Nix is so oasch wie der Sommer in Wien

Foto: Geralt

Der Sommer in Wien ist heiß und wird immer heißer – besonders in den Vierteln der ärmeren Bevölkerungsmehrheit. Schuld daran sind eine verfehlte Stadtplanung, falsch gebaute Straßen und der Selbstbetrug als „grünste Stadt der Welt“, schreibt Fabian Lehr – und weiß, wie es besser ginge.

2,3 Grad: Um so viel wird die durchschnittliche Jahrestemperatur in Wien bis 2050 steigen, prognostiziert eine Studie der ETH Zürich. Die Spitzentemperatur am heißesten Tag des Jahres wird demnach sogar um 7,6 Grad höher liegen als heute. Die Studie untersucht, wie sich das Stadtklima in verschiedenen europäischen Hauptstädten mutmaßlich entwickeln wird.

Wien, so das Ergebnis, zählt zu den am meisten vom Klimawandel betroffenen Städten. 2050 würde die Stadt demnach ungefähr ein Klima haben, wie es heute in Skopje herrscht. Und, wohlgemerkt: Die Studie geht von der sehr optimistischen Annahme aus, dass der durchschnittliche Anstieg der globalen Temperaturen bis dahin nur 1,4 Grad betragen wird – eine Annahme, die angesichts des weltweiten Scheiterns klimapolitischer Initiativen leider nicht sehr realistisch scheint.

Sommer in Wien: Schon jetzt eine Zumutung

Diese rasante Erwärmung trifft in Wien auf eine Stadt, die bereits heute sehr schlecht auf die Bewältigung sommerlicher Hitzewellen vorbereitet ist. Der Hochsommer ist in Wien auch mit dem gegenwärtigen Klima eine Zumutung. Und das ist zu einem großen Teil Folge einer verfehlten Stadtplanung.

Einige dieser Faktoren sind historisch gewachsen. Wien ist in seiner heutigen Gestalt im Wesentlichen eine Stadt des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Viele deutsche Großstädte wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört und danach grüner und weitläufiger wiederaufgebaut. Wien ist anders – und heißer.

Selbstbetrug als „grünste Stadt der Welt“

Wien ist eine Stadt mit extrem dichter Bebauung durch lückenlos aneinandergereihte Zinshäuser, mit fast vollständiger Bodenversiegelung in den inneren Bezirken sowie den proletarischen Bezirken rund um den Gürtel. Größere Grünflächen gibt es fast nur in den bürgerlichen Villenvierteln sowie Neubaugegenden am Stadtrand.

Das Bild als angeblich „grünste Stadt der Welt“ grenzt an Selbstbetrug. Denn tatsächlich leidet der Großteil der Bevölkerung an einem schweren Mangel von Grünflächen in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung. Ja, die Wiener Stadtfläche mag auf dem Papier zu einem sehr hohen Prozentsatz aus Grünflächen bestehen. Nun umfasst aber diese Stadtfläche aber erstens einen beträchtlichen Teil des Wienerwaldes, und zweitens sind die Parks in der Stadt überaus ungleich verteilt.

Wien mag sehr grün sein in Liesing und in Donaustadt, am Rand des Wienerwaldes und am südlichen Stadtrand. Aber in den inneren Bezirken sowie den Gegenden rund um den Gürtel, wo die Mehrheit der Bevölkerung lebt, sind Grünflächen Mangelware. Den BewohnerInnen überhitzter Zinshäuser in baumlosen Gassen in Ottakring, Hernals, Rudolfsheim-Fünfhaus oder Margareten nützt es im Alltag wenig, dass es in zig Kilometern Entfernung große Grünflächen im Wienerwald, auf der Donauinsel oder in der Lobau gibt.

Halb so viele Straßenbäume wie Berlin

An diesem Problem hat die moderne Stadtplanung der letzten Jahrzehnte wenig geändert. Sicher, die meisten nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Neubaugebiete sind in einer aufgelockerteren, grüneren Weise gebaut als die Vorkriegsgrätzel. Aber an den Bedingungen im Meer der Gründerzeit-Zinshäuser wurde kaum etwas verbessert. Hier und da ein paar neue Bäumchen, die zudem oft Jahrzehnte brauchen, bis sie wirkliche Schatten spenden. Das reicht für eine spürbare Verbesserung des Stadtklimas nicht aus.

Dafür braucht es Straßen, die durchweg auf beiden Seiten von großen Bäumen bestanden sind. Damit sieht es in Wien düster aus. Zum Vergleich: In Berlin mit einer Fläche von 892 Quadratkilometer gibt es etwas über 430.000 städtische Straßenbäume. In Wien, mit 414 Quadratkilometern etwa halb so groß, sind es 92.000 Straßenbäume, relativ also weniger als halb so viele.

