#Reichenhetze: Das Internet erklärt Sebastian Kurz, wie Rassismus funktioniert

Foto: twitter

Als Bundeskanzler Sebastian Kurz im deutschen Fernsehinterview meinte, „Hetze gegen Reiche“ sei genauso schlimm wie Rassismus (und deshalb sei die Koalition mit der rechtsextremen FPÖ eh okay – nein, wir haben die Logik dahinter auch nicht ganz verstanden), hatte eine Twitter-Userin eine Idee:

Es war nicht peinlich, es hat hingehaut. Und dazu geführt, dass Menschen in tausenden Tweets und Facebook-Postings ihre Erfahrungen mit alltäglichem Rassismus in die Öffentlichkeit tragen.

Die Geschichten, die unter dem Hashtag #reichenhetze zu lesen sind, machen traurig und wütend. Viele, die selbst nicht von Rassismus betroffen sind, können kaum glauben, wie weit verbreitet alltägliche Diskriminierungen, Verletzungen und Kränkungen sind. Alle anderen wissen es sehr gut, weil sie es ein Leben lang am eigenen Körper erleben. Viele Postings und Tweets beginnen mit „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll“, oder enden mit „Ich könnte den ganzen Tag so weitermachen“.

Aber die Geschichten, die unter #Reichenhetze erzählt werden, sind nicht nur traurig und verstörend. Sie sind für jene, die Rassismus nicht am eigenen Leib verspüren, eine Gelegenheit zu lernen. Dafür müssen sie aber auch hinhören, wenn diejenigen sprechen, die sich auskennen.

1. Rassismus heißt, dass Menschen fremd gemacht werden

Rassismus diskriminiert nicht einfach „Fremde“. Sondern er bestimmt, wer oder was als fremd in einer Gesellschaft gilt. Eine weiße Person aus Frankreich oder Schweden kann von Rassismus in Österreich recht unbehelligt bleiben. Ein Mensch, der hier geboren und aufgewachsen ist, bekommt dagegen die volle Ladung Rassismus ab, wenn er die „falsche“ Haut- oder Haarfarbe hat, den „falschen“ Akzent spricht oder der „falschen“ Religion angehört.

2. Das Fremd-machen passiert auch, wenn es nicht böse gemeint ist

Die Botschaft des Rassismus ist: Du gehörst hier nicht her, du gehörst nicht zu uns. Sie wird auch in Fragen oder Kommentaren transportiert, die für jene, die davon nicht betroffen sind, harmlos erscheinen mögen. Sie kann sich in einem Lob verstecken („Du kannst aber gut Deutsch!“), in einer „unschuldigen“ Frage („Wo kommst du eigentlich her?“) oder in einem vermeintlichen Witz. Doch die Botschaft bleibt – rassistisch.

3. Rassismus bedeutet, dass du aussortiert wirst…

Rassismus bleibt nicht beim Fremdmachen stehen. Sondern er führt dazu, dass den Einen bestimmte Orte verschlossen bleiben, die den Anderen ganz selbstverständlich offen stehen. Klassisches Beispiel: Lokale, Discos und Clubs.

4. …und weniger Chancen im Bildungssystem hast.

Im österreichischen Bildungssystem entscheidet die Frage, in welche Schule du im Alter von zehn Jahren kommst, über deine Chancen im Berufsleben. Rassismus bedeutet auch, dass fremd gemachten Kindern weniger zugetraut wird, sie weniger gefördert oder gleich in eine Sonderschule gesteckt werden.

Die schwarz-blaue Regierung plant übrigens, die Trennung durch die Einführung von eigenen “Deutschklassen” noch zu verschärfen.

5. Rassismus schafft eine Kultur des Verdachts…

6. …und einen Zwang zur Rechtfertigung

7. Rassismus bedeutet Gewalt und Erniedrigung im Alltag

Wer es nicht selbst erlebt, versteht das Ausmaß des Rassismus nicht. Viele Berichte erzählen von Gewalterfahrungen, die nur jene kennen, die fremd gemacht werden.

Musliminnen berichten davon, dass sie sich Strategien zurechtlegen müssen, um der Gewalt zu entkommen.

ÖsterreicherInnen berichten, dass sie auf der Straße angespuckt, beschimpft und beflegelt werden.

8. Im Rassismus ist die Vernichtung angelegt. Es geht um Leben und Tod.

Der deutsche Rassismusforscher Wulf D. Hund hat einmal geschrieben, dass der Rassismus „unterschiedliche Grade des Menschseins“ behauptet. Die #Reichenhetze-Berichte bestätigen ihn. Immer wieder tauchen Erzählungen auf, in denen klar wird: Es geht um nicht weniger als den Wert des Lebens. Wenn bestimmte Leben weniger wert sind, kann der Tod der Minderwertigen in Kauf genommen werden – oder gleich ersehnt.

9. Rassismus will stumm und unsichtbar machen

Wer nicht dazugehört, soll auch nicht wahrgenommen werden. Auch wenn fremd gemachte Sprachen nicht direkt verboten werden, ist der Effekt der alltäglichen Erniedrigungen, dass ihre SprecherInnen zumindest in der Öffentlichkeit verstummen.

Schon alleine deshalb sind die #Reichenhetze-Berichte so wichtig. Weil sich Fremdgemachte das Wort nehmen und die „Diskurshoheit“ beanspruchen.

10. Wir können etwas gegen Rassismus tun

Die Lawine an rassistischen Grausamkeiten, die hier ans Online-Licht kommen, macht nicht sonderlich zuversichtlich. Doch scheinen darin auch Möglichkeiten auf, wie es anders gehen kann.

Die wichtigste Botschaft der #Reichenhetze an alle, die nicht selbst von Rassismus betroffen sind, lautet: Hinsetzen und zuhören! Wenn du den Impuls verspürst, zu sagen: Ist doch alles gar nicht so schlimm, dann lies dir die Berichte nochmal in Ruhe durch und versuche, dich in die geschilderten Situationen hineinzuversetzen.

Wie man es nicht macht, zeigt Heimo Lepuschitz, ehemaliger Sprecher des BZÖ und Twitter-Alphamännchen:

Was man tun kann, ist: Von Rassismus betroffene FreundInnen und KollegInnen ermutigen und unterstützen. Zuhören und lernen, was Rassismus in unserer Gesellschaft anrichtet. Widersprechen, wenn jemand von uns fremd gemacht wird. Einschreiten und Zivilcourage zeigen, wenn jemand rassistisch angemacht wird.

Wenn ihr rassistische Übergriffe beobachtet, wendet euch an Dokumentationsstellen wie Zara, die Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen oder die Dokustelle Islamfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus.

Und im Alltag hilft es manchmal schon, wenn man einfach kein Arschloch ist und freundlich bleibt.

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