Bhaskar Sunkara im Interview: Wie Jacobin den Sozialismus in den USA populär macht

Paul Herbinger

40.000 Ausgaben druckt das Jacobin-Magazin, 310.000 Likes hat es auf Facebook. Die Zeitschrift ist zur größten, sozialistischen Publikation in den USA geworden. Im September veröffentlichte der Suhrkampverlag eine Sammlung von Texten aus dem Magazin unter dem Titel „Die Anthologie“. Der Gründer des Jacobins, Bhaskar Sunkara, war im Oktober auf Lesereise in Deutschland und Österreich. In Wien war er im Kreisky-Forum, um das Buch zu präsentieren. Mosaik-Redakteur Adam Baltner hat sich dort mit ihm getroffen, um über Donald Trump, Perspektiven in den USA und die Tragik der deutschen Linken zu sprechen.

mosaik: Du bist gerade in Wien um ein Buch mit den „Greatest Hits“ von Jacobin zu präsentieren. Darin erscheinen erstmals Texte aus Jacobin in der deutschen Übersetzung. Warum habt ihr euch dazu entschieden ein solches Buch auf Deutsch zu veröffentlichen?

Bhaskar Sunkara: Wir können einfach besser in politischen Diskursen intervenieren, wenn wir Abonnent*innenen in verschiedenen Ländern haben. Und obwohl in Deutschland und Österreich die Englischkenntnisse in der Regel recht hoch sind, fühlen sich die meisten Menschen nicht wohl dabei, auf Englisch Politik zu machen.

Ein Jacobin-Redakteur, der in Deutschland lebt, hat öfter zu mir egemeint:  „Wow, Jacobins Überlegungen sind oft ganz anders als die Überlegungen hier in Deutschland.“ Ich bin mir nicht sicher ob das stimmt, aber er wollte das destillieren, was Jacobin ist und einer breiteren deutschen Linken die Lehren von Jacobin zugänglich machen. Ich habe das Gefühl, dass viele Leute hier dazu geneigt sein könnten ,Jacobin zu mögen, aber nicht ganz verstanden haben was wir tun. Mit dieser Sammlung wollen wir das ändern.

Was ist der politisch Horizont von Jacobin?

Intellektuell sind wir Marxist*innen und radikale Sozialist*innen. Wir sind Antikapitalist*innen – wir glauben an eine Gesellschaft nach dem Kapitalismus, in der Menschen nicht mehr unterdrückt und ausgebeutet werden. Wir sind bei Jacobin mit dieser moralischen Einsicht politisch aktiv geworden und ich glaube, dass keine*r der*die noch zu Jacobin beiträgt, diese verloren hat.

Aber wie kommen wir aus der Situation in der wir jetzt sind, zu einer Gesellschaft nach dem Kapitalismus? Wir sind geeigneter als viele andere radikale Linke, reformistische Kämpfe für die grundlegende Würde zu unterstützen, wie z.B. Arbeitsplätze ohne Sexismus, Einwanderungsrechte oder Verträge mit fünf Prozent höheren Löhnen. Wir versuchen, solche Kämpfe als Bausteine für den Aufbau eines Klassenbewusstseins und einer Klassenmacht zu verstehen, die notwendig sind, um den Kapitalismus herausfordern zu können.

Was unterscheidet Jacobin von anderen linken Medienprojekten? Und wie ist die Beziehung zwischen Jacobin und sozialen Bewegungen oder Organisationen wie den Democratic Socialists of America (DSA) in den USA oder Momentum in Großbritannien?

Ich sehe die Rolle Jacobins darin, eine bestimmte Reihe von Ideen am Leben zu halten, sie in einer zugänglichen Form zu kommunizieren und den Menschen einen Einstiegspunkt zu radikaler Politik zu bieten. Wenn sich jemand vor drei oder vier Jahren in den USA mit dem Sozialismus auseinandersetzen wollte, war eine Jacobin-Lesegruppe dafür der beste Ort. Dort konnten sie Leute finden, die Ihre Fragen beantworten und sie in die Debatte einbeziehen – die eine Struktur schaffen, in der Menschen etwas lernen, aber auch etwas beitragen können.

Jacobin hat es geschafft ein großes Publikum zu finden und sogar eine beachtliche Leser*innenschaft unter Leuten aufzubauen, die sich vorher gar nicht als Linke identifiziert hätten. Wie habt ihr das geschafft?

Ökonomisch hat uns der letzte Wahlkampf ganz bestimmt geholfen. Vor Bernie Sanders’ Kampagne hatten wir ca. 10.000 Abonnent*innen, danach waren es 15.000. Nachdem Donald Trump gewählt wurde, hatten wir dann fast 35.000. Der Sprung war gigantisch und ermöglichte es uns, unser Personal auszubauen.