Hitzenächte wegen Asphalt statt Pflaster

In einer typischen Wiener Gasse gibt es kein grünes Blatt, kein Fleckchen Schatten – und verschlimmert wird das noch durch den Straßenbelag. Wien ist eine der wenigen westeuropäischen Metropolen, in denen die Gehwege durchweg asphaltiert statt gepflastert sind.

Damit erreicht man, erstens, eine Bodenversiegelung von praktisch 100 Prozent. Zweitens heizt dieser Asphalt sich im Sommer extrem auf und gibt die Wärme an die Umgebung ab. Das führt insbesondere dazu, dass es in den am stärksten versiegelten innenstädtischen Gegenden im Sommer auch nachts oft brütend heiß bleibt und die AnwohnerInnen ohne Klimaanlage kaum gesunden Schlaf finden können.

In einer Straße dagegen, in der es einen unversiegelten Randstreifen mit Erde und Pflanzen gibt und in der die Wege gepflastert sind, mit Ritzen zwischen den einzelnen Platten, in denen Wasser versickern kann, kann der Boden „atmen“. In solchen Straßen bleibt die Feuchtigkeit von Regengüssen viel länger erhalten und senken die Kronen großer Straßenbäume die Temperatur teilweise um fünf bis zehn Grad. Baumlose, tot-asphaltierte, sterile Straßen bieten dagegen keinen Schutz gegen die Hitze.

Kühle den Villen, Hitze den Zinshäusern

Das Elend des Wiener Sommers trifft die Bevölkerung der Stadt aber nicht gleichmäßig. Schutz vor Hitzewellen ist auch eine soziale Frage. Die Villenviertel in Hietzing oder Döbling und auch die Einfamilienhaussiedlungen in Liesing oder der Donaustadt bestehen aus durchwegs baumbestandenen Straßen. Sie sind übersät von schönen, großen Parks. Ihre lockere Bebauung sorgt für freie Zirkulation der Luft, und große Naturflächen wie der Wienerwald oder die Lobau sind nah und schnell zu erreichen.

Ganz anders ist die Lage im Zinshausmeer rund um den Gürtel, in Simmering, in Meidling oder im Norden von Favoriten. Dort drängt sich die Masse der prekär Beschäftigten, der Arbeitslosen, der MigrantInnen, der von kargen Mitteln lebenden Studis dicht an dicht zusammen. In diesen Vierteln gibt es kaum Straßenbäume, ist der nächste größere Park oft mehrere Kilometer entfernt, sorgen die Versiegelung des Stadtraums und die Enge und Geschlossenheit der Bebauung für stickige, überhitzte, sich stauende Luft. Von einem privaten Garten, wie ihn die Döblinger VillenbesitzerInnen haben, können die Menschen dort natürlich erst recht nur träumen.

Wien tut viel zu wenig

Neue Parks in Neubaugebieten am Stadtrand anlegen oder einen „neuen Wienerwald“ in Transdanubien zu pflanzen ist schön und gut. Aber die wichtigste Maßnahme zur Steigerung der Lebensqualität der Masse der Bevölkerung wäre eine massive Kampagne zur Durchgrünung und Auflockerung der am dichtesten bebauten Bezirke. Es bräuchte eine Verbreiterung der Gehwege und die Umwandlung jeder Wohnstraße in eine Allee, wo immer das technisch möglich ist.

Die Planungen der Stadt, die Zahl der Straßenbäume in Wien bis 2025 um 10.000 zu erhöhen, sind völlig ungenügend. Zur Erinnerung: Um die Straßenbaumdichte Berlins zu erreichen, müsste Wien über 100.000 neue Straßenbäume pflanzen! Dazu kommt, dass selbst dieses wenig ambitionierte Ziel wahrscheinlich nicht einmal tatsächlich erreicht werden wird.

Was es wirklich bräuchte

Wien bräuchte eine Entsiegelung der Stadt, statt selbst neu angelegte Stadtteile wie das Sonnwendviertel fröhlich totzuasphaltieren. Die Stadt bräuchte eine Zurückdrängung des PKW-Individualverkehrs, um dadurch freigewordene Flächen in kleine Parks in jedem Grätzel verwandeln zu können. Und sie bräuchte auch ein Programm zur Förderung der Begrünung von Innenhöfen in Zinshäusern. Und die Stadt bräuchte einen dauerhaft kostenlosen öffentlichen Nahverkehr. Das würde den PKW-Verkehr reduzieren und auch den Ärmsten die Möglichkeit geben, in ihrer Freizeit jederzeit die Naturflächen am Stadtrand zu erreichen.

Von einem konzertierten Masterplan, um Wiens vielbeschworene Lebensqualität auch im Klimawandel zu retten, ist in der Stadtregierung freilich auch unter grüner Mitwirkung nicht viel zu merken. Stattdessen gibt es kosmetische Trostpflästerchen. Sorry, liebe Grüne, aber eine Handvoll neuer Bäumchen am Brunnenmarkt sind keine angemessene Antwort auf den Klimawandel.

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