Im Süden nichts Neues: 80 Jahre nach der spanischen Massenflucht

Foto: Joan Roels

Anfang Februar 1939 fliehen während der Retirada hunderttausende spanische Republikaner*innen vor der faschistischen Armee nach Frankreich, wo sie am Strand in Gefangenenlagern interniert werden. Mosaik-Redakteur Fabian Hattendorf war vor Ort und zieht Parallelen zwischen dem Umgang mit Geflüchteten damals und heute.

Die Sonne scheint und ich sitze am Strand von Argelès. Vor mir schlagen die Wellen des Mittelmeers auf den Sand, zu meiner Rechten erheben sich die Ausläufer der Pyrenäen, die die französisch-katalanische Grenze markieren. Es weht ein scharfer Wind.

Mich verfolgen die Bilder von der europäischen Außengrenze in Polen, wo sich in der eigens errichteten Sperrzone eine humanitäre Katastrophe ereignet. Geflüchtete überwintern bei Minusgraden im belarussischen Grenzgebiet, immer wieder sterben Menschen vor Kälte oder Hunger. Mit Gewalt treibt die polnische Grenzschutzpolizei die Hilfesuchenden zurück nach Belarus. Die vor Krieg und Verfolgung Geflohenen werden zum Spielball des politischen Machtkampfes zwischen Lukaschenko und der Festung Europa, sehen sich Lügen auf der einen und illegalen Pushbacks auf der anderen Seite ausgesetzt. Und überall Gewalt. So unmenschlich diese Politik auch ist, sie überrascht nicht. Denn sie hat System. Dafür genügt ein Blick in die Vergangenheit. Und in meinem Fall auf meine Umgebung.

La Retirada

Ich streiche mit der Hand durch den Sand. Fast unmöglich, sich vorzustellen, dass sich auf diesem Strand vor über 80 Jahren eines der größten französischen Flüchtlingslager befand. Hunderttausende spanische Republikaner*innen flohen im Winter 1939 vor der franquistischen Armee nach Frankreich. Bis zum Fall der letzten freien Stadt Barcelona am 26. Januar 1939 hielten sie sich in Katalonien auf. Dann überquerten sie zu Fuß die Grenze. Wie begrüßte Frankreich diese Menschen, von denen viele die letzten drei Jahre im spanischen Bürgerkrieg gekämpft und Spanien mit ihrem Leben vor dem Faschismus verteidigt hatten? Mit kilometerlangem Stacheldraht. Über Nacht wurden entlang der Mittelmeerküste Internierungslager aus dem Boden gestampft, wo die Flüchtlinge isoliert werden sollten.

Eines der ersten entstand auf dem weiten Strand von Argelès. Doch von einem wirklichen Lager konnte zunächst keine Rede sein, es mangelte an jeglicher Infrastruktur. Ohne Schutz vor Wind und Kälte verbrachten die bald 60.000 Menschen die ersten Wochen auf dem Strand. Dann bauten sie sich erste Barracken aus Schilfrohr, die, Monate später erst, stabileren Konstruktionen aus Holz wichen. Es fehlte an allem: an Essen, an sanitären Anlagen und an sauberem Wasser. Mit der Zeit brachen Krankheiten aus, die Sterberate war hoch.

Politisches Versagen

War die französische Regierung von der Masse an Flüchtlingen schlicht überfordert? Zugegeben waren es im März 1939 220.000 Spanier*innen im Département der Pyrenées-Orientales, ebenso viele wie die dortige Bevölkerung. Und doch hatte die französische Regierung Zeit gehabt, sich auf den Andrang an Menschen vorzubereiten. Zeitgenössische Presseberichte deckten auf, dass das Innenministerium schon am 23. Januar den Plan zur Errichtung von Internierungslagern beschloss. Die Regierung sendete bewusst ein klares Zeichen, das die spanischen Flüchtlinge in Frankreich unerwünscht sind.

