Wie geht Transformation? Drei Ansätze für politische Strategien

350.org/Tim Wagner

Welche Wege wollen wir als soziale Bewegungen gehen? Wie können wir tatsächlich etwas verändern und einen Systemwandel schaffen? Das ist sowas wie die ‚Gretchenfrage‘ sozialer Kämpfe, die derzeit viele Gruppen und Bewegungen beschäftigt. Merle Schulken, Max Hollweg, Christina Plank und Livia Regen von Degrowth Vienna entwirren die Vielfalt der Strategien für sozial-ökologische Transformation.

Viele linke Bewegungen wollen einen Systemwandel. Aber wie der funktionieren soll, bleibt häufig ungeklärt. Dementsprechend erscheinen ihre Visionen oft abstrakt und werden von der Gegenseite als ferne Utopie abgetan.  So fordert die Degrowth Bewegung eine radikale und emanzipatorische sozial-ökologische Transformation, die den Energie- und Ressourcenverbrauch des Globalen Nordens drastisch reduziert. Die Degrowth Literatur bietet auch tiefgreifende Vorschläge, wie wir mit dem zerstörerischen Wachstumszwang unseres Wirtschaftssystems brechen können. Doch wie wir dorthin kommen, ist weniger klar. Insbesondere, wenn es darum geht, Profite und Wirtschaftswachstum, anzugreifen.

Die Strategiedebatte steckt noch in den Kinderschuhen

Um dem näher zu kommen, brauchen wir zuallererst dringend eine klare Definition des Strategiebegriffs, die nicht nur den Strategie-Nerds zugänglich ist.

Für uns sind Strategien dynamische Orientierungshilfen, die beschreiben, wie ein*e Akteur*in zu einem systemischen Wandel beizutragen plant.

Dabei gilt es, eine Balance zu finden: zwischen dem taktischen Denken, das in Strategiedebatten weit verbreitet ist, und einem systemischen Blickwinkel. Aktionen, Projekte und Kampagnen einzelner Akteur*innen passen so in ihren konkreten Kontext, stehen aber nicht nur für sich selbst, sondern sind in ein gemeinsames Verständnis von Systemwandel eingebettet.

Die Strategiedebatte ist also entflammt, steckt aber noch in den Kinderschuhen. Die Definition des Begriffs mag helfen, doch mit ihr beginnt die Diskussion zur Entwicklung unserer Strategien, ihrer Koordinierung und Bewertung erst.

Oft ist nicht klar, welche Transformation wir verfolgen

„Was ist denn unsere Strategie?“ – Diese Frage stellen sich Gruppen immer wieder in ihren Retreats, Bildungsveranstaltungen, Strategieklausuren und Seminarwochenenden. Dabei zeigen sich sehr individuelle Zugänge zur komplexen ‚Gretchenfrage‘, die eigentlich dahintersteckt: „Sag, wie machen wir das jetzt mit der Transformation oder gar Revolution?“. Eine finale Antwort lässt sich schwer geben. Was sich aber zeigt: Es braucht gute Denkrahmen, um über unterschiedliche Transformationslogiken zu sprechen. Angelehnt an die Kategorisierung anti-kapitalistischer Strategien des Soziologen Erik Olin Wright unterscheiden wir zwischen drei Transformationslogiken, die Gruppen und Organisationen in ihrem Handeln verfolgen.

Erstens gibt es die Nischenstrategie. Sie strebt Protest gegen das System oder die Errichtung von alternativen Lebensweisen aus den Nischen des bestehenden Systems heraus an. Einzelne Klimaproteste, die Volxküche, Food-Coops oder das Reparatur-Café bewegen sich beispielsweise in diesem Rahmen, haben es aber schwer über die Nische hinaus das System zu verändern.  

Zweitens wäre da die Reformstrategie. Sie nutzt bestehende Institutionen des Systems und versucht, durch Kompromisse mit dominanten Kräften im System den Handlungsraum für demokratische Teilhabe auszubauen. Radikale Reformen können dabei die kapitalistische Logik durchaus stören oder sogar überwinden. Bestehende Strukturen könnten etwa striktere Emissionsgrenzen gesetzlich verankern, Konzerne langfristig vergesellschaften, oder die Arbeitszeit stark verkürzen. 

Drittens gibt es die Bruchstrategie. Sie will bestehende Institutionen des Systems durch Ausübung von Druck übernehmen und in ihrer Funktion umwandeln – und zwar entgegen den Interessen dominanter Kräfte. Blockaden und Besetzungen behindern das System und schaffen dabei Raum für neue Strukturen. Manchmal gelingt sogar eine Übernahme einer Institution. Dann können beispielsweise Arbeiter*innen eine Fabrik als Kooperative weiterführen, Syndikate bilden oder sogar ganze Regionen autonom verwalten.

