Technikerin – nicht Schwester des Bauleiters

Foto: Zephox

Etwa die Hälfte aller jungen Frauen, die sich für eine Lehre entscheiden, wählen einen der folgenden drei Berufe: Einzelhandelskauffrau, Bürokauffrau und Friseurin. Gesellschaftliche Rollenbilder prägen die Berufswahl junger Menschen – denn auch bei Burschen zeigt sich eine derartige Fokussierung auf klassische “Männerberufe”. Hanna Lichtenberger sprach mit der Elektrobetriebstechnikerin und mosaik-Bloggerin Miriam Herlicska über das Arbeiten in sog. Männerdomainen, über Selbst- und Fremdwahrnehmung und darüber, was Mädchen und junge Frauen ermutigt, in die Technik zu gehen.

Hanna: Du hast eine Ausbildung als Elektrikerin abgeschlossen, arbeitest jetzt aber als technische und administrative Assistentin in der Energiebranche. Wann hast Du dich dazu entschieden, Elektrikerin zu werden? Was hat Dich daran fasziniert? Wie haben deine FreundInnen und die Familie reagiert? Haben dir Menschen davon abgeraten?

Miriam Herlicska: Nachdem klar war, dass ich die achte Klasse AHS nicht bestehen würde und folglich nicht zur Matura antreten durfte, entschied ich mich, eine andere Ausbildungsrichtung einzuschlagen. Ein weiteres Jahr in dieser Schule zu verbringen – oder auch einer anderen – erschien mir als schlimme Zumutung. Meine Familie hat mir geholfen, eine passende Ausbildung zu finden und mich in meiner Entscheidung unterstützt. Besonders glücklich waren meine Eltern natürlich nicht, dass ich die Schule so kurz vor dem Abschluss abgebrochen habe.

Meine FreundInnen konnten diesen Weg weit weniger nachvollziehen, schließlich waren die meisten SchulkollegInnen auf dem Weg in Richtung Studium. Aber abgeraten hat mir niemand davon.

Die Faszination für Technik war bei mir schon immer da. Wie etwas funktioniert, warum etwas kaputt ist und wie man es wieder reparieren kann, besonders bei alltäglichen Dingen:  Das zu lernen erschien mir besonders erstrebenswert. Nach der Unterstufe hatte ich sogar schon überlegt, in eine HTL für Elektrotechnik zu gehen. Aber wer weiß schon mit 14 Jahren, was man tatsächlich mal werden will, also bin ich am Gymnasium geblieben.

Heute arbeitest Du als technische und administrative Assistentin. In der gesellschaftlichen Debatte wird die “technische Seite” deines Berufs ja eher als “Männerdomain” verstanden. Hat dich das bei der Berufswahl abgeschreckt? Und worin genau besteht die “technische” Assistenz?

Nein die “Männerdomain” das hat mich nicht abgeschreckt, eher motiviert.

Die technische Seite besteht darin, dass ich technische Daten erfasse und eingebe, sowie bei der Erstellung und Ausgabe von Plänen mitarbeite. Das ist natürlich ein Bürojob und hat sehr wenig mit der tatsächlichen Arbeit einer Elektrobetriebstechnikerin zu tun. Noch dazu hat mich meine berufliche Weiterentwicklung in eine Sparte gebracht, die mit meiner eigentlichen Ausbildung nicht viel gemein hat. Der Bereich ist aber sehr spannend und meine Kollegen vermitteln mir ihr Wissen gut bzw. nutze ich Weiterbildungsmaßnahmen meiner Firma sehr gerne.

Wie haben deine Kollegen auf dich reagiert? Verbale sexistische Übergriffe werden verharmlosend manchmal als “Baustellen-Witze” umschrieben. Das impliziert, Baustellen seien der Ort, an dem sexistische Witze problemlos erzählt werden können. Ist das Teil deines Alltags?

Meine Kollegen haben weitgehend positiv auf mich reagiert. Ich muss aber auch dazu sagen, dass ich meine Ausbildung nicht in einem normalen Lehrbetrieb abgeschlossen habe, sondern in einem Schulungszentrum. Ich denke nicht, dass ich sonst überhaupt die Chance gehabt hätte, diesen Beruf zu lernen. Diese geschützte Umgebung hat mich bestimmt vor vielen Übergriffen und Anfeindungen bewahrt.

