Nichts ist deutscher als Fototermine mit brutalen Autokraten. Warum musste Mesut Özil dann aus der deutschen Nationalmannschaft zurücktreten? Mahdi Rahimi über Migranten im Fußball, Multikulti-Swag und einen Spieler, der größer ist als Deutschland.

Als ich den Sommerurlaub 1990 im Iran verbrachte, wurde ich von Verwandten gefragt, ob ich bei der WM zu Österreich gehalten habe. Ich habe sie verdutzt angeschaut und mich gefragt, warum ich denn zu denen halten soll? Klar gab es Jahre später Nostalgie wegen Panini-Pickerln von Josef Degeorgi und dem Roten Robert, aber ich habe z.B. damals nicht verstanden, warum ein Mensch Heimo Pfeifenberger heißt und warum ich mich jetzt für den begeistern sollte.

Außerdem hat die Mannschaft nix g’rissen. Deutschland, Italien, Kamerun waren eher zum Zuschauen. Argentinien war irgendwie böse, aber im Nachhinein, im Taumel der WM 90-Nostalgie und wenn man über die Beziehung Caniggia-Maradona mehr liest, war es im Kopf die Mannschaft, zu der man eigentlich hielt. Aber als achtjähriger Migrant nach zwei Jahren Volksschule in Wien und dem Erlernen, dass man da nicht ganz dazu gehört, gab es keinen Grund zu Österreich zu halten.

Swag und NTM

Bei der WM 98 gewann Frankreich und Deutschland ging ziemlich schön unter. Frankreich hatte irgendwie das, was man heutzutage „Swag“ nennen würde. Ein Multikulti-Team, das im Finale Brasilien wegrasierte. Thuram, Djorkaeff, Henry, Zidane etc. ließen die Jörg Heinrichs und Andi Möllers alt aussehen. Außerdem war französischer Rap damals wesentlich cooler als deutscher, man hat gehört, dass im französischen Fernsehen Rap ernsthaft diskutiert wird. Und Österreich war noch immer Österreich.

Ich habe keine Ahnung, ob Mesut Özil jemals NTM gehört hat, aber er gibt an, dass sein Lieblingsspieler Zidane war. Ich weiß auch nicht, ob Mesut wirklich traurig war, als Deutschland im Viertelfinale gegen Kroatien unterging, aber ich nehme mal an, dass er mit elf Jahren beim Kicken eher von Frankreich inspiriert war als von Deutschland.

Der beste deutsche Spielmacher

Es kam die WM 2010. Frankreich hatte gerade drei Jahre Sarkozy als Präsidenten hinter sich gebracht und ein Freund von mir, der in Frankreich lebt, hatte von seinen Freunden mit migrantischem Hintergrund dutzende Anfragen, ihnen ein Deutschland-Dress von Özil zu besorgen.

Özil war kein deutscher Spieler. Er lief nicht viel, er war nicht besonders schnell ohne Ball, aber er war schnell mit dem Ball und spielte Pässe und sah Räume, wie man es von südamerikanischen Zehnern gewohnt war, oder von Zidane. Ich habe vor ein paar Tagen versucht, einen deutschen Spielmacher zu finden, der ähnlich gut war wie Özil in seiner besten Phase. Mir fiel kaum jemand ein. (Kein Littbarski, Hässler oder Netzer bitte).

Özil war einzigartig für Deutschland, weil er nicht wirklich „deutsch“ war. Dabei ist er in Gelsenkirchen geboren und wurde bei Schalke groß. Doch es ergibt auch Sinn, dass Özil keine wirklich großartige Bundesligakarriere hatte und erst nach der WM und bei Real Madrid richtig groß wurde. Özil war nie wirklich Deutschland. Aber deutscher Fußball war in den 2010ern auch nicht mehr wirklich deutsch. Und so konnte Özil eine Karriere im Nationalteam machen, die vor 15 Jahren nicht möglich gewesen wäre.

Was Thomas Müller nicht passiert

Es war schwer, einen Artikel zu einem Thema zu schreiben, zu dem eigentlich eh schon jeder alles gesagt hat. Aber dieser Tweet erklärt, was Özil wirklich war und ist als Kicker.

Özil hat auf seine Art und Weise Deutschland transzendiert. Er hat für Deutschland gespielt, aber er hatte nichts mit dem Hartz-IV-RTL-II-Reality-Mief-Deutschland zu tun, oder mit dem was man allgemein als Deutschland wahrnimmt. Wahrscheinlich kann er deswegen jetzt als wirklich guter Sündenbock für alle möglichen deutschen Sünden herhalten.

Es war nämlich nicht das erste Mal, dass Özil sich mit Erdogan traf. Es gibt mindestens noch acht weitere Fotos, die niemanden interessiert haben. Thomas Müller hatte eine wesentlich schlimmere WM 2018 und EM 2016 als Özil, nur haben Markus Söder und die Bild-Redaktion wahrscheinlich alle Müller-Dressen zu Hause.

Erdogan ist noch immer gewählter Präsident der Türkei, einem NATO-Partner. Einer, der die bösen Flüchtlinge bei sich behält, damit die Balkanroute dicht bleibt und dem man schon mal erlaubt, mit deutschen Panzern in Afrin einzumarschieren. Es ist ja nicht so, als hätte Özil ein Foto mit Putin gemacht.

Größer als Deutschland

Im Grunde steht Özil in seinem nicht-fussballerischem Handeln ganz in der Tradition anderer deutscher Sportler, was wieder zeigt, wie sehr Özil doch ein Deutscher ist. Es sei jedem ans Herz gelegt, die deutsche Berichterstattung zur WM 1978 in der Militärdiktatur Argentinien zu googlen. Und die Zitate von Berti Vogts dazu.

Der Hass gegen Özil kommt nicht daher, dass er ein Foto mit einem Autokraten machte, der Menschenrechte mit Füßen tritt. Das ist das deutscheste, was ein deutscher Sportler machen kann. Der Hass gegen Özil kommt daher, weil er größer als Deutschland ist und mit dem deutschen Durchschnitt und den deutschen Tugenden nichts am Hut hat.

Beyoncé des Fußballs

Özil ist für den deutschen Fußball, was Beyoncé für die Popmusik ist. Der noch immer teuerste deutsche Spieler aller Zeiten, der einzige deutsche Fußballer, der wirklich markant und erkennbar, weil anders ist. Das sind die wahren Gründe für den Rassismus und den Hass gegen ihn, wie gegen alle „Fremden“, die etwas einfach besser machen und einen an die eigene Mittelmäßigkeit und das eigene Versagen erinnern.

Es wachsen nämlich andere Generationen, vor allem von MigrantInnen, nach, die sich an dieser Exzellenz orientieren und nicht an die lokale Durchschnittsmasse. Das passiert im Sport, in der Musik, in der Kunst und es erklärt wohl auch, warum so wenige MigrantInnen in der Politik sind.

Der Vorteil aller MigrantInnen ist nämlich, dass sie mehr kennen und sehen als das, was in ihrer lokalen Umgebung passiert. Dass sie von Geburt an eine andere Welt kennen, die Hans-Peter, Jean-Jacques und Franz nicht kennen. Diese Welt will man ihnen zwar verbieten, wegnehmen und sie in Tracht zwingen. Doch am Ende weiß der Migrant auch, dass es keine Tracht von Gucci gibt (Shout Outs Capital Bra).

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