Kilgub

Was für viele Briefkästen gilt, ist im urbanen Raum immer noch die Ausnahme: Werbung ist überall. Das ändert sich aber zusehends: Werbeverbote sollen das städtische Leben lebenswerter machen. Warum ist das in Wien noch kein Thema?

Es gibt keine Adblocker für Werbeplakate. Werbung ist im städtischen Raum allgegenwärtig und nimmt ungefragt das Blickfeld in Anspruch. „Das konstante Bombardement unserer Sinne dringt in unser kulturelles Leben ein und nimmt Einfluss auf dieses“, sagt Farida Shaheed, Soziologin und UN-Sonderbeauftragte für Kultur. Werbeverbote seien daher ein wichtiger Schritt, um „die Nutzung des öffentlichen Raumes wieder ins Gleichgewicht zu bringen“. Diese Aufforderung stößt nun auch auf praktisches Interesse.

Werbung vs. Lebensqualität

In Grenoble bekannte sich die Stadtregierung aus Grünen und Linken unter dem Motto „Menschengerechte Stadt“ zu mehr Lebensqualität, Geschlechtergerechtigkeit und der Teilhabe von Kindern und Alten am öffentlichen Leben. Allgegenwärtige Werbung würde diesem Anliegen im Wege stehen. Zudem bespielen die Werbeflächen in Grenoble vorwiegend multinationale Konzerne. Regionale Wirtschaftskreisläufe profitierten kaum davon.

So entschied man sich für ein Verbot von Außenwerbung: 326 Reklametafeln wurden durch Bäume und Anschlagtafeln ersetzt. Der Verzicht auf Plakatwände hat die Ästhetik der Stadt verbessert, Sichtachsen geöffnet und soll sich positiv auf Biodiversität und Klima auswirken. Während Grenoble auf die überschaubaren Einnahmen aus den Werbedeals verzichten kann, fällt es anderen Städten schwer, Nein zu sagen: Werbeanbieter finanzieren oftmals Infrastruktur – für öffentliche Verwaltungen unter Finanzdruck ein attraktiver Deal.

Nur nicht in Wien

Die Idee, auf Werbung zu verzichten, ist indes nicht neu: In Hawaii gilt ein Verbot von Plakatwänden bereits seit 1927. US-Bundesstaaten wie Alaska (1959), Vermont (1968) und Maine (1977) zogen nach. Insgesamt haben rund 1.500 US-amerikanische Gemeinden ein Verbot von Außenwerbung eingeführt. Im Rest der Welt ist das eher die Ausnahme. Bergen in Norwegen war in Europa damit lange Zeit alleine. Als 2007 mit Sao Paolo eine Millionenmetropole ein Verbot verhängte, war der Effekt entsprechend groß. Favelas, die zuvor hinter den Fassaden einer heilen Konsumwelt verschwanden, wurden wieder sichtbar.

Das – mittlerweile teilweise zurückgenommene – Verbot stieß jedoch Initiativen in den unterschiedlichsten Städten an: In Chennai, Genf, Zürich, Berlin, Trondheim oder Moskau etwa wird über ein Werbeverbot diskutiert. Nur nicht in Wien. Die knapp 19.000 Werbeflächen im öffentlichen Raum werden aktuell, wenn überhaupt, nur über die Frage der Lichtverschmutzung thematisiert. Außenwerbung berührt aber auch die Privatisierung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raums und damit letztlich die Frage: In welcher Stadt wollen wir leben?

Der Text erschien in der Festivalzeitschrift der diesjährigen WIENWOCHE, die mosaik produzierte. Das Festival wird am 14. September um 20 Uhr in der Nordbahn-Halle eröffnet und dauert bis zum 23. September.

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