Sanders hat die Grundlage für eine Alternative links des Liberalismus geschaffen – Sanders und alle die sich, wie wir, an Bewegungen wie Occupy und Black Lives Matter beteiligt haben. Als Clinton die Wahl verloren hat und mit ihr die politische Mitte zusammenfiel, dachten sich Leute: „Ich habs satt. Ich sollte mich vielleicht dieser Organisation anschließen und dieses Magazin abonnieren in dem ich früher mal ein paar Artikel gelesen hab.“ Der Anstieg linker Aktivitäten war kein Zufall.

Wäre es anders gewesen wenn Hillary Clinton die Wahl gewonnen hätte?

Wenn sie gewonnen hätte, wären unsere Leser*innenzahlen zu dem Moment angestiegen, in dem sie und ihr Kabinett sich gegen links gewendet hätten. Das wäre unter Garantie passiert. Stattdessen werden wir jetzt dazu gedrängt, uns zu einer breiten, populären Allianz gegen Trump anzuschließen. Das bedeutet leider oft, dass wir unsere Kritik gegen die liberale Mitte entschärfen. Das ist für uns strategisch eine schwierige Situation. Davon abgesehen ist Donald Trump ganz offensichtlich das größere Übel für die Welt als Clinton. Sie wäre keine gute Präsidentin gewesen, aber sie wäre jedenfalls besser als Trump.

Einen Unterschied den wir zwischen den Diskursen der US-Amerikanischen und deutschsprachigen Linken beobachten, besteht in der Beziehung zwischen Identitäts- und Klassenpolitik. Wie sieht diese Debatte in den USA aus?

Ich finde, die Begrifflichkeiten dieser Debatte sind falsch. Es gibt Leute, die den Begriff der Identitätspolitik verwenden, um Kämpfe gegen Unterdrückung zu beschreiben. Natürlich sind Kämpfe gegen Unterdrückung ein integraler Bestandteil der Linken. Es kann gar keine Linke geben, die sich nicht für Abtreibungsrechte, gegen Diskriminierung und für die Rechte von LGBT-Personen einsetzt. Es ist keine Linke, wenn diese große Teile von arbeitenden Menschen und ihre Erfahrungen ausschließt.

Aber gleichzeitig gibt es keine organische Einheit von Communities. Unser Ziel muss es sein, die Kämpfe der Arbeiter*innenklasse so zu führen, dass sich keine marginalisierte Gruppe ausgeschlossen fühlt. Wir brauchen sie und sie müssen Seite an Seite mit uns kämpfen können. Wenn eine Gruppe an Frauen* sagt, dass sie nicht von einer linken Organisation repräsentiert fühlt und deswegen etwas Eigenes aufbaut, hat das nichts mit dieser Identitätspolitik zu tun. Identitätspolitik betreiben in meinen Augen die Leute, die sagen, arme und reiche Frauen würden sich in einem gemeinsamen Kampf gegen alle Männer befinden.

Wie erlebst du auf deiner Reise durch Europa die Linke hier?

In den USA wussten wir immer schon, dass wir massiv an den Rand gedrängt sind. Dafür haben wir Zeit gehabt, uns Sachen zu überlegen. In anderen Ländern ist die Linke stark, aber dort hat sie auch mehr zu verlieren. Dort konnten sie nicht einfach so Dinge ausprobieren, weil zu viel auf dem Spiel steht. Die Position der Linken in Deutschland ist die allerschlimmste: Es möglich, sein ganzes Leben innerhalb der Subkulturen der Linken zu verbringen, aber gleichzeitig ist sie nicht in der Lage, die nationale Politik zu beeinflussen.

Wie unterscheidet sich für dich die Deutsche oder deutschsprachige Linke von der US-Amerikanischen Linken?

Meine allgemeine Erfahrung mit der deutschsprachigen Linken ist, dass sie anspruchsvoller ist als in den USA: Es gibt pro Kopf gerechnet mehr Aktivist*innen, die Leute haben eine starke Beziehung zu ihrer eigenen politischen Tradition. Sie wissen, dass sie Teil einer Bewegung sind, die den Terror der Nazis standgehalten hat. So etwas gibt Kraft und spendet Mut. Aber gleichzeitig gibt es diesen Pessimismus, dieses Gefühl, dass die Deutschen oder die Österreicher*innen an sich nicht zu einer Revolution fähig sind. Das ist doch deprimierend.

Wir glauben, dass wir 60 oder 70 Prozent der Bevölkerung für unsere Sache gewinnen können. Zur Zeit sind wir wenige, aber Politik ist aufregend. Wir lieben es, uns an Wahlkämpfen zu beteiligen: an Türen zu klingeln und mit Fremden zu sprechen. Das machen wir in ‚Trump-Country’, weil dort Bernie Sanders einen Großteil seiner Vorwahlen gewonnen hat. So etwas braucht es auch hier. Ihr braucht den Optimismus, dass ihr gewinnen könnt.

Mitarbeit: Paul Herbinger

Das Interview ist die gekürzte und übersetzte Fassung eines Gesprächs, das Gegenstand unseres ersten Podcasts ist. Diesen, und in weitere Folge auch alle anderen, findet ihr hier.

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