Es braucht eine neue Erinnerungskultur: 100 Jahre Volksabstimmung in Kärnten

Foto: Alvensia Angela

Zum 100. Jahrestag der Kärntner Volksabstimmung steckt die Landesregierung Millionen in ein unaufgeklärtes Kulturprogramm. Gleichzeitig entwickeln fortschrittliche Initiativen neue Formen der Erinnerungskultur. Mosaik-Redakteur und Peršmanhof-Vermittler Markus Gönitzer wirft einen kritischen Blick auf die aktuellen Entwicklungen.

Es knistert wieder im Bundesland der umkämpften Erinnerungen. Der Grund dafür ist der 100. Jahrestag der Volksabstimmung zur Staatszugehörigkeit von Kärnten/Koroška.

Die sogenannte „Kärntner Volksabstimmung“ vom 10. Oktober 1920 und die vorhergehenden Gebietskämpfe um Teile Südkärntens aus dem Jahr 1919 nehmen eine nahezu religiös-mythologische Rolle im kärntnerischen Geschichtsbild ein. Für das Jubiläums- und Erinnerungsjahr 2020 plante die sozialdemokratisch geführte Landesregierung ein pompös aufgesetztes Kulturprogramm: Das Kulturjahr „Carinthija“. 2,9 Millionen Euro schüttete sie dafür aus, setzte dabei aber nur einen groben inhaltlichen Rahmen. Als Resultat findet sich im Programm von Carinthija alles, von kritischer Geschichtsaufarbeitung bis zu deutschtümelnder Folklore.

Mit ihrer „Niemandem auf die Füße treten“-Politik umging die Landesregierung eine klare geschichtspolitische Positionierung sowie die Aufarbeitung der eigenen Verstrickung in eine Geschichte der Ausgrenzung. Dazu gehört auch jene der SPÖ. Denn die Sozialdemokraten haben den Internationalismus in Kärnten/Koroška bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem Deutschnationalismus geopfert, um in einem Land mit deutschnationaler und antisemitischer Hegemonie regierungsfähig zu werden. Auch in der Nachkriegszeit trug die SPÖ anti-slawische und anti-slowenische Positionen mit und verstärkte den Rassismus.

Opfer-Täter-Gleichsetzung im Jubiläumsjahr

Statt diese Zusammenhänge und Kontinuitäten zu thematisieren, ist in der aktuellen gedenkpolitischen Debatte vor allem vom Ausbrechen aus einem verkrusteten, polarisierten Geschichtsdiskurs die Rede. In offiziellen Statements des Landes enden vermeintliche Versuche, diese Polarisierung aufzulösen, jedoch in verharmlosenden Gleichsetzungen von Opfern und Tätern, von Widerstand und Verfolgung und von Nazis und Partisan*innen. So verlautbarte der Grazer Universitätsprofessor Helmut Konrad in einem Kommentar zum Gedenkjahr, dass dieses beweisen soll, dass „Erinnerungskultur mehr ist als Peršmanhof versus Ulrichsberg“. Die symbolträchtigen Orte stehen einerseits für die kärntner-slowenische Community und andererseits für heimattreue Traditionsverbände und deren Sympathisant*innen. Der unfeine Unterschied ist, dass am Peršmanhof elf Menschen dem NS-Terror zum Opfer fielen, während der Ulrichsberg eine Pilgerstätte für SS-Veteranen und deren Nachkömmlinge ist.

Kärnten/Koroška rebranded?

Diese Entwicklung entspricht dem andauernden Versuch eines Kärntner Imagewandels. Das Bundesländerbranding verschob sich von „Wir sind stramme Deutschtümler mit schönen Bergen und Seen“ hin zu „Wir sind offene Europäer mit schönen Bergen und Seen“. Doch zwischen Selbstdarstellung und Realität existiert weiterhin eine Kluft. Wer im offiziell zweisprachigen Süden Kärntens die einfachsten amtlichen Handlungen auf slowenisch durchführen will, trifft auf Ignoranz und Ablehnung der Behörden, wie kärntner-slowenische Verbände immer wieder berichten. Die Clubs der slowenischen Student*innen dokumentierten diese Kontinuität anti-slowenischer Diskriminierung in ihrer vor kurzem erschienen Broschüre „100 Jahre nichts zu feiern!“.

Volksabstimmung neu bearbeiten

Progressive geschichtspolitische Initiativen stellen nun die Frage, wie Erinnerungspolitik in Kärnten/Koroška jenseits der für Österreich typischen NS-Aufarbeitungsunfähigkeit und Hufeisenmentalität in die Offensive kommen könnte. Die Ziele sind klar, aber anspruchsvoll. An Opfer und Widerstand soll gebührend erinnert werden. Gleichzeitig soll die lokale Geschichte des Grenzraumes für die gegenwärtige Prävention von Rechtsextremismus fruchtbar gemacht werden. Die akribische Abarbeitung am deutschnationalen Mainstream erweist sich dabei als Sackgasse. Ehemals bekannte Begriffe wie Kärntner Abwehrkämpferbund, Heimatdienst oder Ortstafelsturm sind vielen Jüngeren nicht mehr geläufig und bieten kaum Anknüpfungspunkte.

Eine Initiative kritischer Historiker*innen und Kulturschaffender möchte nun den 8. Mai als Gegenerzählung zum 10. Oktober in Stellung bringen. Der 8. Mai ist der europäische Gedenktag an die Befreiung vom Nationalsozialismus. So sollen ausgehend von der Geschichte des antifaschistischen Widerstands Themen wie Antirassismus, kulturelle Vielfalt und Zivilcourage gestärkt werden.

Diese Initiative hat auch symbolischen Charakter: In der Innenstadt von Klagenfurt/Celovec kreuzt sich die 8. Mai-Straße mit der 10.Oktober-Straße. Die Domplatz-Initiative steht nicht alleine da, sondern ist Teil eines Netzes antifaschistischer Erinnerungsinitiativen in Kärnten/Koroška. Ihnen gebührt vollste Unterstützung, damit sie der Erinnerungskultur in Kärntner/Koroška erfolgreich beim richtigen Abbiegen helfen können.


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