte es unter dem Eindruck der Propaganda auch die Altersversorgung gewesen sein, die nun zum Teufel geht.

Vor allem jene, die zu Beginn des Aufschwungs eingestiegen sind und nicht erst in den letzten Monaten, haben aber immer noch einen netten Schnitt gemacht. Bei schnellen Kurs-Stürzen verlieren allerdings zumeist „kleine“ Privathaushalte, die oft zu spät für den Aufschwung einsteigen und zu spät beim Abschwung wieder rauskommen.

Gleichzeitig stehen den Gewinnen, die im letzten Jahr durch die Blase entstanden sind, keinerlei zusätzliche reale Werte in ähnlicher Größenordnung entgegen (selbst wenn wir davon ausgehen, dass chinesische Werte zuvor unterbewertet waren). Es ist also durchaus möglich, dass der Kursrutsch in China noch nicht vorbei ist und eine weitere Korrektur nach unten bevorsteht. Die chinesische Regierung wird das zwar durch Stützkäufe verhindern wollen, es bleibt aber abzuwarten, ob das gelingt.

Weltwirtschaftskrise nicht vorbei

Interessant sind die internationalen Auswirkungen. Die Börse in Tokio hat stark nachgegeben (wobei China und Japan ökonomisch eng vernetzt sind), aber auch die Wall Street, der deutsche DAX und der österreichische ATX sind nach unten gezogen. Bei einem Kursrutsch in einer der wichtigsten Volkswirtschaften ist das erwartbar, dennoch ist es auch ein Indikator, wie unruhig die Märkte derzeit auf Signale reagieren.

Die Wirtschaftskrise ist keineswegs vorbei und jene, die den schnellen Aufschwung propagierten, könnten zu optimistisch gewesen sein. Das Investment-Haus Goldman Sachs etwa geht in einer Studie von September 2014 davon aus, dass die Wirtschaft in Europa langfristig stagnieren könnte.

Für Deutschland schreibt „Der Spiegel“ am 25.08.2015 von einer „günstigen Entwicklung der Konjunktur“. Die Zahlen dazu laut Spiegel: „2014 hatte das Plus bei 0,3 Prozent gelegen. In den beiden vorangegangenen Jahren wurde dagegen nach revidierten Angaben ein leichtes Defizit von jeweils 0,1 Prozent erzielt“. Wenn ein zweimaliges Defizit und ein einmaliger marginaler Aufschwung in der Wirtschaftsredaktion des Spiegels bereits als „günstige Entwicklung“ durchgehen, sollte das ein deutlicher Warnschuss sein, wie es um die Ökonomie tatsächlich bestellt ist. Der Spiegel hat allerdings recht, dass Deutschland (und Österreich) im europäischen Vergleich noch ziemlich gut dastehen.

Rohstoffpreise „im freien Fall“

Ein weiterer Indikator für eine (auch global) abgeschwächte bzw. stagnierende Wirtschaft sind die Rohstoffpreise, die zumeist sehr gut zeigen, wie sich die Wirtschaft entwickeln wird. Wenn ein Unternehmen mit steigendem Absatz rechnet, kauft es mehr Rohstoffe ein, wodurch die Produktion angekurbelt wird und die Preise steigen. Wenn hingegen mit gleichbleibender oder sinkender Produktion gerechnet wird, wird weniger eingekauft und produziert, was den umgekehrten Effekt hat.

Derzeit sind die Rohstoffpreise als Reaktion auf die Entwicklung in China sogar auf einem Sechs-Jahres-Tief. Das ist allerdings keine neue oder unmittelbare Entwicklung, die nur mit China zu tun hat. Bereits im September 2014 schrieb die FAZ, dass die Rohstoffpreise „im freien Fall“ seien.

Soziale Kämpfe in China

In China nehmen bereits seit Jahren soziale Auseinandersetzungen und Arbeitskämpfe enorm zu. (Daniel Fuchs hat dazu eine lesenswerte Analyse geschrieben.) Dieser Prozess könnte sich weiter verschärfen und auch andere Länder in der Region, etwa Japan, könnten in Folge des chinesischen Abschwungs ökonomische Probleme und dadurch ausgelöste verstärkte soziale Kämpfe erleben.

Globale Auswirkungen

Global war die erste Welle der Weltwirtschaftskrise unter anderem ein Faktor für den Beginn des „Arabischen Frühlings“. Auch in Europa hat diese erste Welle starke ökonomische Risse gebracht (am sichtbarsten in Griechenland und Island). Sollte sich die Krise also wiederum vertiefen bzw. verlängern, sind durchaus weitere soziale Verwerfungen zu erwarten.

Gleichzeitig ist soziales Elend nicht unbedingt die beste Voraussetzung für soziale Auseinandersetzungen. Wer sich um das unmittelbare Überleben kümmern muss, sieht und hat auch zumeist keine Möglichkeiten der Selbst-Organisierung. Hinzu kommt, dass soziale Not oft nicht unbedingt geeignet ist, um sozialen Zusammenhalt herzustellen, sondern oft zu Entsolidarisierung führt (dieses Problem hat Karl-Markus Gauss jüngst in einem Essay im Standard treffend beschrieben).

Dennoch hat sich auch auf der politischen Ebene seit dem Beginn der Krise in Europa einiges verändert. Neue soziale Akteure wurden sichtbar, es gab und gibt erdrutschartige Veränderungen im politischen Gefüge. Zu nennen wären vor allem die Entwicklungen in Griechenland und der Aufstieg von Podemos in Spanien, aber auch der Wahlsieg der SNP in Schottland, die Nach-Wahlsiege verschiedener trotzkistischer Parteien in Irland, der Einzug der maoistischen PTB ins belgische Parlament und der Vereinigten Linken ins slowenische Parlament und die aktuelle Kampagne in Großbritannien, die voraussichtlich den bekannten Partei-Linken Jeremy Corbyn zum nächsten Labour-Vorsitzenden machen wird. Ob und wie dieser Prozess auch in Deutschland und Österreich ankommt, wird eine spannende Frage.

Michael Bonvalot ist politischer Journalist und Sozialarbeiter in Wien. Er schreibt unter anderem für vice.com, für die junge welt sowie für den Blog Störungsmelder von zeit.de. Seine Artikel in verschiedenen Medien publiziert er auf Michael Bonvalot – Zwischenrufe.

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