Jonas Deister

Behinderungen bei anderen Menschen führen dir vor Augen, was sein könnte. Was hätte passieren können, was in der Zukunft möglicherweise noch geschehen kann. Das macht Angst. Aber Mitleid ist fehl am Platz, man muss Menschen mit Behinderungen schlicht und ergreifend ernst nehmen. Ein persönlicher Bericht von Svenja Killius.

Vor fünf Jahren hatte ich einen Hörsturz. Nach etlichen Besuchen in Ambulanzen stand schließlich fest: ich bin auf einer Seite hochgradig schwerhörig, irreversibel. Seitdem beschäftigt mich das Thema persönlich. Ich habe das Glück schon lange politisch interessiert zu sein, deshalb begreife ich Behinderungen vorrangig als etwas Politisches.

Verhaltener Fortschritt

Ich sehe durchaus positive Entwicklungen im Querschnittsthema Behinderungen. Barrieren werden langsam aber doch verringert. Das neue Erwachsenenschutzgesetz regelt institutionalisierte Möglichkeiten für Beteiligungsprozesse und Interessensvertretungen von Menschen mit Behinderungen. Auch die Sprache verbessert sich langsam und wird zumindest oberflächlich weniger ableistisch (feindlich gegenüber Menschen mit Behinderungen). Offene Abwertung von Menschen mit Behinderungen gilt mittlerweile als inakzeptabel.

Aber der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Noch lange nicht. Donnerstag 10:00 Uhr im Wartebereich einer Ambulanz – ich warte auf meinen Arzttermin. Mein Blick schweift umher und fällt auf ein Plakat in Flipchart-Größe. Ein ist ein wirklich absurdes Hochglanz-Plakat, das zeigt, wie toll so ein Cochlea Implantat (CI) ist. Darauf steht folgendes: „Du kannst am Tag nach der OP an Veranstaltungen teilnehmen.“ Nicht erwähnt wird, dass du das CI aber erst nach vier bis sechs Wochen überhaupt erst einschalten darfst. „CIs sind genauso kosteneffizient wie Gebärdensprache.“ Das Beste aber kommt zum Schluss: „Patienten werden oft mit ‚Was für eine schöne Haarspange!’ angesprochen“.

Bitte nicht bunt

Als ich das gelesen habe, musste ich in dem sonst andächtig ruhigen Wartebereich laut los lachen. Wirklich, warum sollte mich interessieren, wie mich irgendwer anspricht, wenn ich überlege ob ich ein Implantat möchte? Gibt’s da nicht größere Sorgen? Ein CI sieht nicht aus wie eine Haarspange sieht nicht aus wie eine Haarspange sieht nicht aus wie eine Haarspange. Warum auch?

An der Art von Werbung ist aber ein allgemeiner Umgang mit Menschen mit Behinderungen abzulesen. Die Annahme, dass Behinderungen (und technische Hilfsmittel) irgendwie peinlich sind und die Annahme, dass dem begegnet werden könnte, indem beides einfach verleugnet wird. (Von der sexistische Annahme, dass es Frauen sind, die dieses Bedürfnis besondes stark verspüren, einmal abgesehen.) Wenn ich bei der Hörakustikerin nach einem bunten, knalligen Hörgerät frage, ernte ich immer einen skeptischen Blick.

Es läuft was verkehrt

Ein paar Tage zuvor sitze ich bei einem Vorstellungsgespräch. Ich bewerbe mich bei einer Interessensvertretung von Menschen mit Behinderungen. Bisher habe ich Werkstätten, in denen Menschen mit Behinderungen arbeiten, in denen sie aber lediglich ein Taschengeld bezahlt bekommen, abgelehnt. Hier, bei der Interessensvertretung, wird die These vertreten, dass Werkstätten nicht abgeschafft werden sollen und dass wir eine Wahlfreiheit zwischen Regel- und Sonderschule brauchen. Zuerst war ich nicht sicher, ob ich für eine solche Organisation arbeiten will. Nach längerer Überlegung kann ich die Position aber durchaus nachvollziehen.

So lange wir noch Meilenweit von echter Inklusion entfernt sind, so lange die Partei Die Linke in Deutschland noch „Mehr für die Mehrheit“ statt inklusiv „alles für alle“ fordert, so lange ein Großteil progressiver Menschen nur gleiche Chancen aber nicht gleiche Bezahlung und Behandlung bei jeglicher (oder keiner) Lohnarbeit fordert, läuft was verkehrt. So lange wir ernsthaft Integration in den ersten Arbeitsmarkt als Ziel haben, stimmt was nicht. Das steckt selbstverständlich schon in dem Wörtchen Integration, das in anderen Zusammenhängen erfolgreich abgelehnt wird.

Wir schämen uns nicht

Nachdem ich schwerhörig wurde, war ich – neben den wirklich tollen Reaktionen – oft mit zwei verschiedenen Herangehensweisen konfrontiert. Da war zunächst das „Du hörst schlecht, na und? Du kannst alles schaffen, wenn du es nur willst!“ Was schlichtweg nicht stimmt und einen ziemlichen Druck aufbaut. Und dann gab es das Mitleid, manchmal mehr, manchmal weniger, manchmal echt, manchmal geheuchelt, aber es war da. Neulich hat mir eine Frau die ich kürzlich kennen gelernt habe erklärt, dass, sollte ich auch auf dem anderen Ohr nichts mehr hören, ich quasi einpacken kann. Weder einkaufen, noch Elterngespräche in der Kita seien dann noch möglich. Was natürlich die Hauptaufgaben jeder Mutter sind. Ihr tat es wohl leid, was sie aber kommuniziert ist entmündigend.

Weder der eine noch der andere Zugang ist sinnvoll, unterstützend oder irgendwie solidarisch. Menschen mit Behinderungen brauchen das nicht. Was wir brauchen ist, wie jede andere von Diskriminierung betroffene Gruppe auch, dass wir mit unseren Anliegen ernst genommen werden. Dass wir unterstützt werden in unseren Forderungen und Teil einer größeren Bewegung sind, die sich für bessere Lebensbedingungen für alle einsetzt. Und dass endlich alle kapieren, dass wir das nicht mehr mitmachen: Wir schämen uns nicht. Wir fordern lautstark unsere Rechte.

Damit meinen wir zum Beispiel, dass CIs und Gebärdensprache nicht gegeneinander ausgespielt werden. Oder dass Hörgeräte, Brillen und sonstige Hilfsmittel komplett von den Krankenkassen finanziert werden – und nicht nur die schlechtesten und günstigsten Varianten. Ich will, dass bei der Entscheidung, ob ich ein CI möchte oder nicht, weder die Krankenstandstage, noch die wegfallenden eigenen Zuzahlungen, die ich bei einem Hörgerät hätte, eine Rolle spielen. Und eben auch nicht, ob das Gerät aussieht wie eine Haarspange oder nicht.

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