Von Opfern und Täter/Innen: Der Kampf um den 8. Mai

Foto: Dorian Alexander Rammer

Das Fest der Freude – das ein Konzert der Wiener Symphoniker sowie Reden von Überlebenden und PolitikerInnen umfasst – wird heute zum vierten Mal unter anderem vom Mauthausen Komitee Österreich (MKÖ), der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG Wien), dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW), dem Verein GEDENKDIENST sowie dem Bundeskanzleramt und der Stadt Wien veranstaltet. Ziel ist es, der Freude über die Befreiung Österreichs von der NS-Herrschaft vor 71 Jahren Ausdruck zu verleihen. Jutta Fuchshuber und Lukas Meissel gehen auf Spurensuche, wie der Tag der Befreiung in den 68 Jahren davor gefeiert wurde.

Kurz nach Mitternacht am 9. Mai 1945 trat die auf den 8. Mai datierte Urkunde zur Gesamtkapitulation aller deutschen Streitkräfte in Kraft, die Wehrmacht als bewaffneter Arm des nationalsozialistischen Staates stellte die Kampfhandlungen ein. Bereits in den Monaten und Wochen davor wurden Gebiete des Deutschen Reiches Schritt für Schritt von den Alliierten militärisch besetzt, regional fand die Befreiung vom NS-Regime also an unterschiedlichen Tagen statt. SoldatInnen der Roten Armee gelang es in der sogenannten Wiener Operation, die verbleibenden Verbände der Wehrmacht und der Waffen-SS in Wien und Umgebung zu besiegen. Die provisorische Regierung unter Karl Renner bildete sich am 27. April. Doch noch am 28. April hielt die Lager-SS den Tötungsbetrieb des Konzentrationslagers Mauthausen aufrecht und 43 österreichische Häftlinge wurden in der Gaskammer von Mauthausen ermordet. Die Befreiung der rund 40.000 Überlebenden der Konzentrationslager Mauthausen und Gusen erfolgte erst endgültig am 6. Mai 1945 durch die US-Armee.

Gerechtigkeit für Österreich?

Nach dem Ende des NS-Regimes berief sich die neu konstituierte österreichische Regierung auf die Moskauer Deklaration von 1943. Nach dieser sei Österreich ein Opfer der NS-Aggression gewesen. Laut Historiker Hans Safrian waren „die österreichischen Politiker der ‚ersten Stunde‘ bestrebt, den wiederzugründenden Staat soweit wie möglich aus der Konkursmasse des bankrotten ‚Tausendjährigen Reiches‘ herauszuhalten, möglichst wenig Reparationen zu bezahlen, möglichst viel des ‚Deutschen Eigentums‘ […] für den ‚Wiederaufbau‘ im Lande zu behalten, Restitutions- und Wiedergutmachungszahlungen an jüdische Opfer des Nationalsozialismus möglichst lange zu verzögern.

Österreich als erstes Opfer des NS-Regimes hätte einen eigenen Beitrag zur Befreiung leisten sollen, so die Moskauer Deklaration. Die provisorische Regierung nahm diese widerwillig im Nachsatz der Proklamation über die Selbstständigkeit Österreichs auf. Die sog. Opferthese (Besetzung Österreichs durch Deutsches Reich) und die Okkupationstheorie 1946 (Besetzung Österreichs durch die Alliierten) wurde mit dem Rot-Weiß-Rot-Buch in der offiziellen Geschichtsschreibung festgeschrieben. Die Motivation hinter dem Band findet sich eindrücklich im Untertitel: Gerechtigkeit für Österreich!. Somit wurde das langanhaltende Bild eines Opferkollektives in die österreichische Gesellschaft produziert und über Generationen weiter propagiert.

