Ute Bock: Wie aus der Heimmutter eine Kultfigur wurde – und mein persönliches Vorbild

Wenn mir etwas gelungen ist, das ich mir nicht zugetraut hätte. Wenn ich jemanden überreden konnte den richtigen Weg zu gehen. Wenn jemand auf Besuch zu mir kommt und mir erzählt, wie gut sein Leben geworden ist, freue ich mich sehr. Genau das ist das Schöne an meinem Beruf.

Ute Bock über ihre Arbeit, 2015

 

Ute Bock wurde 1942 in Linz geboren und verstarb am Freitag im Alter von 76 Jahren, im Kreise ihrer Schützlinge in der Zohmanngasse im zehnten Wiener Gemeindebezirk. Ab 1969 arbeitete sie in der Zohmanngasse als „Heimmutter“ in einem Gesellenheim, 1976 übernahm sie dessen Leitung.

Das Heim wurde zunehmend bekannt als Anlaufstelle für besonders schwierige Fälle. In den 90er Jahren, während des Jugoslawienkriegs, wurden ihr vom Jugendamt auch vermehrt nicht-österreichische Jugendliche geschickt, die keine staatliche Unterstützung erhielten. Ute Bock versuchte ihnen Deutschkurse, Schlafplätze, Unterstützung im Asylverfahren und Arbeit zu vermitteln.

„Mama Bock“

Nach ihrer Pension gründete sie den Verein „Flüchtlingsprojekt Ute Bock“ im zweiten Bezirk. Für ihr freiwilliges, unermüdliches Engagement, ihre Ehrlichkeit, ihre Geduld – und manchmal auch für ihre Ungeduld wurde sie sehr geschätzt. Sowohl von ihren Schützlingen, von denen manche sie liebevoll „Mama Bock“ nannten, als auch von Menschen, für die sie das „gute Gewissen Österreichs” war.

Viele schätzten ihre Art, stets so einfache und nachvollziehbare Erklärungen für ihr Handeln parat zu haben. Ute Bock löste nicht nur Mitgefühl aus, sie leistete Überzeugungsarbeit:

„Stellen Sie sich vor, es kommt eine junge obdachlose Frau mit einem Säugling und sie müssen ihr sagen, dass es keinen Platz zum Wohnen, Schlafen, Essen und Leben gibt. Das geht ja nicht und man sucht eine Lösung. Und seitdem bin ich ständig auf der Suche nach einem Wohn-, Ess- und Schlafplatz für Hilfesuchende. Das alles war aber keine bewusste Entscheidung meinerseits, sondern es ist einfach so passiert. Begonnen hat alles aber bereits viel früher, als unbegleitete Jugendliche aus dem Jugoslawienkrieg hierher gekommen sind. Ich war also immer der Trottel für die anderen, wenn man das so sagen darf… aber es macht mir nichts aus, einer zu sein. Und es tut mir auch nicht weh, wenn mir einer ins Gesicht sagt: ‚Du bist a bissl deppat’.“

Hilfe und Systemkritik

Auch für jene, die sie wegen ihres Engagements für AsylwerberInnen zu bekämpfen versuchten, hatte sie stets kesse Antworten parat. So wie in einem Interview aus dem Jahr 2012, kurz vor dem Umzug ihres Heimes vom zweiten Bezirk „zurück“ in die Zohmanngasse, als die FPÖ gegen sie hetzte. Auf die Frage, ob sie heute mehr oder weniger Kritik als vor zehn Jahren erfahre, antwortete sie:

„Sowohl als auch. Viele Menschen wollen helfen. Gleichzeitig wird die Kritik mehr und lauter. Der Strache hat schon vor Jahren geschrieben: Sein Wahlziel sei die Beseitigung des Hundekots und der Ute Bock. Beides ist ihm nicht gelungen.”

Die Kritik am Versagen des Systems, und die Auseinandersetzung mit rechten Kritikern gehörte zu ihrer Arbeit dazu. Denn sie wünschte sich nichts mehr, als eines Tages überflüssig zu werden, das betonte sie immer wieder.

