Unsichtbar, aber systemrelevant: Die Sorgearbeit von Frauen*

Foto: Wallsdontlie

Den neuen Alltag meistern und trotzdem ein bisschen Normalität bewahren: Meistens sind Frauen, die gerade alles tun müssen, damit das Familienleben weiter funktioniert. Es ist an der Zeit, diese Sorgearbeit entsprechend zu würdigen, schreibt Simon Fetz.

Den Kindern und Jugendlichen beim Lernen helfen, ihnen Raum zum Austoben und Runterkommen geben. Das Abendessen kochen, auf Hygiene im Haushalt achten, Lebensmittel und Medikamente kaufen. Ein offenes Ohr haben für die Sorgen und Freuden der anderen, ihnen körperliche und emotionale Nähe geben. Stress, Ängsten und Konflikten mit Partner*innen begegnen. Geburtstagsfeiern organisieren, irgendwie im Kontakt mit kranken Bezugspersonen bleiben und Abschied nehmen von Verstorbenen. Auf dem Laufenden bleiben, was aktuelle Entwicklungen und neue Regelungen in Bezug auf die Corona-Krise betrifft. Mut und Zuversicht bewahren im Angesicht von Unsicherheit und finanziellen Nöten.

Ohne Frauen* funktioniert die Gesellschaft nicht

All diese Tätigkeiten werden Tag für Tag vor allem von Frauen* geleistet – und sie sind unabdingbar für das Funktionieren einer Gesellschaft. Doch obwohl es wenige komplexere Aufgaben gibt, wird das, was im „Privaten“ stattfindet, gemeinhin nicht als Arbeit betrachtet und so unsichtbar gemacht. Auf dieser Unsichtbarkeit macht es sich die Regierung derzeit gemütlich.

Der Rückzug des Staates aus der Kinderbetreuung, das Ausfallen von Therapien, das Schließen von Spielplätzen und vieles mehr hinterlassen riesige Leerstellen. Gefüllt werden diese Leerstellen von Frauen*, die auch jenseits von Krisenzeiten den Großteil anfallender Sorgearbeit leisten (Männer*, die Sorgearbeit leisten, sind mitgemeint).

Mehr häusliche Gewalt im Lockdown

Der Druck auf Familien und Wohngemeinschaften steigt immens. Das hat Konsequenzen: Kinder haben keine Möglichkeit zum Kontakt mit anderen Kindern, der für ihre Entwicklung so wichtig ist. Wie selbstverständlich geht die Regierung davon aus, dass Homeoffice und Kinderbetreuung parallel möglich sind.

Auch ohne Lockdown ist die Familie der gefährlichste Ort für Frauen*, Kinder und LGBTIQ*. Unter Krisenbedingungen und in Anbetracht finanzieller Sorgen und Zukunftsängste nimmt das Risiko von Gewalt in Familien und Partner*innenschaften weiter zu. In China stiegen während des Lockdowns Fälle häuslicher Gewalt um das Dreifache an. Im Wissen um diese Tendenzen warnten Frauenhäuser bereits zu Beginn der Krise vor einer Zunahme an Gewalt. Es ist kein Naturgesetz, dass in Krisenzeiten die Familie als gesellschaftlicher Notanker herhalten muss. Diese Gefahren und Belastungen sind bekannt. Sie in Kauf zu nehmen, ist eine politische Entscheidung.

Keine bürgerliche Kernfamilie? Pech gehabt!

Auch für Menschen, deren Leben sich nicht in den Bahnen der bürgerlichen Kernfamilie bewegt, ist die Situation belastend. Das COVID-19-Maßnahmengesetz sieht vor, dass Menschen, die gemeinsam in einem Haushalt leben, sich gemeinsam in der Öffentlichkeit bewegen dürfen. Haben allein lebende Menschen kein Recht auf soziale Kontakte und Fürsorge? Was ist mit Kindern, die in nicht-normativen Familienkonstellationen leben? Mit Menschen, die körperliche Kontakte mit mehreren Menschen pflegen? Was ist mit Patchworkfamilien? Was mit engen Freund*innenschaften?

Physische Distanz ist ein wichtiges Mittel zur Eindämmung des Corona-Virus und die Einschränkung von Kontakten ist notwendig. Die rechtlichen Rahmenbedingungen, in denen das geschieht, sprechen jedoch eine deutliche Sprache über die rigiden Geschlechter- und Beziehungsnormen, die diese Gesellschaft und das Regierungshandeln prägen. So werden zwischenmenschliche Beziehungen und Möglichkeiten wechselseitiger Fürsorge in die Zwangsjacke der (familiären) Wohngemeinschaft gesteckt. Nähe und Intimität, Trauer und Freude mit Menschen, zu denen andere Verbindungen bestehen, werden erschwert. Die Folgen sind Vereinsamung, psychische Belastungen und Gewalt.

Applaus und Almosen

Eine positive Entwicklung der letzten Wochen ist die öffentliche Entdeckung der „Systemrelevanz“ einer ganzen Reihe von Arbeitsfeldern, in denen vor Allem Frauen* und Migrant*innen unter skandalösen Arbeitsbedingungen arbeiten: Pflege- und Gesundheitsberufe, Lebensmittelhandel, Gebäudereinigung oder Soziale Arbeit. Die medial und politisch geäußerte Solidarität mit den „Systemerhalter*innen“ ist eine Chance, in diesen Bereichen für mehr Anerkennung und bessere Löhne zu kämpfen.