Ruinen und Barrackenreste

40 Kilometer nördlich von Argelès. Ich komme auf dem Besucherparkplatz der Lager von Rivesaltes an. Vor mir eröffnet sich ein verlassenes, fast wüstenartiges Gelände. Die Sonne steht hoch am Himmel. Vereinzelt wachsen junge Olivenbäume und Kiefern, dazwischen wuchert Anis. Der Blick fällt auf die ruinenartigen Barrackenreste, die Wind und Wetter schutzlos ausgesetzt sind. Über eine lange Rampe erreiche ich das längliche, fast unterirdische Museumsgebäude. Still fügt es sich in den Rest der Landschaft ein, als würde es sich dafür entschuldigen, überhaupt da zu sein. Der Architekt, Rudy Ricciotti, wollte nicht, dass das Gebäude die umliegenden Barracken in den Schatten stellt. So macht einem die unberührte, öde Landschaft vor dem Museum schmerzhaft klar, wie die Lagerinsassen hier lebten.

Das Lagersystem

Am Eingang der Ausstellung steht geschrieben: „Es gibt nicht ein Lager von Rivesaltes. Es gibt mehrere Lager von Rivesaltes.“ Hier kreuzen sich die Geschichten verschiedener Flüchtlingsströme, ausgelöst durch die großen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts. Zuerst diente das Gelände als Internierungslager für die spanischen Flüchtlinge der Retirada, des „Rückzugs“. Viele der Flüchtlinge vom Strand von Argelès wurden früher oder später hierhin überführt. Ab September 1939 befand sich Frankreich im Krieg mit Deutschland. Mit dem Waffenstillstand im Juni 1940 wurde das Lager unter dem Vichy-Regime ein Platz für „anti-französische Kräfte“: Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma, Kommunist*innen und Ausländer*innen. Rivesaltes entwickelte sich zum Konzentrationslager. Über 2000 Juden und Jüdinnen wurden bis 1944 von hier nach Drancy und von dort nach Auschwitz deportiert.

Aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg hatte das Lager noch nicht ausgedient: Erst wurden hier Kollaborateure gefangen gehalten, dann die algerischen Harki. Die Geschichte der Harki ist ähnlich der der Afghan*innen, die den westlichen Streitkräften in Afghanistan gedient haben. Im algerischen Unabhängigkeitskrieg kämpften sie auf der Seite der französischen Armee, ohne deren Militärstatus zu haben. Nach der Unabhängigkeit Algeriens im Sommer 1962 wurden sie zu großen Teilen zurückgelassen. 40.000 schafften es nach Frankreich und wurden dort im Lager von Rivesaltes unter unwürdigen Bedingungen eingesperrt.

Grenzen überall

Was sagt der Umgang mit Geflüchteten über unsere Gesellschaft aus? Während die kapitalistischen Zentren der Weltwirtschaft Flucht und Migration im Globalen Süden durch imperialistische Handelsbeziehungen und Rüstungsexporte anfeuern, schotten sie sich gleichzeitig vor den Menschen ab, die sie ins Elend stürzen und errichten Mauern – wie derzeit in Polen, wo ein fünf Meter hoher Zaun die Grenze befestigen soll. Parallel dazu bedienen sich rechte Parteien rassistischer Narrative, um sowohl die Ausbeutung andernorts als auch die Ausgrenzung an den Außengrenzen zu legitimieren. Die Geschichte der Retirada zeigt, dass sich daran in über 80 Jahren wenig geändert hat. Dabei könnten wir so gut aus der Vergangenheit lernen.

Was bleibt?

Ich bin wieder am Strand von Argelès. Die Sonne scheint. Um mich herum spielen Kinder im Sand. Am Rand des Strandes steht ein Denkmal. Es ist das einzig verbliebene Zeichen für die Menschen, die monatelang auf dem Strand gefangen waren. Wie so vielen anderen Flüchtlingen wurde ihnen nicht die Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft geschenkt, die sie verdienten. Auf dem Denkmal steht auf Französisch: „Zur Erinnerung an die 100.000 spanischen Republikaner, die während der Retirada im Februar 1939 im Lager von Argelès interniert waren. Sie hatten von 1936 bis 1939 für die Verteidigung der Demokratie und der Republik gegen den Faschismus in Spanien gekämpft. Freier Mensch, gedenke ihrer.“

(c)  Joan Roels

Weitere Infos: Mémorial du camp d’Argelès und Mémorial du camp de Rivesaltes.

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