Die Zivilbevölkerung erinnert(e) sich als Opfer des alliierten Bombenkrieges, an angebliche und tatsächliche Plünderungen und Vergewaltigungen durch die Rote Armee am Kriegsende, aber nicht an die vielfältige MittäterInnenschaft an den Verbrechen des NS-Regimes. Das antifaschistische Verständnis, dass Österreich vom Faschismus (je nach politischer Ausrichtung ab 1934 oder 1938 bis 1945) befreit wurde, dürfte eine Minderheitenposition gewesen sein.

Der österreichische Nationalsozialismus

Die Zahlen der Angehörigen des Widerstandes waren verschwindend klein im Vergleich zu den aktiven AnhängerInnen des NS-Regimes und den sogenannten Bystanders (im Deutschen oft etwas ungenau als Mitläufer übersetzt). 1,3 Millionen Österreicher wurden zur Wehrmacht eingezogen, 60.000 schlossen sich der Waffen-SS an – diese große Gruppe an Personen war Teil der besiegten Streitkräfte Nazideutschlands – und über 600.000 waren Mitglieder der NSDAP. Inwiefern sie die Niederlage ihrer Kampfverbände als Befreiung erlebten sei dahingestellt. Die Kameradschaftsverbände setzten dem antifaschistischen Gedenken durch eine Vielzahl an Kriegerdenkmälern ein klares Zeichen entgegen: Die Soldaten der Wehrmacht und Waffen-SS hätten ihre Pflicht für das (deutsche) Vaterland erfüllt. Der österreichische Widerstand und das Bild der Befreiung Österreichs durch die Alliierten – durch den Sieg über die Truppen der Wehrmacht und Waffen-SS – hatten in dieser Erzählung keinen Platz.

Nach Innen prägte dieses rechtfertigende bis neonazistische Gedenken das österreichische Geschichtsbild und nach Außen trug das offizielle Österreich das Banner des ersten Opfers. In Eine staatliche Auseinandersetzung mit TäterInnenschaft und MitläuferInnentum wurde unterbunden und die Restitutionsforderungen jüdischer Organisationen abgeblockt.

Zeitsprung ins Jahr 2002

Die Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 – 1944 wird in Wien gezeigt. Wie auch in Deutschland stößt die Ausstellung, welche Verbrechen von Wehrmachtssoldaten dokumentiert und damit öffentliche Debatten zur Rolle der deutschen Armee im NS-Staat provozierte, in Wien ebenfalls auf Widerstand von Rechten und Konservativen. Im April 2002 genehmigte die Polizei eine von deutschnationalen Burschenschaften unterstützte Kundgebung der Plattform gegen die Schändung des Andenkens Verstorbener und der Kameradschaft Germania, die laut bundesdeutschem Verfassungsschutz zur neonazistischen Szene gehörte, am Wiener Heldenplatz als Protestveranstaltung gegen die Ausstellung. Gleichzeitig wurde eine Gegendemonstration behördlich untersagt. Der Heldenplatz wurde den Rechtsextremen symbolisch überantwortet. Nach der Kundgebung zogen rund 100 Teilnehmende durch die Wiener Innenstadt, skandierten Parolen wie „Ausländer raus“, „Sieg Heil“, „SA“ und „SS“. Eine Anzeige sorgte auch noch in den Tagen nach der Demonstration für Aufsehen: Karl Öllinger, Parlamentarier der Grünen, wurde von der Polizei beschuldigt, ihre Arbeit behindert zu haben; Öllinger hatte an den Protesten gegen die rechtsextreme Veranstaltung teilgenommen, in deren Rahmen es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und PolizistInnen gekommen war. Ab dem Jahr 2002 wurde auch erstmals in breiter Öffentlichkeit das sogenannte Totengedenken der deutschnationalen Burschenschaften am Heldenplatz in Frage gestellt. Unter Rückendeckung der FPÖ versuchten die Burschenschaften den Heldenplatz trotz steigender Proteste durch antifaschistische Bündnisse zu halten. Heinz-Christian Strache hielt 2004 die Festrede bei der rechtsextremen Gedenkveranstaltung am Heldenplatz, noch 2011 war er als Hauptredner angekündigt, sagte jedoch kurzfristig ab.