So könnte man zumindest glauben. Auf den Applaus und rhetorische Lobgesänge folgte: so gut wie nichts. Applaus reicht bekanntlich nicht aus, um Miete zu bezahlen oder sich vor Altersarmut zu schützen. Doch anstatt echte Verbesserungen zu erkämpfen, fordert der ÖGB die Zahlung eines einmaligen (!) „Corona-Tausenders“ an „systemrelevante“ Berufsgruppen. Auch bei den Verhandlungen des Kollektivvertrags der Sozialwirtschaft, der die Arbeitsbedingungen vieler „Systemretter*innen“ regelt, knickte die Gewerkschaft ein. Und das trotz des öffentlichen Zuspruchs und einer breiten Basismobilisierung im Vorfeld.

Zwei Seiten der hässlichen Medaille „Patriarchat“

Die Kritik an den miserablen Arbeitsbedingungen in den „systemerhaltenden“ Berufen und an den ihnen zugrunde liegenden Geschlechterverhältnissen ist wichtig. Doch sie ist nur die halbe Miete. Die schlechte Bezahlung in „systemrelevanten“ Jobs und die Unsichtbarmachung der im „Privaten“ geleisteten Arbeit sind zwei Seiten der gleichen hässlichen Medaille namens Patriarchat.

Die „systemrelevanten“ Jobs werden als unqualifiziert abgewertet. So sind sie für Kapital und Staat billig zu haben. Sorgearbeit innerhalb von Familien und Partner*innenschaften scheint gar nicht erst als Arbeit auf. Sie gilt als Liebesdienst, als vermeintlich „natürliche“ Aufgabe oder als individuelle Verantwortung. Das Ausbildungsprogramm, das die Gesellschaft bereithält, um Menschen für die „private“ Sorgearbeit vorzubereiten, heißt Geschlecht. Fürsorge, sich kümmern, sich selbst für das Wohl anderer zurücknehmen – all das sind Eigenschaften, die als bis heute als „weiblich“ gelten. So wird Frauen* ihr Platz in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zugewiesen. Und weil diese Arbeit nicht als Arbeit gilt, kann sich die Öffentlichkeit von ihr abwenden.

Bessere Bedingungen für Sorgearbeit

Jetzt, wo es eine öffentliche Aufmerksamkeit und Empörung über die Ausbeutung in „systemrelevanten“ Jobs gibt, ist es wichtig die ganze Medaille zu sehen. Der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen für „Systemerhalter*innen“ darf die Halbierung des Arbeitsbegriffs nicht wiederholen. Bessere Arbeitsbedingungen für alle Sorgearbeiter*innen! Erst ein umfassender Begriff von Arbeit, der bezahlte und unbezahlte Arbeit in den Blick nimmt, ermöglicht es patriarchale Ausbeutung und Gewalt umfassend zu begreifen.

„Warum sollte die Regierung oder das Kapital Geld in Dienstleistungen investieren, wenn so viele Frauen* sie umsonst erbringen?“, sagt Silvia Federici. Warum sollte sie auf diese Dienstleistungen als Notanker für eine solche Krise verzichten? Die Antwort liegt auf der Hand: Von selbst wird das nicht passieren.

Grund für vorsichtigen Optimismus

Die politische Aufgabe ist gigantisch. Um allen Menschen gleichberechtigt ein gesundes Leben, in wohltuenden Beziehungen, ohne Angst und Ausbeutung zu ermöglichen, bedarf es einer Umstrukturierung der Gesellschaft. Die Trennung in Privatheit und Öffentlichkeit erlaubt es, die Sorge um das Leben und menschliches Wohl, auf die jede Gesellschaft so grundlegend angewiesen ist, unsichtbar zu machen und abzuwerten. Das Private ist politisch. Unsere Beziehungen sind politisch.

Und hier beginnt die Veränderung von Gesellschaft. Darum bietet die Krise vielleicht doch Grund für vorsichtigen Optimismus. Wir stellen fest, wie verletzlich wir als Menschen sind und wie angewiesen auf die Sorge unserer Mitmenschen. Überall tun sich Menschen zusammen, um die Isolation in den Haushalten zu durchbrechen und solidarische Sorgenetzwerke zu formen. In Wien beispielsweise organisieren sich in vielen Bezirken gerade über die App Telegram Grätzlhilfen, wo Nachbar*innen sich persönlich und politisch unterstützen. Zu finden sind sie über die Suche „Grätzlhilfe“ in Telegram.

Mehr systemrelevante Männer*, bitte!

Der Aufbau solidarischer Beziehungen und Netzwerke jenseits der Enge der Kernfamilie, in denen wir uns stärken und auffangen, macht das Leben nicht nur schöner. Sie machen uns auch stärker, um gemeinsam die gigantischen politischen Herausforderungen anzugehen, die auf uns warten.

[Ach ja: Solange Sorgearbeit auf Frauen* abgewälzt wird, ist keine Befreiung zu haben. Und das ist auch in linken Kontexten ein Problem So heroisch der Begriff der Solidarität auch klingen mag, sie beginnt im Alltag. Darum gilt insbesondere für uns, liebe Männer*: das Verlernen von „Männlichkeit“, die Übernahme von Sorgearbeit sind ein politisches Gebot der Stunde. Also ran ans Spülbecken; mehr zuhören, weniger quatschen; auch mal ein Polittreffen sausen lassen, wenn Kinderbetreuung gefragt ist… so können vielleicht auch wir ein bisschen „systemrelevant“ werden.]

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