Kryptokalypse: Was du über den Crash wissen musst

Foto: Quantitatives

Dein Geld lebt aktuell von Luft, Liebe und Vertrauen, egal ob es auf der Bank oder auf der Blockchain liegt. Was hinter dem Kollaps von Bitcoins und Stablecoins steckt, erklärt Bibi K.

Es herrscht Kryptokalypse: Seit dem Allzeit-Hoch im November gehen Preise von Bitcoin, Ether und Co gemeinsam mit ihren Anleger*innen in den Keller weinen. Das hat mehrere Gründe, die jeder für sich einen Artikel wert wären: Die zunehmende Verbindung von klassischem Finanzmarkt und Krypto-Markt; ein Abstoßen von riskanteren Assets wie Aktien angesichts höherer (risikoloser) Zinsen durch die Geldpolitik von EZB und Fed. Doch das Zentrum bildet eine spontane Vertrauenskrise, die viel über die Entwicklungen der letzten Jahre aussagt.

Kleinanleger*innen in der Gelddruckmaschine

Als Mitte Mai der Coin „TerraUSD“ (UST) in sich zusammenfiel wie ein morsches Heurigenbankerl, ging eine beispiellose Schockwelle durch den Krypto-Markt. Dieser gilt ja eh schon als launig. Aber so etwas durfte eigentlich nicht passieren: Terra ist ein „Stablecoin“, der stets einen stabilen Kurs zum Dollar hält. Und nicht irgendeiner, sondern der drittgrößte Stablecoin weltweit. Stablecoins waren bislang die Robusten unter den Kryptos. Nun riss der Kursabsturz fast alle anderen Coins mit.

Dabei spielt noch etwas anderes eine Rolle: Terra war nicht nur ein Stablecoin, sondern ein ganzes „Krypto-Ökosystem“ von mehreren Coins und Anwendungen. Eine ist „Anchor“, eine Web-App: Deponiere deine Terra dort und lass sie ein Zeiterl liegen, dafür erhältst du 20 Prozent ohne viel Risiko. Klingt zu schön, um wahr zu sein. Trotzdem oder gerade deswegen schütteten institutionelle, wie kleine Anleger*innen horrende Summen dort hinein. Wie so oft am Krypto-Markt sind es die Influencer*innen auf Social Media, die solche Finanzspielchen befeuern – meist ohne Geschäftsbedingungen und haftbaren Firmen. Sagenhaften Geschichten, in denen Leute tatsächlich schnelle Renditen machen und marktschreierische User*innen, die einem das Gefühl geben, etwas zu verpassen, lassen jede kritische Frage vergessen (der Bro-Begriff dafür ist FOMO, „fear of missing out“).

Das ist doch alles ein Pyramidenspiel!

Ob solche Systeme Pyramidenspiele und damit strafbar sind (§168a StGB) kann nur schwer festgestellt werden: Ein Pyramidenspiel liegt kurz gesagt nur dann vor, wenn kein werthaltiges Produkt im Zentrum steht, sondern Teilnehmer*innen Auszahlungen immer wieder aus den Einzahlungen neuer zugeführter Teilnehmer*innen erhalten. Aber was ist denn am Finanzmarkt noch ein geiles Produkt, und was ist wertloser Schwindel?

Mittlerweile wird einer der Gründe für den Terra-/Luna Kollaps im schnellen Abzug einzelner großer Player aus besagtem Anchor Protokoll gesehen. Die großen Investor*innen kommen eben oft davon. Aber vollständig aufgeklärt ist der Kursrutsch immer noch nicht. Es ist schwierig, eine Behörde zu finden, die zuständig wäre. Es gibt zwar Gründer*innen und Programmierer*innen der zugehörigen Terra-Blockchain: Die Firmen Terra Labs (Süd Korea) und Luna Foundation Guard (Singapur) mit ihrem egomanischen Gründer Do Kwon. Aber diese Firmen sind nicht von Finanzmarktregulatoren beaufsichtigt. Jetzt ermitteln in Südkorea die Strafbehörden. Davon haben Kleinanleger*innen im Regelfall nichts.

