Sexismus hat weder Pass noch Heimatland

Foto: Wolfgang Sterneck

Sonja Beier teilt in ihrem sehr persönlichen Beitrag Erfahrungen mit Sexismus in ihrem Alltag sowie mit dem Problem, dass Frauen selbst für sexualisierte Übergriffe verantwortlich gemacht werden – und meint: Sexismus hat weder Pass noch Heimatland. 

Wenn ich von der Arbeit nach Hause fahre, führt kein Weg am Wiener Praterstern vorbei. Besonders nachts habe ich dabei immer ein sehr unangenehmes Gefühl. Es gibt viele Obdachlose dort, aber die sind unter sich und – wenn man mal mit ihnen redet – sehr nett. Außerdem tummeln sich dort Junkies, DealerInnen, Betrunkene, riesige Gruppen von Menschen, viel Polizei und auch noch ZeugInnen Jehovas. Diese U-Bahn- und S-Bahn-Station ist ein Sammelbecken für zerstörte Existenzen und kann mitunter für junge Frauen ein unschöner Heimweg sein, weil man damit rechnen muss, mindestens einmal angequatscht zu werden.

So richtig wütend werde ich aber erst, wenn ich daran denke, warum so viele Menschen denn überhaupt sozial so abgestiegen sind und nun als Lebensmittelpunkt den Praterstern haben. Nur zu gerne winden sich Behörden, PolitikerInnen und sämtliche andere staatliche Institutionen aus der Verantwortung, geben die Schuld lieber dem Individuum. Das kommt mir bekannt vor, nämlich genau bei dem, wovor es mir beim Heimweg graut: sexuelle Belästigung und Missbrauch. Wegschauen, Verdrängen und den Opfern selbst die Schuld in die Schuhe schieben – das wird systematisch von den Institutionen betrieben, von denen man erwarten würde, dass sie für geregeltes Miteinander sorgen. Die auf der Website der Polizei angeführten Sicherheitsempfehlungen für Frauen, die in der Nacht unterwegs sind, lassen sich schnell zusammenfassen: immer in Gruppen unterwegs sein und besser mit dem Taxi nach Hause fahren als mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Das erlebe ich als sexistische Bevormundung und als Zeichen dafür, dass die gesellschaftliche Gleichstellung von Frauen, die einem von Medien und Politik als Teil „westlicher Werte“ eingetrichtert wird, eine glatte Lüge ist.

Je mehr ich darüber nachdenke, wie etabliert und als selbstverständlich befunden Sexismus und sexueller Missbrauch in Österreich sind, desto mehr Dinge fallen mir aus meiner Vergangenheit ein. Als ich mit 14 im Gymnasium war, hatte ich einen Lehrer, der mir immer wieder und immer öfter schlüpfrige Komplimente machte, mich mit seiner Exfreundin verglich und überhaupt extrem aufdringlich war. Zum Glück habe ich von Kind auf gelernt, Dinge, die mich stören, auszusprechen und Rat bei meinen FreundInnen und Angehörigen zu suchen. Schließlich habe ich diesen Lehrer und die Vorfälle bei der Direktion und meinem Klassenvorstand gemeldet, bald wussten es fast alle LehrerInnen. Ich durfte erfahren, dass die Belästigung von Schülerinnen bei dem Lehrer nichts Neues war, dass er das schon seit Jahrzehnten macht. Dass BeamtInnen nur schwer gekündigt werden können, ist klar, aber sexuelle Belästigung seit gut zwanzig Jahren kann durch nichts in der Welt gerechtfertigt werden. Es muss auch eine Möglichkeit geben, solche Leute ihres Amtes zu entheben. Im Endeffekt wurde ich für das betreffende Fach zu einem anderen Lehrer versetzt. Dem Peiniger selbst ist nichts weiter passiert. Es handelt sich um das Gymnasium auf der Schmelz in Wien, welches traditionell von DirektorInnen mit sozialdemokratischem Parteibuch geleitet wird.

In den letzten Wochen war es medial kaum zu übersehen: die vermeintliche Gefahr für österreichische Frauen, die von Geflüchteten ausgeht.

Denn „in diesen Ländern gelten nicht unsere westlichen Werte“. Es stimmt, dass an manchen Orten dieser Welt Frauenrechtsbewegungen viel stärker unterdrückt wurden/werden und vermehrt nach klassischen Rollenbildern gelebt wird. Diese Orte können überall sein: in Syrien, Afghanistan, den USA oder eben auch in Österreich. Als Stadtmensch kann ich mir ein Leben am Land nicht wirklich vorstellen. Besonders nicht in Anbetracht dessen, was ich von Bekannten und FreundInnen über den „traditionellen österreichischen Umgang mit Frauen“ in erzkonservativen kleineren und größeren Ortschaften gehört habe. Natürlich sind nicht alle Gemeinden gleich, und es gibt fortschrittliche. Aber was für „österreichische Werte“ sind es, wenn man Kinder prügelt, weil sie nicht in die Kirche gehen wollen, und Frauen danach bewertet, wie gut sie kochen und gebären können?

Wäre ich eine Anhängerin von Pauschalierungen und Schubladendenken, dann hätten Österreicher sowieso ein Problem, denn da durfte ich sehr schlechte Erfahrungen mit Homophobie und sexueller Belästigung machen. Einmal hat ein komischer Kauz in meiner WG am Sofa übernachtet, weil er nicht wusste, wo er sonst hätte schlafen können. Ich wollte einfach meine Ruhe, doch er ließ sich nicht davon abhalten, mir zu erzählen, Homosexualität sei eine gefährliche und widerliche Krankheit. Als ich ihn am nächsten Morgen so früh wie möglich rausschmeißen wollte, ging er einfach nicht und nannte mich zu allem Überfluss auch noch „Schatzi“.

Sehr positive Erfahrungen hatte ich hingegen mit einer syrischen Flüchtlingsfamilie, die ein paar Tage in der WG untergekommen ist. Ein Familienmitglied war Gynäkologe, der vor dem IS geflohen ist. Mit ihm konnte man gemütlich Zigaretten rauchen und über Geburten sprechen – auf gleicher Augenhöhe. Bedrängt oder belästigt habe ich mich kein einziges Mal gefühlt.

Diese persönlichen Erfahrungen bedeuten nicht, dass alle österreichischen Männer Frauen belästigen und alle Geflohenen emanzipiert sind, sondern dass Sexismus ein internationales Problem ist und kein Heimatland kennt.

Der Platz am Globus ist nicht ausschlaggebend für das vorherrschende Frauenbild. Es ist die Sozialisierung, geprägt durch Politik und Wirtschaft. Die Lohnschere zwischen Mann und Frau liegt in Österreich bei etwa einem Drittel, männliche konservative Politiker wollen über das Abtreibungsrecht entscheiden, und Frauenhäuser sind chronisch unterfinanziert und systematisch vernachlässigt. Niemand braucht mir zu erzählen, Flüchtlinge wären eine große Gefahr für das heimische Frauenbild.

Aber es freut mich, wie viele Männer ich kenne, die sich Sexismus in die Quere stellen und Seite an Seite mit Frauen für eine bessere Welt kämpfen – und es werden hoffentlich bald mehr.

Sonja Beier studiert Physik an der Technischen Universität Wien und ist aktiv im Kommunistischen StudentInnenverband (KSV), für den sie als Spitzenkandidatin zur ÖH-Wahl 2015 angetreten ist.

Kommentare

Kommentare