Wien-Wahl IV: Wahlkater in WienZehn oder die Sorge um die Schmuddel-Bezirke

Foto: Joachim Bomann

Die Presse schreibt sich ihr politisches Ghetto in den ArbeiterInnenbezirken zurecht. Bibi Kaufmann fährt dort eine Runde Straßenbahn.

Montag nach der Wahl, Arbeitswege kreuzen wild durcheinander, irgendwo anders auch der vom neuen alten Häuplmeister. Die Wahlergebnisse in meinem Favoriten sind mal wieder irgendwo zwischen SPÖ und FPÖ schockgefroren, die SPÖ ist das Bum-Bum-Eis, in dem der blaue Kaugummi-Stiel feststeckt. Das Wahlvolk ist hier seit langem binär, 1100, rot oder blau, kein Platz zwischen den Standln am Viktor-Adler-Markt für Zwischentöne. Grün sind hier nur die Gösser-Dosen. Die Bezirkspartei und ich sind daher heilfroh, dass zumindest die Bim noch verlässlich rot glänzt, und so steig ich in den 67er und such mir einen freien Klassenstandpunkt.

Ich studier‘ die Lidl-Wochenangebote, aber um studiert zu tun blätter ich im wöchentlichen Nachrichten-Heftl. Die Wahlreportagen über den Zehnten sind diesmal wieder besonders fatalistisch und tauchen das Grätzl in das schummrige Licht eines Bushido-Videos. Kein Paprika, dessen Preis hier nicht in einem Bandenkrieg verhandelt würde.

Standard, Presse, ORF, alle versuchen sich gerade an einer Psychologie des Randbezirks. Diesmal ist es das PROFIL, das mir vom Thug Life in meiner Gegend erzählt. Von der interessanten „Exotik“ beim Flanieren auf der Favoritenstraße, aber irgendwie bleibe man doch fremd; Die Autorin mit der melodischen Dehnübung als Vornamen wohnt immerhin „seit Kurzem“ da. „Der gemeinsame Wohnort macht aus verschiedenen Lebensweisen noch keine multikulturelle Sause“ weiß sie nach Wochen, Monaten des Embedded Journalism an der direkten Frontlinie zwischen SPÖ und FPÖ zu berichten.

Aber jetzt erstmal, Bam und Bumsti, die Statistiken: WienZehn, zweitniedrigstes Einkommen, zweitniedrigste AkademikerInnenquote, es scheint, die BettlerInnen betteln hier noch nicht mal mit Messer und Gabel!

Die rauen, armen, wütenden ArbeiterInnenbezirke wie Favoriten, die werden politisch immer gefährlicher, da bruzzelts nicht nur an der Grillhendlstation. Das Bürgertum hält seine letzte Bastion im schicken Fitness-Center am Columbusplatz, aber das FIT INN grinst schon einpaar hundert Meter weiter bedrohlich herüber. Und wo das Bürgertum, in Österreich schon immer Garant für Frieden und Humanismus, fehlt; wo die Menschen ihre Werte im Discounter kaufen; da ist die Barbarei nur mehr eine Verteilerkreisumrundung weit entfernt.

Favoriten ist groß und alt und die Leute sind noch älter. Marx war alt, Viktor Adler war alt, da ist ein Zusammenhang mit der Sozialdemokratie nur naheliegend. Das beste Wahlergebnis Wiens erzielte die SPÖ daher in einem mobilen Sprengel (das sind Geriatriezentren und Krankenhäuser) in Favoriten. Die Alten sind politischer Faktor und rechnen Steuerreformen beinhart in Malakofftorten um, daher kümmert man sich nirgends so um all die pensionierten Mutter Courages, wie in Favoriten. Und so hält auch die SPÖ hier noch knapp die Mehrheit. Indem sie, in ihren letzten Stellungen verschanzt, die Blauen blind mit PensionistInnen bombardiert.

Untertags verhandeln die österreichischen Omas im hinteren Teil des Viktor-Adler-Markts knallhart mit den indischen Standlern über figurformende Unterwäsche. Vor dem Duran, verlässlicher Kulinarik-Spot für das Ur-Österreichische, trinkt man ein Achterl mit der Leberzirrhose des Gegenübers. Im nationen- und schichtenübergreifenden Trubel ist das beliebteste Kulturgut aber schlussendlich der Eismarillenknödel, und auf den können sich vor dem Tichy alle einigen.

Dennoch, das Leben hier ist hart und grau und gefährlich, sagt die Presse, und findet’s irgendwie auch ein bisschen geil. Favoriten, das ist für die Kultivierteren der Jack Unterweger der Bezirke, kriminell, skandalös aber immerhin leicht verrucht. Die U1 donnert zum Glück jederzeit in Richtung weltoffener Innenstadt, wo der Asphalt nicht grau, sondern anthrazit ist. Und wenn man davor beim Hauptbahnhof nicht aussteigt, kriegt man gar nicht mit, dass man gerade am organisatorischen Knotenpunkt einer der größten zivilgesellschaftlichen Bewegungen der letzten Jahre vorbeigefahren ist.

Grundsätzlich sollte man aber selbst bei der Taubstummengasse noch nicht aussteigen. Die Strahlkraft des wilden Südens reicht noch weit in den Vierten hinein, sodass der pubertäre Akademiker den Kragen seines Polos lieber zu einer Drohgebärde aufstellt, wenn er das Theresianum verlässt, um das tägliche Wiedner-Weed für die große Pause aufzustellen.

Ich klapp die Wahlberichterstattung zu und schau mich mitleidig in der Straßenbahn um, während sie am Arthaberplatz vorbeizuckelt. Ich möcht alle da draußen vor sich selbst retten, unmündige Manövriermasse der Rechten! Da erinnert mich das kleine historische Kasterl am Ende des Artikels, dass der ArbeiterInnenbezirk auch ganz anders kann:

„(…) am Wahltag, dem 24. April 1932, dann die Überraschung: Die NSDAP (17,4 Prozent) war den Christlichsozialen (20,2 Prozent) nahe gerückt, die Sozialdemokraten hatten gegenüber ihrem Rekordergebnis von 1927 nur einen Prozentpunkt verloren. Die Nazis triumphierten vor allem in bürgerlichen Bezirken mit hohem Beamtenanteil wie Wieden, Josefstadt und Währing, wo sie mit Ergebnissen an der 20-Prozent-Marke die Christlichsozialen sogar überholten. Am schlechtesten schnitt die NSDAP in den Arbeiterbezirken Favoriten (10 Prozent) und Simmering (7,3 Prozent) ab.“

Favoriten, Bollwerk gegen den Faschismus? Schwer vorstellbar mit all den Bildern im Kopf! Schon so lang her, dass‘ fast fad ist.

Aber eigentlich überhaupt nicht. Was ist da passiert mit dem ArbeiterInnenbezirk? Kann der eine solche Rolle heute noch spielen?

Ich sammel eure Thesen unter redaktion(at)mosaik.at und in zwei Wochen pantsche ich sie zu einer Fortsetzung zusammen, das ist ein Wahlversprechen!

Bibi Kaufmann schreibt hier auf gelegentlichen Zuruf von Der Wandel und www.hydrazine.at.

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