Sind alle Rechten dumm? Und warum können sie nicht rechtschreiben?

Foto: Martin Peneder (FF-Feldkirchen)

Das Bild der kleinen Dunja ging durch die Medien, wurde tausendfach auf Facebook und Twitter geteilt. Man konnte gar nicht anders, als sich mit dem süßen Mädchen zu freuen, das eine Abkühlung am heißesten Sommertag genoss. Dachte man. Und wurde dann eines besseren belehrt.

Denn Dunja, sechs Jahre alt, ist was H.C. Strache und Konsorten eine „Asylantin“ nennen – und „Asylanten“ sind, diese Botschaft wird seit Wochen und Monaten von FPÖ und rechten Medien on- und offline hinausposaunt, eine Gefahr für Österreich. Konsequenterweise schrieb dann auch ein 17-jähriger Lehrling unter Dunjas Bild auf Facebook: „Flammenwerfer währe da die bessere Lösung“. Er würde das Kind also lieber anzünden.

Eine Einzelhandelsangestellte aus Graz wünschte sich wenig später öffentlich, es würde „in den Gebäude“ – dem völlig überfüllten Erstaufnahmelager Traiskirchen – brennen. Als der Österreichische Alpenverein ankündigte, Wanderungen mit AsylwerberInnen zu organisieren, meinten Facebook-UserInnen man solle diese wahlweise „auf den Bergen lassen“ oder ihnen „den freien Fall zeigen“. Wem diese kurze Auswahl noch nicht genug ist, kann jederzeit die Seite Eau de Strache besuchen, wo Kommentare von Facebook-Usern auf Seiten der FPÖ gesammelt werden.

Wer sind diese Leute?

Auch wenn man die Zahl derer, die offen ihre Gewaltfantasien ausleben, nicht überschätzen soll, fragt man sich doch: Was sind das für Menschen? Wer wünscht einem kleinen Mädchen den Flammentod, wer will Leute, die vor dem Krieg fliehen mussten, am liebsten vom nächsten Berg schmeißen? Eine Antwort auf diese Frage, die vielen Menschen naheliegend scheint, ist: Nun ja, dumme Menschen halt. So hieß es in einem Artikel der deutschen Huffington Post kürzlich, das Grundproblem wäre „unsere unaufhörlich voranschreitende Verblödung“. Es wäre „schon auffällig“, meinte die Autorin, „dass die meisten fremdenfeindlichen Kommentare haarsträubende Rechtschreibfehler enthalten, oder?“

Nun, sie ist nicht die erste, die darauf kommt. Die Facebook-Seite „Verpflichtende Deutschkurse für FPÖ-Wähler“ etwa hat daraus einen Running Gag gemacht: Sie sammelt die fehlerhaftesten Postings auf FPÖ-Seiten, um sich darüber lustig zu machen. Und es ist ja wirklich nicht unwitzig, wenn AnhängerInnen einer Partei, die „Deutsch statt nix versteh’n“  im Wahlkampf plakatiert, „Gränzkontrollen“  gegen die „Klobalisierung“ fordern. Auch die eingangs beschriebenen Hetz-Kommentare halten keiner Rechtschreib- oder Grammatikprüfung stand.

Sind FPÖlerInnen dumm?

Ist rassistische Hetze also tatsächlich ein Bildungsproblem? Sind Rechte einfach deppat? So ähnlich argumentierte auch Ärzte-Sänger Farin Urlaub in Bezug auf Pegida & Co. in Deutschland: „Solange es Leute gibt, die nichts können, nichts wissen und nichts geleistet haben, wird es auch Rassismus geben“, meinte er in einem Interview: „Denn auch diese Leute wollen sich gut fühlen und auf irgendetwas stolz sein. Also suchen sie sich jemanden aus, der anders ist als sie und halten sich für besser. Oder sie sind bekloppterweise stolz darauf, „Deutsch“ zu sein, wozu keinerlei Leistung ihrerseits nötig war.“

Er habe „jede Geduld mit diesen Arschgeigen verloren“, meinte Farin dann noch, und gut die Hälfte des Internet feierte ihn. Manche meinten gar, hier habe endlich jemand „die perfekte Erklärung für Rassismus gefunden“.

