Die Schneeflocke in der U6

14.000 Deodorants verteilten Stadträtin Ulli Sima und die Geschäftsführerin der Wiener Linien, Alexandra Reinagl, Anfang der Woche an NutzerInnen der Wiener U6. Die öffentlichen Reaktionen auf den missglückten PR-Gag verdeutlichen die Kluft zwischen zwei gesellschaftlichen Gruppen. Clara Gallistl über stinkende U-Bahnen, ang‘rührte Schneeflocken und einen Vorschlag für Ulli Sima im Winter.

Seit ich auf Facebook einen Text zur Deo-Aktion veröffentlicht habe, schreiben mir Manche, ob ich nicht übertreibe. Ob ich nicht übersensibel bin, andere Meinungen nicht vertrage, zu streng bin, den Scherz nicht verstehe, warum ich mich überhaupt aufrege etc.

Ich bin Laurie Penny dankbar, sie hat mich mit dem Begriff „Snowflake“ bekannt gemacht. Damit sind meist Menschen meiner Generation gemeint, die sich über alles aufregen. Die sich für eine einzigartige Schneeflocke halten und beim ersten Sonnenstrahl dahinschmelzen. Snowflakes sind übersensibel, psychisch labil, schnell angerührt und unwitzig. Diese Vorwürfe lösen in mir Zurückhaltung aus. Sie funktionieren perfekt als Methode des Stummschaltens meiner Kritik. Sag‘ ich eben nichts mehr. Eh egal. Eigentlich ist auch nichts passiert. Keine umgebracht worden. Ist ja nur ein unlustiger Scherz.

Warum mich die Deo-Aktion so aufregt

Aber dann lese ich die Kommentare zur Deo-Aktion in den sozialen Medien.

Und jetzt weiß ich wieder: Warum mich die DEO-Verteil-Aktion in der U6 aufregt? Weil Menschen im Sommer halt riechen.

Daran sind aber nicht die Einzelpersonen schuld, sondern der Sommer, fehlende Klimaanlagen und eventuell ein nicht ganz kluges Belüftungssystem. Würdet ihr einer Freundin ein Deo schenken? Nein. Warum? Weil sie es als Beleidigung empfinden würde? Eben. Warum dann den Benutzer_innen vom am meisten sekkierten Verkehrsmittel Wiens?

Public Shaming in der U-Bahn

Sich in die Körperpflege anderer Menschen einzumischen ist unglaublich intim. Ich würde nie im Leben auf die Idee kommen, fremden Menschen in der U-Bahn zu sagen, dass sie sich anders um ihren Körper kümmern sollen. Genau das passiert aufgrund der Deo-Aktion jetzt auf Facebook. Und Ziel des public shamings sind, wie bei einer solchen Aktion zu erwarten, Wohnunglose und sichtbare Muslim_innen:

Ein intimes Thema…

Körpergeruch ist ein unwahrscheinlich intimes Thema. In Betrieben, Schulen und anderen Orten, an denen unterschiedliche Menschen häufig zusammentreffen, kennt man das Problem. Jemand riecht stark. Niemand traut sich etwas zu sagen. Meist checkt man selber nicht, dass man riecht. Deshalb bittet man ja seine primären Beziehungspartner_innen, ob sie mal am T-Shirt riechen können. Kann ich das noch anziehen?

Ich erinnere mich, als meine Turnlehrerin uns Kinder mit 13 Jahren zur Seite nahm und sensibel und ruhig und liebevoll meinte: Eure Körper verändern sich jetzt. Ihr müsst euch jetzt nach dem Turnen duschen oder zumindest unter den Achseln waschen. Sonst riecht ihr nicht gut.

…braucht keine gschissenen Tipps

Körperhygiene ist kein öffentliches Thema. Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der Menschen in der U-Bahn am Weg von oder zur Arbeit, am Weg nachhause oder am Weg irgendwohin von fremden Personen, nicht sensibel, ruhig und liebevoll, sondern laut, besserwisserisch, ausgrenzend und gschissen „Tipps“ zur Körperhygiene an den Kopf geworfen bekommen. Könnt ihr euch vorstellen, wie peinlich alleine das Gefühl ist, wenn einen Leute angeekelt ansehen? Dass Mikroaggressionen krank machen, ist mittlerweile bewiesen. Ausgrenzung verletzt.

Ulli Sima und Alexandra Reinagl hätten auch Fächer und kühle Getränke verteilen können. Sie hätten die Arbeit an einem besseren Belüftungssystem bewerben können. Sie hätten die Aktion in der U2 am Schottentor oder in der U1 am Stephansplatz durchführen und schwitzenden Anzugmenschen dabei unterstützen können, keine Schweißflecken auf ihren Bankiersoutfits zu hinterlassen. Haben sie aber nicht.

