Sexualpädagogik in Gefahr: Mehr als Blumen und Bienen

JVPWien

Nach der Diskussion um den christlich-konservativen Verein TeenSTAR wollen ÖVP und FPÖ auch alle anderen Vereine aus dem Sexualkundeunterricht an Schulen verbannen. Barbara Rothmüller warnt vor diesen Plänen und zeigt auf, warum es qualitätsvolle Sexualpädagogik braucht.

Sebastian Kurz will es religiösen Hardlinern recht machen. Noch vor seinem Auftritt bei „Awakening Europe“ brachte die ÖVP gemeinsam mit der FPÖ einen Entschließungsantrag im Parlament ein. Externe Vereine sollen keine sexualpädagogische Arbeit mehr an Schulen leisten dürfen. Die Lehrkräfte selbst müssen das in Zukunft übernehmen. Das bedeutet einen Verlust an sexualpädagogischer Expertise und jahrzehntelangem Praxiswissen sowie einen Einschnitt in die Schulautonomie. Denn Schulen konnten bisher selbst entscheiden, welche externen ExpertInnen sie in die „schulische Sexualerziehung“ einbinden. Gegen diese Pläne regt sich nun breiter Widerstand – quer durch die politischen Lager.

Jahrzehntelanger Rückstand

Lange Zeit wurde in der Schule über Sexualität nur indirekt anhand der Fortpflanzung von Pflanzen und Tieren gesprochen. Österreich galt in der Forschung noch 2004 als konservatives Land, in dem eine Unterversorgung im Bereich der sexuellen Bildung herrscht. Und das, obwohl seit den 1970er Jahren ein Erlass vorsieht, dass Lehrpersonen aller Unterrichtsfächer die psychosexuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen pädagogisch begleiten sollen.

Lehrpersonen greifen Sexualität als Thema an Schulen jedoch kaum auf. Es waren außerschulische Vereine, die sich über Jahre hinweg Fachexpertise aneigneten und durch externe Angebote eine qualitätsvolle Sexualpädagogik nach internationalen Standards an Schulen unterstützten. SexualpädagogInnen arbeiten nicht nur mit SchülerInnen, sondern sind auch in der Fortbildung von Lehrpersonen und in der Elternarbeit tätig.

Externe tun sich leichter als LehrerInnen

Das würde sich mit dem Antrag der Ex-Regierungsparteien ändern. Sexualpädagogik würde damit in Zukunft allein im Aufgabenbereich der Lehrpersonen liegen. Obwohl Wissensvermittlung ein wichtiger Bestandteil sexualpädagogischer Arbeit gegen kursierende Sexualitätsmythen ist, geht sexuelle Bildung darüber hinaus. LehrerInnen sind selten für eine sexualpädagogische Begleitung geschult, die den nationalen und internationalen Qualitätsstandards entspricht.

Kinder und Jugendliche wollen aus verschiedenen Gründen auch nicht ihre persönlichen Fragen zu Sexualität mit jenen Personen besprechen, die sie benoten – ein Unbehagen an der Vermittlung sexueller Bildung im Kontext eines Autoritätsverhältnisses, das schon Monty Python in „The meaning of life“ unmissverständlich spürbar machte. Aus fachlicher und wissenschaftlicher Perspektive ist die Abschaffung der externen Sexualpädagogik daher äußerst problematisch – und das wissen auch (fast) alle.

Lobbyarbeit gegen sexuelle Bildung

In den letzten Jahren gab es bereits wiederholt Angriffe auf sexualpädagogische Angebote an Schulen – in Österreich, Deutschland und anderswo. In den USA haben diese konservativen Sexualitätspolitiken seit den 1980er Jahren Konjunktur. Es ist kein Zufall, dass dort die Lobbyarbeit gegen eine umfassende sexuelle Bildung auch sehr erfolgreich war: Mitfinanziert durch die US-Regierung unter George W. Bush bahnten sich familienorientierte und lustfeindliche Aufklärungsprogramme ihren Weg, auch in Länder mit vergleichsweise emanzipatorischen sexuellen Bildungsangeboten. In der Tradition einer Enthaltsamkeitserziehung, die sich stark an den moralischen Werten der evangelikalen ChristInnen orientiert, werden Sex vor der Ehe und Masturbation abgelehnt. Homosexualität soll „geheilt“ werden.