Freiheitliche Bildungsbürger

Betrachten wir die Sache mal genauer. Zunächst müssen wir festhalten, dass ja nicht bloß 17-jährige Lehrlinge und Spar-Kassiererinnen rassistische Hetze betreiben. Die machen es bloß deutlich ungeschickter als jene, zu deren politischem Job-Profil das gehört. Und die sind sicherlich nicht einfach „ungebildet“. FPÖ-Abgeordnete haben zum allergrößten Teil Matura oder Studienabschluss. Wie ein blauer Think-Tank selbst nicht ohne Stolz hervorhebt, gibt es „eine Kontinuität in der Zusammensetzung der freiheitlichen Politiker, die auf gewachsenen Traditionen beruht. Diese Traditionen sind stark dem Bildungsbürgertum verhaftet. Nicht zuletzt werden diese „Traditionen“ einer rechtsextremen Bildungselite von den Burschenschaften verkörpert – nicht weniger als 17 FP-ParlamentarierInnen sind Mitglieder völkischer Verbindungen (Danke an Bernhard Weidinger für diese Zahl).

Aber auch bei den WählerInnen ist es nicht so, dass die FPÖ nur bei den „Bildungsfernen“ punkten würde. Die FPÖ erzielt ihre besten Wahlergebnisse unter ArbeiterInnen, bei den letzten Nationalratswahlen 2013 war sie hier mit 33 Prozent stärkste Kraft, deutlich vor der SPÖ (24 Prozent). Geht man nach dem formalen Bildungsabschluss, sieht das Bild aber schon etwas anders aus. Hier liegt die FPÖ bei WählerInnen mit dem niedrigsten Abschluss (Pflichtschule) mit 15 Prozent deutlich hinter SPÖ (34) und ÖVP (23). Richtig stark sind die Blauen nur unter jenen, die eine Lehre abgeschlossen haben (35 Prozent). Wer mit Matura abgeschlossen hat, wählt übrigens ebenso wahrscheinlich FPÖ wie SPÖ oder Grüne (je 19 Prozent).

Natürlich sind solche Zahlen mit Vorsicht zu genießen – aber sie machen deutlich, dass es nicht einfach die „Ungebildeten“ sind, die für rassistische Hetze besonders empfänglich sind. Eher sind es FacharbeiterInnen – und ganz besonders Facharbeiter. Das deckt sich auch mit den Ergebnissen einer anderen Studie, die zum Schluss kommt, dass die Freiheitlichen überdurchschnittlich stark bei Personen mit einem Haushaltseinkommen zwischen 2100 und 3000 Euro pro Monat reüssieren – also eher in der (unteren) Mittelschicht.

Die ängstliche Mittelklasse

So gesehen ist die Farin-Urlaub-Erklärung – auch wenn vor allem die Arschgeigen-Passage Vielen aus der Seele spricht – nicht so perfekt wie man glauben mag. Es sind nicht bloß diejenigen „fremdenfeindlich“, die „nichts können, nichts wissen und nichts geleistet haben“. So funktioniert Rassismus nicht.

Rassismus schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl gerade über soziale Unterschiede, Berufsstände und Bildungsgrade hinweg. Insofern hat Farin Urlaub nicht ganz unrecht wenn er sagt: „Auch diese Leute wollen sich gut fühlen und auf irgendetwas stolz sein. Also suchen sie sich jemanden aus, der anders ist als sie und halten sich für besser.“ Nur dass „diese Leute“ eben nicht einfach die Dummen und Faulen sind, die „nichts geleistet“ haben, sondern verdammt viele Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen mit den gesellschaftlichen Verhältnissen unzufrieden sind. Und ganz besonders solche, die noch etwas zu verlieren haben. Die mit einem halbwegs annehmbaren Lebensstandard, aber ohne großes Vermögen. Die wissen, dass sie etwa bei Jobverlust geradewegs in die „Unterschicht“ rutschen. Wer sich mit Händen und Füßen strampelnd über Wasser hält, tritt dabei meistens nach unten.

Der Zen-Meister der Sozialen Medien

Das erklärt natürlich noch nicht, warum Leute, die Angst vor dem sozialen Abstieg haben, ausgerechnet Flüchtlinge zum Ziel ihres persönlichen Hasses machen. Von „Mein Job ist scheiße, noch beschissener wäre nur ihn zu verlieren“ zum Wunsch, sechsjährige Kinder mit dem Flammenwerfer zu töten, ist es ja nicht gerade ein logischer Schritt.

Dafür braucht es die Arbeit der rechtsextremen IdeologInnen in Politik und Medien, die uns einreden, dass Menschen unterschiedlich viel wert sind, weil sie zu einer bestimmten Gruppe gehören. Wenn diese Behauptung – die der Kern von Rassismus überhaupt ist – bei ängstlichen Menschen ankommt, die auch mal Teil einer starken Gemeinschaft sein wollen, dann werden aus schutzbedürftigen Menschen in Worten schon mal „Tiere“, „Abschaum“, „Insekten“, „Ungeziefer“. Und diesen Worten können Taten folgen, wie in Deutschland, wo alleine im ersten Halbjahr 2015 über 200 Angriffe auf Flüchtlingsheime stattfanden.

