Warum der Vatikan unser Fußballfeld verlassen hat

Robert Alvarez

Am Samstag verließ das Frauenteam des Vatikans das Spielfeld des FC Mariahilf. Während der Hymne vor dem Spiel hatten drei Spielerinnen ihre Trikots gehoben – und gegen die menschenfeindliche Politik des Vatikans protestiert. In diesem Beitrag erklären sie ihr Vorgehen.

Es sollte ein großes Sommerfest werden mit Grillen, Spaß und Spiel. Vereinsfeste schaffen eine Gemeinschaft, ein positives Erlebnis für vielfältige Leute, die zusammenkommen, um zusammen zu sein. Das ist, ohne jede Ironie, eine wichtige Sache. So ein Fest schafft einen Raum der Begegnung. Dieses Wochenende hätte es bei einem solchen, mühevoll organisierten, Fest zur ersten internationalen Begegnung zwischen dem Frauenfußballteam des Vatikan und dem Wiener Team des FC Mariahilf kommen sollen. Doch es kam zum Eklat, drei Frauen nutzten die Bühne der Aufmerksamkeit. Die zwei Teams standen in Reihen nebeneinander, auf Wiener Seite mit rosa Waffelschnitten, auf Vatikanseite mit Rosenkränzen als Gastgeschenke in der Hand. Die Hymne des Vatikans spielte auf und drei Spielerinnen hoben ihre Trikots.

Diese drei Spielerinnen sind wir.

Worum geht’s? Keep your Rosaries off my Ovaries – My Body! My Rules!

Am Morgen vor dem Event haben wir drei uns gegenseitig Gebärmütter auf die Bäuche gemalt. Den einen Eierstock zur Faust geballt, den anderen zum Stinkefinger erhoben. Auf unseren Rücken stand: „My Body, My Rules!“ Es war unser Protest gegen den kirchlich organisierten, globalen Eingriff in körperliche Selbstbestimmung. Gegen die katholische Beschämung und Verächtlichmachung unserer Leben, unserer Entscheidungen, unseres Begehrens.

Dafür haben wir die Bühne genutzt, die andere aufgebaut hatten. Die für uns vorgesehene Rolle war eine andere: Jene der Vereinsspielerin, die sich in die Reihe stellt, süße Waffeln schenkt und Danke sagt zum Rosenkranz für ihre (Buß-)Gebete; eine Rolle, deren Redeanteil auf friedliche Zeichen der Toleranz beschränkt sein sollte und die ein Freundschaftsspiel mit dem Vatikan spielt. Uns wurde im Vorfeld klar gemacht, dass für lautere Positionen an diesem Tag kein Platz sei. Wer diese hätte, solle eben fernbleiben. Es gab also für uns die Optionen: Schweigen und Lächeln, stummer Boykott oder die Regeln der Vereins-Harmonie zu brechen.

Wir sind schuldig!

Unsere Aktion war ein Eklat, ein Skandal, eine Provokation. Die angereisten männlichen Vertreter des Vatikans verlangten unseren Ausschluss, auch die Regenbogen Eckfahnen und die Banner gegen Homophobie, die Zuschauer*innen vom Verein Dynama Donau mitgebracht hatten, sollten entfernt werden. Das passierte. Dennoch blies der Vatikan das Spiel ab. Dafür gab er uns die Schuld. Auch die Möglichkeit, dass die Frauen aus dem Vatikan nie wieder öffentlich spielen dürften, wurde zu unserer Verantwortung. Schuldzuweisungen kann die Kirche gut. Und auch andere haben diese Perspektive übernommen: Wir hätten unnötigerweise provoziert; das Fest und den Sport für unsere „Homopropaganda“ missbraucht.

„Eure Aktion hat die falschen getroffen – die Spielerinnen sind nicht der Vatikan!“

Wir wissen sehr genau, dass Individuen nicht mit Staaten und Normen identisch sind. Wir identifizieren uns beispielsweise nicht mit deutscher oder österreichischer Asylpolitik und lehnen rassistische Vorstellungen des Deutsch- oder Österreichisch-Seins ab. Nur, es gibt einen Unterschied zwischen ‚normaler‘ Staatszugehörigkeit und Vatikanstaatsbürgerschaft. Erstere ist keine Wahl, zweitere aber sehr wohl.

