Der 1. Mai in Italien wurde dieses Jahr von einem Thema dominiert: Die Expo 2015 in Mailand. Aus dem ganzen Land kamen AktivistInnen zu einer der größten Mailänder Maydays der letzten Jahre. 30 000 Menschen protestierten auf Mailands Straßen gegen die Weltausstellung, deren Charakterisierung als „Universalausstellung“ lediglich das Selbstbild einer kleinen Elite ist.

Die Weltausstellung ist eine Ausstellung ihrer Welt, ihrer Vorstellung der Zukunft. Es ist die Zukunft als bloße Fortschreibung, quasi in I-Phone-Generationen, einer neoliberalen Entwicklungsweise, deren politischen wie wirtschaftlichen Bankrott das grelle Licht der Mailänder Wolkenkratzer nur mehr schwerlich verdecken kann. Die eigentliche Ausstellung ist das Drumherum: Die von zunehmender Prekarisierung und Verelendung geprägte italienische Gesellschaft, verursacht durch die verzweifelte Suche der italienischen Wirtschaft nach Profit.

Entrechtung als Primo Piatto, Beton zum Nachtisch

Thema der Weltausstellung ist Ernährung und Energie. Aus welcher Perspektive dies angegangen wird, macht der größte private Aussteller auf der Expo deutlich. Dabei handelt es sich um „Eataly“. Hinter dem albernen Akronym verbirgt sich eine Art Luxusrestaurant mit angeschlossenem Einkaufszentrum. Nicht nur des Konzepts wegen hat sich die Kette Feinde gemacht. Eataly ist bekannt für miese Arbeitsbedingungen und niedrige Bezahlung. Damit fügt sie sich aber tatsächlich gut in die Expo ein. Eigens mit den Gewerkschaften geschlossene Sonderverträge ermöglichen noch stärker befristete, noch schwächer geschützte Arbeit auf den Baustellen und der Ausstellung selbst. Ergänzt werden sollten die schlecht bezahlten ArbeiterInnen durch fast 20 000 „Freiwillige“. Auch aufgrund der Kampagne #NonLavoroGratisPerExpo („Arbeite nicht gratis für die Expo) sind es letztlich nur ganze 7000 geworden. Im Kontext des hochumstrittenen „Jobs-Act Dekret“ der Regierung Renzi, das Arbeitsplätze durch den Abbau von Arbeitsrechten zu schaffen versucht, bezeichnete der Ratspräsident Enrico Letta die Vorgänge in Mailand als beispielgebend für ganz Italien. Das ultimative Rezept gegen die Rekordarbeitslosigkeit scheint gefunden. Firmen stellen Menschen ein, bezahlen aber keine Löhne mehr, auf den „Jobs Act“ folgt wohl der „no-wage Act“. Die Expo ist dabei nur der Anfang.

Weltausstellung durch Repression

Was auch nicht ganz in das Bild der idyllischen Landwirtschaft passen will, ist die für die Expo fortgesetzte Verbauung der Mailänder Peripherie. Tausende Quadratmeter fruchtbare Äcker wurden für die Expo betoniert. Da nicht einmal der durch das Großevent erzeugte Druck ausreichte, um genug Zustimmung für diese Projekte zu erreichen, schritt gleich der italienische Zentralstaat ein. Ganz im autoritären Stil von Ministerpräsident Renzi per Dekret – nicht etwa per Gesetz. Somit wurden eigentlich vorgesehene demokratische Einspruchsrechte auf lokaler und regionaler Ebene außer Kraft gesetzt.
Dieser Logik entsprechend versucht der italienische Staat auch gleich alle widerständigen Individuen vom Gelände fernzuhalten. So verlor beispielsweise Slivio C. seinen Job aufgrund der Expo. Die Polizei erteilte dem 28-jährigen Bäcker ein Verbot, das Expogelände zu betreten, woraufhin ihm seine für die Expo tätige Firma kündigte. Dass der, in einem linken sozialen Zentrum in der Banlieue Mailands aktive Silvio, vollkommen unbescholten ist, war dabei nicht von Interesse. Das neoliberalisierte Italien fürchtet aufgrund eines Bäckers um sein Denkmal aus Asphalt und Beton.
Darüber hinaus verwundert es nicht, dass die ganze profitorientierte Veranstaltung mit öffentlichem Geld gesponsert wird. Die bei allen Projekten beteiligten Banken können aber offenbar besser rechnen als der italienische Staat. Die öffentlichen Aufwendungen haben bisher schon alle Planungen überstiegen. Dass unter den ProfiteurInnen auch die Ndrangheta, die kalabrische Mafia ist, komplettiert das Bild einer Großveranstaltung, die eine wahre Ausstellung der Schande ist.

Black Block

Nichtsdestotrotz zeigt die Gegendemonstration, dass die Weltausstellung leider nicht das einzige verstaubte Museum der Stadt ist. Auf mehreren Hundert Metern brannten Autos aus, zahlreiche Fensterscheiben wurden zerschlagen. Mit wenigen Ausnahmen reagierte die italienische Linke darauf ratlos. Alle hatten es erwartet, die Polizei sowieso. Sie glänzten an dem Tag durch eine bezeichnende Taktik: Kein Kontakt mit dem schwarzen Block, kein Gerangel, keine Straßenschlachten. Der #noexpo 1. Mai zeigt nur zu deutlich den mittlerweile ritualhaften Charakter der immergleichen, eher militärischen denn militanten Aktionsformen, die freilich mit einem spontanen Aufstand wie beispielsweise in Baltimore nichts zu tun haben. „Es war keine spontane Revolte in einem realen Konflikt, sondern eine simple Inszenierung, Repräsentation der Revolte, eine organisierte Kraft hat demonstriert, den Konsens zu brechen, den das Netzwerk #noexpo in den letzten Jahren aufzubauen versucht hat,“ lässt das posttrotzkistische Netzwerk Communianet.org aus Rom wissen. Bei dieser Kritik geht es durchaus nicht um Fensterscheiben, sondern um eine in einer fetischisierten und mittlerweile übermedialisierten Aktionsform untergegangene politische Gelegenheit. Die italienische, wie auch die lokale Regierung samt Bürgermeister, erwarteten nichts anderes als brennende Luxcorsas und Nobelpandas, auf welche sich der journalistische Fokus unweigerlich richten würde. Wie davor schon befürchtet, ging die politische Kritik der kommunikativ schwachen, in Mailand besonders zerstrittenen Linken im Nachfeld der Demo völlig unter. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Veranstaltung (die eher eine Ausstellung des Wirkens der korrupten politischen Eliten Italiens denn eine Weltausstellung ist) trotzdem weiterhin Widerstand geboten wird.

Ako Pire studiert Raumplanung an der TU Wien und Politikwissenschaft an der Uni Wien. Er ist aktiv in der Offensive gegen Rechts und hat für ein Jahr in Rom gelebt.

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