Schaden begrenzen oder Strukturen transformieren

Jede dieser drei Transformationsstrategien kann entlang von zwei strategischen Logiken verfolgt werden: Schaden zu begrenzen oder Strukturen zu transformieren. Wenn wir uns darauf konzentrieren Schaden zu begrenzen, befinden wir uns in einer Abwehrhaltung. Wir versuchen, der Logik des dominanten Systems Einhalt zu gebieten oder ihre Folgen abzumildern. Versuchen wir Strukturen zu transformieren, so nutzen wir unsere Mobilisierungskraft, um einen nachhaltigen institutionellen Wandel herbeizuführen, der die Logik des Systems ändert.

Ins Deutsche übersetzt aus ‚Degrowth and Strategy‘

Die Kategorisierung verschiedener aktivistischer Aktionen kann helfen, das Ziel eines Systemwandels nicht aus dem Blick zu verlieren. Schaden begrenzen ist im rassistischen, patriachalen, ökologisch zerstörerischen Kapitalismus essenziell. Wir sollten uns dabei aber, wo immer es geht, auf die strategische Logik des ‚Strukturen transformieren‘ konzentrieren.

Akteur*innen können ihre Aktionen und Aktivitäten trotz unterschiedlicher Transformationslogiken mithilfe der Kategorisierung zielgerichtet verknüpfen. So verschiebt eine Blockade nach Bruchlogik zum Beispiel die Machtverhältnisse zu Gunsten einer radikalen Reform. Diese schafft dann neue Verhältnisse, die alternative Produktionsweisen, die nach Nischenlogik aufgebaut wurden, schützen und weiterverbreiten. Andere Kombinationen sind ebenso denkbar. Durch einen bewussten Dialog über unsere jeweiligen Strategien können wir also Synergieeffekte nutzen, aber auch voneinander einen Fokus auf „Strukturen transformieren” einfordern.

Degrowth muss aus der Nische herauskommen

Kapitalismus- und Wachstumskritik müssen breite gesellschaftliche Gruppen mobilisieren und dürfen nicht in der Nische stecken bleiben. Dafür müssen wir den Prozess der Organisierung ernst nehmen, an dem viele Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten beteiligt sind. Das Ziel eines Systemwandels macht neue Bündnisse dabei nicht einfacher, aber unabdingbar. Erfolgreiche Praxiserfahrungen, wie jene der Kampagne „Deutsche Wohnen & Co enteignen“, zeigen: Um breit zu mobilisieren, macht es Sinn, sich auf die Lösung eines konkreten sozialen Kampfs zu konzentrieren. In diesem Fall: bezahlbaren Wohnraum schaffen und ihn gerecht verteilen.

Eine Entscheidung für ein konkretes Kampagnenziel und eine Transformationslogik – Nische, Reform oder Bruch – kann dabei erst im Zuge eines gemeinsamen Mobilisierungsprozesses entstehen. Auch andere erfolgreiche Kämpfen lehren uns, dass oft erst im Laufe eines Prozesses und unter Beteiligung Betroffener klar wird, welche Transformationslogiken Akteur*innen in ihren Aktivitäten verfolgen können und sollen. Darin lassen sich dann – unter Verwendung verschiedener Strategien – kollektive und solidarische Strukturen aufbauen, die mit der neoliberalen Logik individualisierter Verantwortung brechen. Denn der langfristige Erfolg hängt entscheidend von der Stabilität unserer Strukturen und Beziehungen ab. Angesichts struktureller Unterdrückung und extrem ungleicher Ressourcenverteilung müssen wir uns gegenseitig unterstützen und Wettbewerbsdynamiken untereinander vermeiden.

Die Degrowth-Bewegung kann uns dabei helfen, in der politischen Arbeit soziale und ökologische Belange organisch miteinander zu verbinden. Die gegenwärtigen Krisen sind Ausdruck wachstumsabhängiger kapitalistischer Verhältnisse und vielfältiger Unterdrückungsdynamiken. Widerstand ist ein zentraler Bestandteil des Transformationsprozesses. Darüber hinaus gilt es aber auch, Strukturen aktiv zu transformieren. Wir können Handlungsrahmen und Strategien in solidarischen, emanzipatorischen Bündnissen bilden – mit Mut für radikal neue Wege.

„Degrowth & Strategy: How to bring about social-ecological transformation” erschien im Sommer 2022 bei Mayfly. Darin teilen 56 Autor*innen ihre Erfahrungen und Überlegungen zu Strategien, theoretischen Konzepten und konkreten Ansätzen. Das Buch kann als Taschenbuch bestellt oder als pdf kostenlos heruntergeladen werden.

Kommentare

Kommentare