Die Behauptung, dass die Frauen, die im Vatikan Fußball spielen, nicht für dessen Werte stünden, ist bestenfalls unwissend, schlimmstenfalls entmündigend. Warum sollen diese Frauen nicht dafür zur Verantwortung gerufen werden, was auf ihren Trikots steht? Warum sollten wir ihnen nicht vorhalten, dass sie das System des Vatikans durch ihre Arbeit stützen? Wenn eine Fußballerin im Vatikan arbeitet und sein Trikot trägt, nehmen wir sie beim Wort. Wir wissen, dass auch Frauen Vollstreckerinnen religiöser Normen sind. Die Vatikanspielerinnen sind nicht die Opfer von Unterdrückung, die sich jetzt durch Frauenfußball im Vatikan emanzipieren. Sie sind mündig und haben ein Recht darauf, von anderen mündigen Frauen kritisiert zu werden.

„Aber ihr habt sie eingeladen!“ – Jein.

Stellt euch vor, ein Familienoberhaupt lädt zum Familienfest einen mächtigen Gast ein. Der Gast und sein Weltbild werden für den gesamten Zeitraum eurer Feier bestimmen, was gut und was schlecht ist. Unter die Kategorie „schlecht“ fällt wie ihr lebt, liebt und entscheidet. Die anderen wissen das eigentlich, denn der Gast hat ein riesiges Megafon mit dem er weltweit seine Ideologie verbreitet. Sie finden es aber auch interessant, dass der Gast kommt, irgendwie lustig und verordnen Höflichkeit fürs Fest. Es entsteht ein unbewusster Harmoniezwang, wobei des Gastes Weltbild bestimmt, was eine Provokation, was tolerabel ist und worüber geschwiegen werden muss.

Wir steckten im Dilemma. Wir drei haben die Einladung nicht direkt ausgesprochen, das Spiel und die Vorbereitung wurde von offizieller Vereinsseite organisiert. Jetzt im Nachhinein ist uns klar: Wir hätten viel früher etwas sagen müssen, viel früher in den Konflikt gehen müssen. Wir haben es spät und mit Pauken und Trompeten getan. Aus unserer Sicht ist trotzdem nicht unser Protest die Provokation, sondern die menschenfeindliche Politik des Vatikan.

Es geht um mehr als um Höflichkeit

Es ist bemerkenswert, dass der Großteil der Kritik an uns die Verletzung der Höflichkeitsetikette anmahnt und kaum inhaltlich argumentiert. Aber es geht hier um mehr als um Höflichkeit: Der Vatikan hat durch den Spielabbruch klargemacht, dass er Frauen wie uns drei ablehnt. Unser feministischer Kampf für Selbstbestimmung ist ihm ein Dorn im Auge. Er arbeitet tagtäglich gegen die Rechte von LGBTIQ-Personen. Aber unser Protest war intolerant? Unser Protest war falsch platziert und unhöflich, sprengte den Rahmen, der freundlichen Fußball vorsah? Politischer Protest wird nicht gehört, wenn er leise ist. Und unsere Botschaften sind zu wichtig, als dass wir sie uns höflichkeitshalber vorenthalten.

Wir sind hier, wir sind queer und wir sind im Dilemma!

Eigentlich wollten wir keine Gefühle verletzen und coole Menschen – schon gar nicht unser Team – enttäuschen. Wir wollten Teil des Teams und des Vereins sein, fühlten uns aber auch allein. Wir hatten das Gefühl uns selbst zu verraten, wenn wir lächeln und schweigen oder einfach fernbleiben. Wir hatten Angst vor der Konfrontation und haben uns dennoch für den offenen Konflikt entschieden. Mit den Konsequenzen setzen wir uns jetzt auseinander – auch wenn es unangenehm ist. Wir stehen hinter unserer Message.

Es ist Pride Month und wir sind stolz auf unsere Aktion!

Jetzt erfahren wir Unterstützung von den unterschiedlichsten Leuten. Wir sind dankbar und glücklich über leise und laute Solidarität von Einzelnen des FC Mariahilf, von Teammitgliedern, von vielen Menschen aus Wien und auch international. Wir stehen zusammen im Kampf für Selbstbestimmung und ein freies Leben!

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