Vermögensbesitz markiert „Unten“ und „Oben“ in jeder Gesellschaft. Global betrachtet gibt es eine zweite Achse der Ungleichheit, die zwischen Nord und Süd. Karin Fischer wirft einen Blick auf die regionale Herkunft der Vermögensreichen und die globale Verteilung von Vermögen.

Die meisten Dollar-MillionärInnen mit einem Netto-Finanzvermögen zwischen einer und 50 Millionen US-Dollar sind aus den USA. Dort lebt fast die Hälfte der weltweit geschätzten 33,8 Millionen vermögensreichen Personen, gefolgt von Großbritannien mit einem Anteil von sieben Prozent, Japan mit sechs Prozent, Frankreich und Deutschland mit jeweils fünf Prozent sowie China mit vier Prozent. In der kleinen, aber kapitalfreundlichen Schweiz leben stattliche zwei Prozent aller DollarmillionärInnen weltweit, in Taiwan mittlerweile ein Prozent.

Wandern wir die Reichtumspyramide noch weiter nach oben, zu den etwas mehr als 120.000 Ultra-Reichen mit einem Netto-Finanzvermögen von 50 Millionen US-Dollar aufwärts, ändert sich an der regionalen Konzentration wenig. Die Hälfte lebt in Nordamerika, ein Viertel in Europa. In absoluten Zahlen liegen die USA mit 58.900 weit vorne, das sind sechsmal so viele wie in China, dem Zweitplatzierten, gefolgt von Großbritannien und Deutschland mit um die 5.000 Superreichen.

Hongkong, Taiwan, Korea und insbesondere China sind die „Aufsteiger“. Das Wirtschaftswachstum geht insbesondere in China mit schnell wachsender Vermögensungleichheit einher. Sie liegt jedoch immer noch unter den Werten der westlichen Länder. Die Gründe dafür finden sich in der Geschichte des Landes: in der bis zur Öffnung beinahe gänzlichen Abwesenheit von vererbtem Vermögen und der egalitären Verteilung von Land. Der Sprung nach oben ist allerdings ein gewaltiger innerhalb kurzer Zeit: Besaß das Top-Dezil, also das oberste Zehntel der Vermögensbesitzenden, 1995 31 Prozent des Netto-Gesamtvermögens, waren es sieben Jahre später bereits 41 Prozent. Heute sind es 65,7 Prozent. Der Anteil der beiden untersten Dezile sank im Gegenzug von 5,8 Prozent (1995) auf 2,8 Prozent (2002) und liegt heute bei 1,5 Prozent.

Weltkarte der Vermögensungleichheit

Wenn wir von vermögensreichen Individuen zur globalen Geografie der Vermögensverteilung wechseln, welche Trends werden sichtbar? Um diese zu erfassen kreierten die ÖkonomInnen der United Nations University (UNU-WIDER) „globale Dezile“. Darauf aufbauend identifizierten sie die Anzahl der erwachsenen Individuen in jedem Vermögens-Dezil und das Land, aus dem sie stammen. Ihre Schätzungen darüber, wie sich das weltweite private Nettovermögen auf „globale Dezile“ verteilt, veröffentlichen sie unter anderem im Credit Suisse Databook.

Die Weltkarte der Vermögensverteilung zeigt ein ausgeprägtes Nord-Süd-Gefälle. Zwei Drittel der Menschen in den ärmsten Dezilen leben in Asien und Afrika. Das Netto-„Vermögen“ des untersten globalen Dezils beträgt minus 750 US-Dollar. Etwa ein Viertel aller Menschen in den unteren Dezilen 1 bis 4 sind InderInnen – wiewohl aufgrund seiner hohen Vermögensungleichheit und des hohen Weltbevölkerungsanteils auch eine bemerkenswert große Anzahl an Personen in den oberen Dezilen zu finden ist. Mehr als 40 Prozent aller Erwachsenen in Afrika gehören den beiden niedrigsten Vermögensdezilen an. Sie nennen möglicherweise eine Hütte oder ein Stück Land ihr Eigen. Auch dort gibt es Reiche, wenngleich wenige im Vergleich zu den anderen Weltregionen: Das Credit Suisse Databook verzeichnet 29 MilliardärInnen in Afrika.