Diese sogenannten „abstinence-only“-Programme preisen Enthaltsamkeit vor der Ehe als wirksames Mittel gegen Schwangerschaften und sexuell übertragbare Infektionen. Daher kommen auch keine Verhütungsmethoden in diesen Programmen vor. Stattdessen werden konservative Ideen mit hohem sozialen Druck und auf extrem verächtliche und gezielt beschämende Weise vermittelt. So werden Jugendliche mit sexuellen Erfahrungen mit einem ausgelatschten Schuh oder mit einem Klebeband verglichen, das nach siebenmal seine „Bindekraft“ verliert. Der Comedian John Oliver kommentiert diese US-amerikanische Sexualpädagogik in einer Folge seiner Late Night Show treffend: „Learning nothing would have been better than learning that.“

Enthaltsamkeit als Prävention unwirksam

Die Folge der jahrzehntelangen US-republikanischen Lobbyarbeit ist, dass sogar im liberalen Kalifornien, das Budgetmittel zur Förderung von Enthaltsamkeit ablehnt, einem Viertel aller Kinder in der Schule Enthaltsamkeit vermittelt wird. Das liberale Gegenprogramm einer „comprehensive sex education“ – der international von der WHO vertretene Standard – spielt in den USA heute nur mehr eine untergeordnete Rolle.

Nach jahrzehntelangem Kampf zwischen liberalen und konservativen Programmen ist die Wirkung von Enthaltsamkeitserziehung wissenschaftlich sehr gut erforscht. Enthaltsamkeitspredigten sind nicht einmal im Sinne der eingeschränkten konservativen Präventionsidee effektiv. Unter Jugendlichen, die Enthaltsamkeitsprogramme erfahren haben, ist die Rate der Teenagerschwangerschaften und sexuell übertragbaren Infektionen höher als bei einer ganzheitlichen Sexualpädagogik. In Kalifornien konnte zumindest im Mai 2019 durchgesetzt werden, dass Sexualpädagogik an Schulen wissenschaftsbasiert und inklusiv sein muss.

Grundsatzerlass Sexualpädagogik

Wie die Forschung zeigt, reduzieren sowohl „abstinence-only“ als auch „comprehensive sex education“-Programme Sexualität auf etwas Negatives. Sexualität wird gleichgesetzt mit Risiko, Gefahr und Bedrohung. Lust und der gesellschaftliche Kontext spielen kaum eine Rolle. Kinder und Jugendliche sollen deshalb vor allem individuelles Risikomanagement lernen – zum Beispiel „Nein“ zu sagen. Demgegenüber erweitert der österreichische Grundsatzerlass Sexualpädagogik an Schulen den Auftrag sexueller Bildung: „Sie soll einen positiven Zugang zur menschlichen Sexualität darstellen und eine positive Grundhaltung sich selbst gegenüber sowie das eigene Wohlbefinden befördern“.

Damit wurde einem lange Zeit vorherrschenden „Birds and Bees“-Aufklärungsunterricht, der die Vermittlung von menschlicher Sexualität ausspart, eine Absage erteilt. Er wurdevon einer Sexualpädagogik abgelöst, die Begehren und Konsens gleichermaßen thematisiert. Diese Errungenschaften sind aktuell bedroht: Der damalige Bildungsminister Heinz Faßmann hatte erst im Frühjahr 2019 verkündet, dass fragwürdige Vereine, die Enthaltsamkeit und Homosexualität als Identitätsstörung vertreten, nicht an Schulen tätig sein sollen. Für eine zukünftige Qualitätssicherung war ein Akkreditierungsrat in Planung, um ab 2020 die Einhaltung von Standards zu kontrollieren. Der Einrichtung dieser Stelle kommt der aktuelle Antrag nun zuvor. Er wurde am Dienstag, 25. Juni, mit den Stimmen von ÖVP und FPÖ im Unterrichtsausschuss angenommen.

Breiter Konsens gegen ÖVP-FPÖ-Antrag

Mittlerweile haben nicht nur mehr als 10.000 Personen innerhalb weniger Tage die Petition #redmadrüber, die sich für qualitätsvolle Sexualpädagogik an Schulen einsetzt, unterzeichnet, sondern auch zahlreiche Vereine gegen die Abschaffung externer Sexualpädagogik öffentlich Stellung bezogen. Die breite Unterstützung der Initiative lässt sich nicht mit dem politischen „Links-Rechts-Schema“ begreifen. Die aktuelle Solidarität zum Erhalt der Sexualpädagogik verläuft quer durch die politischen Lager. So finden sich neben vielen sexualpädagogischen Vereinen auch kirchliche und ÖVP-nahe Vereine und Beratungsstellen als UnterstützerInnen.

Die in den letzten Tagen entstandene Vernetzung ist beispiellos innerhalb des Feldes der sexuellen Bildung. Anfang Juli soll der Antrag beschlossen werden. Die Breite des Bündnisses zeigt, dass ÖVP und FPÖ hier im Dienst einer kleinen Gruppe von Hardlinern handeln – zum Schaden aller SchülerInnen in Österreich.

Barbara Rothmüller ist Sozialwissenschaftlerin, Vorstandsmitglied der Plattform Sexuelle Bildung und lehrt am Institut für Soziologie der Universität Wien. Sie arbeitet u.a. zu Bildungsungleichheiten, Pierre Bourdieu und Sexualitätsforschung in Wien.

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