Dass Sexismus als Witz und alle, die das nicht lustig finden als humorlos oder als bzw. “Spaßbremsen”  dargestellt werden, kenne ich auch. Das beginnt bei Scherzen von Lehrern über das Wissen von Frauen, wie man durchs Wäsche-Aufhängen die Luftfeuchtigkeit in einem Raum erhöht, setzt sich mit Witze über die Brüste von Kolleginnen fort und endet beim Schauen von Pornos im Unterricht. Das sind aber glücklicherweise Ausnahmen und statt mich dann aufgrund der mir unterstellten Humorlosigkeit noch weiter ärgern zu lassen – Beschwerden werden kindischerweise oft als Provokation gesehen – bin ich dazu übergegangen, mich auf höherer Ebene zu beschweren. Auf den Satz: “Gell, du nimmst uns unsre blöden Witze eh nicht übel? Du verstehst ja Spaß!” antworte ich gerne: “Tuts nur weiter, ich finds nicht lustig. Ich beschwer mich dann eh beim Direktor/der Beschwerdestelle etc.”

Wie reagieren deine Kollegen auf solche Situationen? Wie geht der Arbeitgeber damit um?

Einmal habe ich unseren Bauleiter begleitet und wurde gefragt ob ich seine Freundin oder seine Schwester wäre. Er war sehr überrascht darüber, dass überhaupt jemand auf diese Idee kommt. Er hat das dann auch gleich vehement richtig gestellt. Meistens hält man mich aber für eine Praktikantin. Meine Kollegen sind daher dazu übergegangen, mich mitsamt meiner Funktion vorzustellen.

Als berufstätige Mutter musst Du viel unter einen Hut bringen. Hat dein Arbeitgeber weniger Verständnis für Betreuungspflichten als vielleicht in anderen Branchen, in denen viele Frauen tätig sind?

Als Alleinerzieherin ist es natürlich doppelt so schwer, Beruf und Betreuung eines Kindergartenkindes unter einen Hut zu bringen. An den Wochenenden mache ich zudem noch ein berufsbegleitendes Kolleg für Gebäudetechnik. Mein Arbeitgeber hat aber sehr viel Verständnis für meine Situation. Ich denke, nicht dass das an der Branche liegt, in der ich arbeite. Meine vorwiegend männlichen Kollegen sind zwar nicht begeistert, wenn ich wieder einmal bei meiner kranken Tochter zuhause bleiben muss, aber das ist halt so, wenn jemand ausfällt. Verständnis haben sie aber sehr wohl dafür. Genauso wie sie es begrüßen, dass ich mich beruflich weiterbilde.

Schwierig wird es an den Wochenenden. Ohne meine Familie könnte ich meine Ausbildung nicht weiterführen. Der Vater meiner Tochter nimmt seine Besuchswochenenden und Unterhaltspflichten zwar wahr, für Krankheit und andere Verantwortungen fühlt er sich in dieser Zeit jedoch nicht verantwortlich.

Wie können Frauen und Mädchen ermutigt werden, Berufe zu wählen, die als “Männerberufe” gelten? Was bräuchte es deiner Meinung nach, um Mädchen in ihrer Wahl zu stärken?

Mädchen brauchen in erster Linie Frauen, die ihnen vorleben, dass es möglich und erstrebenswert ist einen technischen Beruf zu erlernen. Sie brauchen aber auch ein Umfeld, das Ihnen ermöglicht diese Berufe zu erlernen ohne ständig vor Augen gehalten zu bekommen, dass sie Eindringlinge in eine fremde Welt sind. Man muss Männer nicht mit Lob überschütten weil sie mal die Bügelwäsche erledigt haben obwohl sie Männer sind. Man muss Frauen nicht loben, weil sie sich “trauen” eine technische Ausbildung zu machen obwohl sie Frauen sind. Das Geschlecht behindert einen ja nicht arbeiten auszuführen. Das tut immer noch die Gesellschaft.

Miriam Herlicska ist Aktivistin der Offensive gegen Rechts im Burgenland, Gemeinderätin in ihrer Heimatgemeinde Oberwart und arbeitet als technische und administrative Assistentin in der Energiebranche.

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