China dominiert die globale obere Mitte. Darin finden der Bevölkerungsreichtum und der steigende allgemeine Wohlstand des Landes seinen Ausdruck – wiewohl der Lebensstandard der globalen Mitte wenig mit dem zu tun hat, was hierzulande in soziokultureller und materieller Hinsicht gemeinhin unter „Mittelschicht“ verstanden wird.

Auf der anderen Seite der Vermögensverteilung, in den reichsten Dezilen, leben zu zwei Drittel vermögensreiche Menschen aus Europa und Nordamerika (USA und Kanada), obwohl sie nur 18 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung stellen: 63 Prozent sind es im obersten Dezil, ihr Anteil unter den Top-1-Prozent ist noch höher. Unter den ärmsten finden sich auch Personen, die in Europa und Nordamerika leben. Es fällt auf, dass Nordamerika polarisierter ist als Europa, also im Vergleich mit Europa in den mittleren Dezilen viel schwächer vertreten ist als am oberen und am unteren Rand der globalen Vermögensskala.

Die enorme Polarisierung  zwischen Nord und Süd in Bezug auf Vermögen – und das heißt auch in Bezug auf Einkommen und Lebenschancen – wird deutlich, wenn wir die globalen Medianwerte für Vermögen betrachten. Das globale Medianvermögen pro Erwachsenem beträgt 3.641 US-Dollar. In anderen Worten: Mit einem Nettovermögen von 3.641 US-Dollar gehört man im Weltmaßstab zur oberen Hälfte der VermögensbesitzerInnen.

Kolonialität der Macht

Die Vermögenskonzentration im globalen Norden bringt ein historisches und fortgesetztes Machtverhältnis zum Ausdruck, das die Entwicklungschancen in armen Weltregionen erschwert. Die Verfügungsgewalt über Kredite und Wechselkurse, Landnutzung und Ressourcenverbrauch, Zollregime und Steuern, Produktionsstätten und Sicherheit ist im globalen Norden konzentriert. Die dort beheimateten Institutionen, Konzernzentralen und vermögenden Individuen besitzen die Macht, diese Strukturen den eigenen Interessen gemäß zu formen. Folgeschäden des Ressourcenverbrauchs und schlechte Arbeitsbedingungen werden tendenziell ausgelagert.

Ein Beispiel dafür ist Oleg Deripaska, Vertrauter Putins und mit einer Enkelin Boris Jelzins verheiratet, der mit seinen Rohstoffkonzernen eine aggressive Expansionspolitik in Afrika fährt. Er erwarb etwa die beiden größten Bauxitminen und Alluminiumschmelzen in Guinea, um sie bald darauf, nicht zuletzt aufgrund von ArbeiterInnen-Unruhen, stillzulegen. Ein anderes Beispiel ist Amancio Ortega, die Nummer 2 der aktuellen Forbes-Liste der Milliardäre, der in seinem Textilkonglomerat („Zara“) nicht nur Massenware, sondern auch hochwertige Fast Fashion zu Billiglöhnen in Bangladesch fertigen lässt. Aber auch Apple hat seit der Selbstmordserie bei seinem Zulieferer Foxconn im Jahr 2010 wenig unternommen, um die Arbeitsbedingungen in den Fertigungsfabriken in China zu verbessern.

Macht- und Reichtumskonzentration destabilisieren Gesellschaften. Das trifft auch auf die Weltgesellschaft zu. Das strukturelle Ungleichgewicht im globalen System schafft geopolitische, ökologische und soziale Konflikte in der Ferne, die spürbar näherrücken. Sie werden zu einem politischen Faktor in reichen Ländern werden.

Karin Fischer arbeitet zu Nord-Süd-Fragen am Institut für Soziologie der Johannes Kepler Universität Linz.

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