Der Tag der Befreiung und das Fest der Freude

Im Jahr 2013 schließlich verdrängte das durch die Bundesregierung veranstaltete Fest der Freude erstmals die Rechtsextremen. Die rechte Trauer um die Niederlage wurde durch ein Bild der Freude über die Befreiung ersetzt. Das Fest der Freude ist somit nicht nur eine Gedenkveranstaltung an die Befreiung Österreichs, sondern in erster Linie ein Signal gegen rechtsextremistische Erinnerungspolitik und die FPÖ. Doch was bedeutet es, wenn ein Täterland wie Österreich die Befreiung feiert? Wovon wurde es befreit? Der Nationalsozialismus war kein Importprodukt aus Deutschland, sondern hatte eigene österreichische Tradition und AktivistInnen lange bevor der erste Wehrmachtsstiefel Österreich unter breitem Jubelgeschrei betrat. Im Gegensatz zu den besetzten Ländern von Griechenland bis Norwegen, Frankreich bis Teilen der Sowjetunion wurde das Gebiet Österreichs nicht von einer Fremdherrschaft befreit, sondern von einem Herrschaftssystem, das von großen Teilen der eigenen Bevölkerung mitgetragen und mitgestaltet wurde. Der Widerstand dagegen war im Vergleich zu anderen Staaten gering:

Opfer, wie Jüdinnen und Juden, Romnija und Roma, Sintizze und Sinti, Kärntner SlowenInnen, Opfer der Euthanasie und Homosexuelle konnten kaum auf Unterstützung der Mehrheitsbevölkerung zählen. Im Gegenteil – während des NS-Regimes wurden die Wertgegenstände und das Eigentum der Deportierten und Ermordeten bereitwillig aufgeteilt. Für die Opfer der österreichischen und deutschen NationalsozialistInnen war der 8. Mai zweifellos eine Befreiung, für den Großteil der Bevölkerung, den TäterInnen und Bystanders war es aber eine Niederlage.

Das Feiern der Befreiung und das Andenken an Opfer und WiderstandskämpferInnen als Ausdruck eines antifaschistischen Grundverständnisses sind wichtig und sinnvoll. Die Auseinandersetzung mit den TäterInnen von damals und deren ideologischen Nachfolgern heute darf aber dabei nicht aus den Augen gelassen werden. In diesem Sinne kann die Freude um die Befreiung Österreichs von der Herrschaft der österreichischen und deutschen Nazis nur authentisch sein, wenn sie auch ein konsequentes Vorgehen gegen den gegenwärtigen Rechtsextremismus und Deutschnationalismus umfasst. Mit dem Blick auf die bevorstehenden Bundespräsidentschaftswahlen zeigt sich aber wieder einmal, dass der antifaschistische Konsens der österreichischen Parteienlandschaft insgesamt gerne symbolisch, aber ungern konkret ist.

Literaturtipps zum Weiterlesen:

Günter Bischof, „Opfer“ Österreich? Zur moralischen Ökonomie des österreichischen historischen Gedächtnisses, in: Dieter Stiefel (Hg.), Die politische Ökonomie des Holocaust. Zur wirtschaftlichen Logik von Verfolgung und „Wiedergutmachung“, München 2001, S. 305-335

Hans Safrian, Amnesie durch Amnestie. Zur österreichischen Entsorgung der Vergangenheit, in: Joachim Riedl (Hg.), Denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder! Festschrift zum 90. Geburtstag von Richard Berczeller, Wien 1992, S. 171-198.

Jutta Fuchshuber, Historikerin, Lehrbeauftragte am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, Vorstandsmitglied im Verein GEDENKDIENST

Lukas Meissel ist Historiker und lebt in Wien.

 

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