Wozu überhaupt Stablecoins?

Stablecoins genossen eigentlich einen guten Ruf als Brückenbauerinnen zwischen Geld- und Krypto. Sie sollten stabil sein und nicht der Spekulation dienen, sondern der Wertaufbewahrung und ein verlässliches Zahlungsmittel sein. Stablecoins sind daher viel näher am Begriff der Währung, als etwa Bitcoin. Ihr Vorteil ist, dass die Nutzerin Geld parken und überweisen kann, aber keine Bank und kein Bankkonto benötigt. Auch können in turbulenten Zeiten volatilere Coins wie Bitcoin schnell sicherheitshalber in die stabilen Coins umgetauscht werden.

Dass der Markt sie will und braucht, zeigen die unfassbaren Volumina, die mittlerweile in Stablecoins stecken. Die Marktkapitalisierung, also der Preis aller im Umlauf befindlichen Stablecoins, liegt zum Zeitpunkt dieses Tippens bei 146 Milliarden Euro. Lest „146 000 000 000 Euro“ nochmal langsamer und zählt die Nullen vor eurem fassungslosen inneren Auge.

Wer ist denn schon wirklich stabil heutzutage…

Stablecoins versuchen allesamt, ihren Wert an eine Leitwährung zu binden. Das kann auf unterschiedliche Weise funktionieren, wie auch bei traditionellen Währungen, die sich an Dollar oder Gold binden. Klassisch kauft und hält die ausgebende Stelle für jeden ausgegebenen Coin im Hintergrund einen Dollar. Ich kann meinen Coin jederzeit wieder gegen einen Dollar zurücktauschen. Viele Stablecoins behaupten, eine Dollar-Reserve zu halten. Es stimmt nur nicht immer, wie der weltweit größte Stablecoin „Tether“ zeigt: Hier ist mittlerweile Fakt, dass nicht direkt Dollar, sondern kurzfristige Wertpapiere als Wertreserve gehalten werden. Auch Tether unterschreitet seither regelmäßig seinen Zielkurs von einem USD, weil die Käufer*innen misstrauisch sind.

Ein Algorithmus übernimmt die Rolle der Zentralbank

Im Fall von Terra diente ein Algorithmus und der Geschwister-Coin Luna dazu, den Wert stabil auf einem Dollar zu halten. Der Algorithmus steuert Angebot und Nachfrage nach Terra/Luna mit einem Anreizsystem, wenn sich der Kurs unter oder über einem Dollar bewegt, und hält damit den Preis stabil (eine ausführlichere und einfache Erklärung lest ihr hier).

In der Welt traditioneller Währungen sind hingegen Zentralbanken dafür zuständig, den Preis einer Währung zu steuern und zu stabilisieren. Sie betreiben dafür aktive Geldpolitik. Dabei wird deutlich mehr abgewogen als simple „wenn-dann“-Bedingungen zur Steuerung von Angebot und Nachfrage.

Geldpolitik gilt als berüchtigtes Politikinstrument von Eliten und Finanzmarkt-Playern. Irgendwo zwischen der Kaffeemaschine und dem Lounge-Sessel von Christine Lagarde (EZB) und Jerome Powell (FED) erpokern alle paar Wochen Bataillone von Ökonom*innen und Lobbyist*innen die Leitzinsen. Diese haben dann Einfluss auf Geld, Kapital und Volkswirtschaft. Dabei wird immer offensichtlicher, dass die Entscheidungen über Zinsen und Anleihekäufe – also darüber mehr oder weniger Geld in den Markt zu pumpen – Politik für die ganz Großen ist. Das Geld zirkuliert nämlich hauptsächlich am Finanzmarkt selbst und beschert dort große Gewinne, bei enorm aufgeblasenen Werten. Stabil wirkt da schon lange nichts mehr.

Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass sich das Bedürfnis alternativer Finanzsysteme entwickelt. So lange sie Finanzsysteme im derzeitigen Finanzsystem sind, nach defacto denselben Spielregeln, kann so etwas kein alternatives Projekt sein. Und je erwachsener sie werden, desto altbekannter sind auch ihre Bedürfnisse. Am Krypto-Markt entwickeln sich Börsen, Depot-Banken, Kredit-Plattformen, Versicherungen – und eben auch „stabile“ Coins, die ihre eigene Geldpolitik machen. Nur ohne die altbackenen Eliten.

Das Menschenbild von Stablecoins

Vor allem die algorithmisch stabilisierten Stablecoins beruhen auf der Annahme, dass alle rational handeln, und es ein objektiv ökonomisches Verhalten gibt. Eben einfache wenn-dann-Bedingungen für Angebot und Nachfrage. Sie beruhen auch auf der Annahme von Marktvertrauen. Solange alle glauben, dass der weltweit größte Stablecoin Tether zu 100 Prozent mit Dollar besichert ist und der Algorithmus von Terra/Luna seinen Job macht, funktionieren die Systeme. Wenn das Vertrauen sinkt, sinkt der stabilste Coin. Terra ist daher kein Einzelfall: Stablecoins wie SafeDollar, Empty Set Dollar, Basis Cash USD, BitUSD, DigitalDollar, NuBits – sie alle konnten ihre Bindung an den Dollar nicht aufrechterhalten. Viele stürzten ab.

Vertrauen ist der Grippeblocker für ansteckende Krisen

Das hat Parallelen zu den historischen Beispielen von Währungskrisen. Auch in der FIAT-Welt gilt: Bei Hyperinflation und Währungskollaps ist oft der einzige Ausweg, die alte Währung durch eine neue zu ersetzen, und mit einem Versprechen auszustatten: Mit dem Recht, die Währung wirklich jederzeit in Gold oder Dollar tauschen zu können. Wenn die Leute darauf vertrauen, ist die Währungskrise in kurzer Zeit abgewendet (zumindest vorübergehend, siehe das Beispiel Argentiniens).

Unsere FIAT-Währungen sind längst nicht durch eine bestimmte Reserve in Gold oder eine Leitwährung stabilisiert. Hinter der Währung steht die gesamte Volkswirtschaft. Alles steht und fällt mit dem Vertrauen in deren Tragfähigkeit und ihr Zahlungsversprechen. Das allein verhindert eine Hyperinflation, also einen völligen Zusammenbruch einer Währung. Schwindet das Vertrauen in den Nutzen eines Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittels – nach Marx könnte man sagen: schwindet das Vertrauen in seine Realisationsmöglichkeit von Wert – kollabiert es. Egal ob Krypto oder FIAT, egal ob gesetzliches Zahlungsmittel oder Coins.

Rettet schlussendlich die EU die Stablecoins?

Vertrauen hängt im Finanzwesen eindeutig von Regulierung ab. Da können die Coins noch so underground sein, bei all den Dramen will der Markt jetzt Lauterkeit. Da kommen die klassischen Institutionen und Behörden ins Spiel, und die Politik greift ein: Derzeit ist eine EU-weite Regulierung des Krypto-Markts im Endspurt. Die MiCA Verordnung bringt knapp 200 Seiten an Regeln und hat einen riesigen Abschnitt für Stablecoins. So ernst nehmen also die Regulator*innen die Coins. Für die Zukunft bedeutet das zweierlei und einerlei nicht:

  • Stablecoins werden mehr und mehr Teil des normalen Geschehens
  • Sie werden ein bisschen ordentlicher
  • Sie werden nicht stabil und verlässlich – das schafft keine Regulierung der Welt für Finanzmärkte.

Also keine virtuellen Illusionen. Stabilität und Krisenfestigkeit gibt es nur bei vollständiger Erosion dessen, wie Kapital entsteht, und wie es verwendet wird.

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