Rassismus in der NFL: Die Wut von Eric Reid und Colin Kaepernick

Lucina M.

Im Sommer 2016 begann Colin Kaepernick mit seinem Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA. Wenig später solidarisierte sich Eric Reid. Beide verloren ihre Jobs. Jetzt hat Reid wieder ein Team gefunden – und ist noch immer wütend.

Für einen Moment kannte Eric Reids Wut keine Grenzen mehr. Unmittelbar nach dem Münzwurf vor dem American-Football-Spiel zwischen den Carolina Panthers und den Philadelphia Eagles am vergangenen Wochenende ging Reid seinen Gegenspieler Malcolm Jenkins an. Noch bevor das Spiel begonnen hatte, kam es zwischen den beiden zu einer körperlichen Auseinandersetzung. Reids Teamkollegen von den Panthers mussten ihn zurückhalten, den Zorn in seinen Augen konnten sie nicht verstecken. Dabei sind Jenkins und Reid einst Seite an Seite gestanden.

Brüder im Geiste

Alles hatte im Sommer 2016 angefangen. Damals begann Colin Kaepernick, Quarterback bei den San Francisco 49ers, während des Abspielens der Hymne vor den Spielen sitzenzubleiben und nicht wie seine Mannschaftskollegen und die ZuschauerInnen im Stadion zu stehen. „Ich werde erst dann wieder stehen, wenn die Hymne und die Fahne dieses Landes alle Leute in diesem Land repräsentiert“, sagte Kaepernick damals. „Jetzt tun sie das nicht.“

Den Rassismus in der Gesellschaft und speziell die Polizeigewalt gegen Schwarze nannte er als Hauptgründe für seinen Protest. Andere Spieler schlossen sich Kaepernick an. Einer der ersten war sein guter Freund und Teamkollege Eric Reid. Gemeinsam begannen sie, während der Hymne an der Seitenlinie zu knien und nicht mehr nur auf der Bank zu sitzen.

„Nehmt diesen Hurensohn vom Platz“

Die Proteste schwappten über. Erst auf andere Mannschaften in der Footballliga NFL, in der Stars wie Brandon Marshall und Martellus Bennett sich dem Protest anschlossen. Dann auch auf andere Sportarten – Profifußballerin Megan Rapinoe kniete vor den Spielen ihrer Seattle Reigns. Im Sommer 2017 beteiligte sich in der NFL erstmals ein weißer Spieler, Seth DeValve, an den Protesten.

Im Oktober schrieb Ligachef Roger Godell einen offenen Brief: „Wie viele unsere Fans glauben auch wir, dass jedeR sich für die Hymne erheben sollte“. Protest wäre zwar ein gutes Recht und über die Themen könnte man ja sprechen, aber diese Form des Widerstandes würde ein „ehrliches Gespräch darüber verunmöglichen.“ US-Präsident Donald Trump, der wenige Monate nach Beginn der Proteste ins Amt gewählt wurde, war da direkter: „Wäre es nicht toll, wenn ein Klubeigentümer einfach zu einem dieser Demonstranten sagen würde: ‚Nehmt diesen Hurensohn vom Platz, ich werfe ihn auf der Stelle raus.‘“

„Sacrifice Everything“

Und tatsächlich: Colin Kaepernick, der den Protest ins Rollen gebracht hatte, war bald darauf seinen Job los. Im Frühjahr 2017 wurde er von den 49ers, die er fünf Jahre davor noch in den Super Bowl geführt hatte, entlassen. Danach wollte ihn kein NFL-Team mehr unter Vertrag nehmen. Während andere Quarterbacks, die weit weniger talentiert waren als er, hochdotierte Verträge bekamen, blieb Kaepernick arbeitslos. Im November 2017 verklagte er die NFL. Kaepernicks Vorwurf: Die Eigentümer der Klubs, fast ausschließlich weiße Milliardäre, würden alles daran setzen, dass er keinen Job mehr finde. Solange er gegen Rassismus demonstriere, könne er in der Liga keinen Job finden. Ein Urteil steht noch aus.

Im September 2018 nahm Nike Kaepernick unter Vertrag, er wurde zu einem Testimonal. „Believe in something. Even if it means sacrificing everything“, steht auf dem Sujet des Sportartikelherstellers, in dessen Hintergrund Kaepernick zu sehen ist.

Ausgestreckte Hände

Während die NFL Kaepernick mit harter Hand behandelte, reichte sie einigen Spielern die andere. Malcolm Jenkins, der Spieler der Philadelphia Eagles, der letzten Sonntag Eric Reids Wut abbekommen hat, wurde zum Sprachrohr jener, die auf einen Dialog mit den Ligabossen setzten. Mit anderen Spielern gründete er die „Players Coalition“ und setzte sich an den Verhandlungstisch. Es kam zu einem Kompromiss: Über sieben Jahre hinweg sollte die NFL insgesamt 89 Millionen Dollar in Projekte für marginalisierte Jugendliche investieren. Zum Vergleich: Im Jahr 2017 setzte die NFL rund 14 Milliarden Dollar um.

Diese Entscheidung bringt uns zurück zu Eric Reid, der ursprünglich auch Teil der Coalition war. Er verließ sie im Streit und meinte, die Coalition hätte sich, um das Geld zu bekommen, verpflichtet, mit den Protesten aufzuhören. „Malcolm hat uns in die Irre geführt“, sagte Reid damals. „Er war nicht ehrlich zu uns.“

Am Ende steht die Wut

Am vergangenen Sonntag sahen sich Jenkins und Reid also wieder. Reid, der bis Ende September arbeitslos war, und Jenkins, der mit den Eagles im Februar den Super Bowl gewonnen hatte. „Er hat unsere Ideale verkauft“, sagte Reid nach dem Spiel. Malcolm Jenkins, der einst seine rechte, geballte Faust in die Luft streckte, tut das heute nicht mehr. Für Eric Reid geht der Protest weiter. Seit er wieder ein Team gefunden hat, kniet er wieder während der Hymne.

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