Strache hat mit seinem Facebook-Auftritt quasi das Zen-Level der Social-Media-Propaganda erreicht. Er braucht gar keine rassistischen Aussagen mehr zu tätigen.. Es reicht, ein Bild, einen Text oder ein Video zu teilen, bei dem es um „Ausländer“, „Asylanten“ oder „Muslime“ geht, nur mit einem trockenen „Zur Info!“ versehen. Die eigentliche Message entsteht dann ganz automatisch über die Kommentare darunter, was möglich wird, weil Facebook die beliebtesten Kommentare nach oben reiht. So werden die rassistischen Klischees, die Lügen, die paranoiden Verschwörungstheorien nach oben und in die Köpfe gespült.

Warum können sie nicht rechtschreiben?

Bleibt aber noch die Frage: Warum zum Teufel all diese Rechtschreibfehler? Nun, einerseits hat das wohl etwas damit zu tun, wie sich unsere Kommunikationsformen in den letzten Jahren verändert haben. Durch SMS, Whatsapp, Facebook und Co verwenden wir, allen kulturpessimistischen Unkenrufen zum Trotz, das geschriebene Wort heute viel mehr als noch vor einigen Jahren. Allerdings schreiben wir großteils in privaten oder semi-privaten virtuellen Räumen und für Leute, die wir persönlich kennen. Da sind Tipp-, Rechtschreib- und Grammatikfehler tatsächlich wurst, solange man verstanden wird.

Rechte Facebook-Seiten wie jene von Heinz-Christian Strache, die von fast einer Viertelmillion Menschen geliked wird, sind für viele Menschen offensichtlich auch so ein halb-privater Ort. Es geht nicht darum, dass diese Leute es nicht besser könnten. Sie scheren sich einfach nicht darum.

Auf den FPÖ-Seiten hat diese bewusste oder unbewusste „Wurstigkeit“ gegenüber formalen Sprachregeln einen spezifischen Effekt: Sie stärkt das Gemeinschaftliche.  Hier ist man unter sich, hier wird man für solche Fehler nicht von selbsternannten Oberlehrern gemaßregelt, hier wird keine Autorität anerkannt außer jene des FPÖ-Führers. Vor Strache sind alle gleich, solange sie ihre Wut gegen „Asylanten“, „linke Gutmenschen“ und den „Genderwahnsinn“ richten.

Ein gerechtes Österreich, ein anderes „Wir“!

Natürlich sind die „Argumente“, die von den Rechten dabei vorgebracht werden, meist völliger Unfug. Rassismus, das wusste schon Mr. Spock, ist schließlich unlogisch. An stichhaltigen, logischen Gegenargumenten fehlt es nicht – die werden bloß von vielen Menschen schlicht ignoriert. Aber das liegt nicht an deren „Dummheit“.

Entscheidend ist, folgendes zu verstehen: Wo gegen „Andere“ gehetzt wird – gegen AsylwerberInnen, aber auch gegen Muslime, Juden und Jüdinnen, gegen Schwarze Menschen oder einfach gegen „die Ausländer“ – da entsteht ein „Wir“. An diesem „Wir“ können sich Leute festhalten, die sonst oft das Gefühl haben, dass ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Rassismus stiftet Gemeinschaft, und zwar gerade unter Menschen, die sonst nix gemeinsam haben. Nur so kann eine Eliten-Partei wie die FPÖ Unterstützung unter den „einfachen Leuten“ gewinnen. Darum reicht es nicht, moralisch entrüstet zu sein und über die „rassistischen Prolos“ zu lästern.

Das sollten alle realisieren, die ein solidarisches und gerechtes Österreich wollen. Schlimmer noch: Es hilft den Rechten sogar, die sich ihrer Gemeinschaft gegen die „Asylanten“ und die weltfremden, obergescheiten „Gutmenschen“ dann noch sicherer sein können. Eine effektive antirassistische Strategie muss das berücksichtigen und wohl auch andere, alternative Formen der Gemeinschaft anbieten. Wie das konkret funktionieren kann, wie wir ein solidarisches, hilfsbereites „Wir“ werden können, müssen wir herausfinden.

Benjamin Opratko ist Politikwissenschaftler und Redakteur von Mosaik.

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