Diese sinnlose Aktion tritt rassistische und klassistische Kommentare los. Das hätte man voraussehen können. Und das ärgert mich. Wer bitte schmiert sich freiwillig diese Billigsdorfer-PR-Deos unter die Achseln? Die Wiener Linien erzeugen Müll, der Geld kostet, verärgert und dazu beiträgt, dass das stigmatisierende Bild der U6 in der Wiener Öffentlichkeit wieder einmal frischen Aufwind erlebt. No pun intended.

Es geht um mehr als Gestank in der U-Bahn

Meine Kritiker_innen haben schon auch Recht: Es gibt schlimmeres. Es passieren grade genug Dinge, gegen die wir uns auflehnen sollten. Im Eiltempo baut die Regierung das rechtliche Fundament unserer Gesellschaft um. Sogar die christlichen Gewerkschafter regen sich schon auf.

Und trotzdem: Die klassistischen und rassistischen Kommentare zur Deo-Aktion sind ein Zeichen dafür, wie stark Ober- und Mittelklassen-Weiße Vorherrschaft gerade normalisiert wird. Am Beispiel der Kommentare zum „normalen“ menschlichen Verhalten in einer Wiener U-Bahn entblößt sich eine neue Kultur der Segregation. Diese Kultur konzentriert sich auf Unterschiede, geht vom durchschnittlichen Weißen als Normalem aus und strebt darauf hin, alternative Lebensformen zum „Eigentlichen“, zum „Normalen“ zu erziehen.

Man kann mir „political correctness“ vorwerfen, aber ich verstehe darunter einfach „basic human decency“. Manieren. Einfach ned gschissen zueinander sein. Das ist mein politisches Ziel.

Sollen sie halt woanders hingehen

In meiner Herkunftsstadt Linz erzählen mir viele, sie spüren einen Kulturwechsel in öffentlichen Verkehrsmittel. Wie die Menschen miteinander umgehen, in der Straßenbahn, ändert sich.

Eine schwarze Mutter wird am Hauptplatz als Negerin bezeichnet. Einem geistig behinderten Mann wird mit gerümpfter Nase gesagt, er solle sich zusammenreißen. Jugendliche, die müde aus dem Fenster starren, werden angeschrien, sie sollen zur Seite gehen. Um Sandler wird ein Bogen gemacht. Sie sind ja dreckig. Oder die Stadtwache kommt und sagt ihnen und den nicht-weißen Jugendlichen in der Nähe, sie sollen „woanders“ hingehen. Woanders, wo „man“ sie nicht sieht. Wer ist „man“ und wer sind die anderen?

Musst du durch die neuen Verbote etwas an deinem Alltag ändern? Wer, denkst du, ist von den neuen Verboten betroffen? Wie verändert sich ihr Leben? Ist ihr Leben jetzt besser, angenehmer, schöner, gemütlicher? Ich habe letztens versehentlich eine Dose Bier mit aus der Wohnung eines Freundes genommen. Mein „Weg-Bier“. Dann steh’ ich bei der U2 Praterstern und denk mir: Fuck. Das ist jetzt illegal. Ich bin jetzt illegal. Mein Gösser ist jetzt illegal.

Ihr seid die Norm

Die Deo-Verteilaktion, das Alkoholverbot, das Verbot „stark riechende Speisen“ in der U-Bahn zu essen, mögen fade Aktionen sein. Einzeln gesehen sind sie wurscht. Im gesellschaftlichen Zusammenhang aber signalisieren sie der Weißen moderaten Masse: Ihr seid die Norm. Seid brav, hackelt‘s und seid‘s hygienisch. Dann dürft ihr, von jetzt an, Menschen, die Alkohol trinken, „stark riechende Speisen“ essen und wonach auch immer riechen, öffentlich sanktionieren. Sagt‘s ihnen einfach, dass das Österreich ist. Dass man sich hier an Gesetze halten muss. Dass sie woanders hingehen sollen, wo man sie nicht riecht, nicht hört, nicht sieht.

Kultur entsteht nicht aus dem Nichts. Kultur entsteht aus faden Scherzen gegen die niemand aufbegehrt, aus Verhaltensregeln, die eh wurscht sind, aus dem öffentlichen Perpetuieren dessen, was „normal“ ist. Kultur ist was sich Menschen gegenseitig sagen, wenn sie nicht nachdenken.

Ein Vorschlag für den Winter

Ulli Sima sagt, „viele“ Fahrgäste hätten sich das Verbot von starken Gerüchen in der U-Bahn gewünscht. Ich gehöre nicht zu diesen Menschen. Ich wünsche mir von Ulli Sima, dass Wohnungslose im Winter nicht aus den U-Bahnhöfen vertrieben werden. Ich hoffe, das sagen auch „viele“ andere und wir haben im Dezember eine fade Aktion, die allen wurscht sein kann, in der Ulli Sima und Alexandra Reinagl Schlafsäcke und Hygieneartikel an Wohnungslose verteilen.

Ich mein, ich bin eine Schneeflocke. Mir wird alles immer sofort zuviel und ich versteh keine Scherze und bin politische überkorrekt. Nichts für ungut.