„Was, wenn es mir auch so ginge?“

Ute Bock war aber nicht nur eine kritische Sozialarbeiterin oder „Flüchtlingshelferin“. Sie war vor allem ein Mensch, der ihren Mitmenschen auf Augenhöhe begegnete und allen eine Chance gab, ohne sich von ihnen abzugrenzen. Sie stellte keine Bedingungen für ihre Hilfe, aber sie stellte Geflüchtete auch nicht auf ein Podest. Das machte sie in einem Interview 2012 auf ihre typische Art deutlich:

„Sie gehen offenbar davon aus, dass die Menschen, denen Sie so großzügig helfen, Sie auch bestehlen. Wie gehen Sie damit um?

Ute Bock: Weil ich mir immer sage: Wer weiß, wie ich wäre, wenn es mir auch so ginge? Wenn man eine Woche hungrig war und dann endlich Essen sieht, nimmt man eben doppelt so viel, als man braucht. […] Bei unserer Weihnachtsfeier habe ich eine Frau beobachtet, die ihre Kinder viermal um ein Packerl geschickt hat – bis nichts mehr da war. Ich hab ihr die Packerln gelassen und ihr gesagt, sie soll, wenn sie noch etwas braucht, wiederkommen.“

Kultfigur Ute Bock

Über die Jahre gewann Ute Bock immer mehr und immer prominentere UnterstützerInnen ihrer Arbeit. Dazu gehörten der Industrielle Hans Peter Haselsteiner, Heinz Fischer oder die Ottakringer Brauerei, die 2003 mit der Solidaritätsaktion „Bock auf Bier“ zum Erhalt ihres Projekts beitrug.

Durch die zahlreiche solidarische Unterstützung aus dem Kulturbereich und den Film „Bock for President“ erlangte sie mit ihrer liebenswürdig schroffen Art und ihrem großen Herzen beachtliche Bekanntheit. Frau Bock wurde zur Kultfigur. Der Kreativität für die „Vermarktung“ ihrer Idee war dank ihres Namens keine Grenzen gesetzt. T-Shirts, deren Erlös ihrem Projekt zugute kam, trugen Aufschriften wie „Bock Marley“, „Unbockbar“, „bockig“ oder „Gute Bock“. Bald erlangten sie eine Art Kultstatus.

Vorbild für Viele

Als der Film „Bock for President“ ins Kino kam, war nicht nur ich wie gefesselt von dieser starken Persönlichkeit und fasziniert davon, was eine Frau alleine auf die Beine gestellt hatte und wie viele Menschen sie so hingebungsvoll unterstütze. Ich war damals noch Studentin und in den folgenden Jahren begann ich ebenfalls, mich immer mehr sozial und politisch zu engagieren.

Bereits nach kurzer Zeit fand ich heraus, dass ich bei weitem nicht die einzige Person war, die bewusst oder unbewusst dem Beispiel von Frau Bock gefolgt war. Im Rahmen eines Schulprojekts wurde mir das zum ersten Mal klar: Die SchülerInnen einer HTL in Wien führten Interviews mit verschiedenen sozial engagierten Personen durch. Fast alle TeilnehmerInnen, inklusive mir, hatten bei der Frage, wer ihr Vorbild sei, ‚Ute Bock‘ geantwortet. Mir wurde da zum ersten Mal bewusst, wie groß ihr Wirken ist. In den Jahren danach – etwa bei der Gründung des Vereins „Flucht nach Vorn“ –  traf ich immer wieder junge, engagierte Menschen, die sich von Ute Bocks unermüdlichem Einsatz wie angesteckt und motiviert fühlten.

Inspiration durch Hilfe

Ute Bock hat mit ihrer Arbeit nicht nur das Leben von tausenden von Menschen direkt positiv beeinflusst, sondern durch ihr Handeln tausende andere Menschen inspiriert. Sie hat dazu bewegt, mutig zu sein und mitzuwirken.

Menschen wie Ute Bock sind starke Grundpfeiler der Menschlichkeit und Zivilcourage in einer Gesellschaft. Ihr Einfluss ist weit größer, als wir es uns vielleicht manchmal vorstellen können.

 

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