Als ich letzten Sonntag in Vorfreude auf die Parade irgendetwas posten wollte, etwa mittelmäßigen Pop aus dem Hause RuPaul, wurde ich von meinem Facebookfeed erschlagen. Das ist ein Versuch, Gedanken, Statements und Gefühle, zu den Ereignissen in Orlando, einzufangen. Diese Gedanken drehen sich um die Fragen: Wie sollen wir, als Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle und alle anderen, die nicht in die heteronormative Vorstellung von Körper, Liebe, Begierde und Identität passen, unter diesen Umständen heute eine Parade feiern? Was haben die Morde in Orlando mit dem Alltag zu tun?

Orlando und die weiße, hetero Mehrheitsgesellschaft

Gerade sehen wir uns wieder mit der elendigen Debatte konfrontiert, die schockierenderweise die tatsächliche Dramatik der Morde in Orlando überschattet. Die weiße, hetero Mehrheitsgesellschaft sinniert wieder mal über Terror, „den Islam“, einen vermeintlichen Anschlag auf die gesamte USA oder gar der „westlichen Welt“ mit ihren hochgelobten „Werten“. Dazu gibt es allerdings viele kluge, ehrlich betroffene und progressive Beiträge zu Orlando. Daher spare ich mir meinen Kommentar und gebe hier lediglich eine Empfehlung ab. BlackLiveMatters beispielsweise hat einen lesenswerten Beitrag gebracht, in dem betont wird, dass die Hasstat hausgemacht ist und wie wichtig es ist gleichzeitig gegen white supremacy, das Partriachat, Kapitalismus und Militarismus zu kämpfen. Auch Yaz Shaquifs Post ist empfehlenswert: Sie verdeutlicht, wie unangemessen und falsch sich so manche Heteros verhalten und hebt nochmals die Mehrfachdiskriminierung hervor, die Muslim_innen erfahren müssen. Viele coole Menschen haben in den letzten Tagen noch mehr Kluges zusammengeschrieben, das ist sicherlich nur eine kleine Auswahl (vielleicht verirren sich noch mehr Beispiele in die Kommentaren?). Fakt ist: Wir können nicht oft genug betonen, wer angegriffen wurde und woher der Angriff kam.

Dieser Angriff kommt nämlich mitten aus unserer weißen, heteronormativen „Mehrheitsgesellschaft“. Und dieser Angriff richtet sich gegen die „queeren“. Und bei „queer“ geht es in diesem Fall nicht nur um die sexuelle Orientierung oder die Körperidentität. Es geht um Hautfarbe, Sprache, „Kultur“. Daher ist es auch eine grobe Missachtung, wenn, wie gegenwärtig, von einem Angriff auf „uns alle“ (ja, wer soll denn alle sein?) gesprochen wird.

Ortswechsel nach Österreich

Bei der Regenbogenparade heute in Wien nehmen sich Menschen aus den verschiedenen LGBTQ+ Communities das Recht heraus, offen, kämpferisch und laut auf die Straße zu gehen. Währenddessen formiert sich auch dieses Jahr eine Gruppe Reaktionärer und Rechter, um – zugespitzt gesagt – die strukturelle, allgegenwärtige und hasserfüllte Diskriminierung gegenüber LGBTQ+ ebenfalls auf die Straße zu tragen. Groß wird diese Veranstaltung erfahrungsgemäß nicht sein. Das muss sie aber auch nicht: Ihr Geist, ihre Ambitionen und ihr Hass sind fest verankert in der österreichischen Gesellschaft. Ungeachtet dessen, wie ich zur Ehe im Allgemeinen stehe, ist es für den österreichischen Staat immer noch eine zu große Überwindung, diese auch für homosexuelle Paare zu öffnen, geschweige denn die Einteilung von Menschen in „Mann“ und „Frau“ überhaupt infrage zu stellen. Letzteres würde übrigens auch  das „Problem“ Homo-Ehe lösen. Hass gegen LGBTQ+-Personen ist allgegenwärtig, äußert sich etwa in der Sprache, in dummen Kommentaren oder Blicken bei Pärchen, die nicht in den Heteroblick passen; In der „Akzeptanz“ lesbischen Sex‘, wenn er in einem Porno und/oder um männliche Begierde zu befriedigen stattfindet. Letzten Endes gipfelt dieser Hass, wie wir vergangenes Wochenende erfahren mussten und immer wieder erfahren – auch während der Regenbogenparade in Österreich –, in roher Gewalt.

Party statt Politik?

Angesichts der himmelschreienden Missstände, mit welchen wir uns tagtäglich herumschlagen müssen, der offenen Homo- und Transphobie, die uns ständig entgegenschlägt und nicht zuletzt angesichts der 49 Toten Brüder* und Schwestern* stellt sich die Frage, ob es überhaupt angebracht ist, auf der Parade zu „feiern“. Auch ich habe die letzte Woche eingehend darüber nachgedacht. Ich habe mich entschieden an diesem Tag mit vielen tollen Menschen auf die Straße zu gehen und einerseits zu feiern. Ja, die Parade bleibt auch ein Ort des Feierns und des Kräfte Sammelns. Wir feiern nicht die Gesellschaft in der wir leben, sondern feiern unserer selbst wegen. Andererseits, gehe ich raus um zu kämpfen. Denn tatsächlich geht es und ging es in der Parade immer schon auch um eines: um den Kampf. Solange es für Aufregung sorgt, so zu sein, wie mensch ist und solange sich ein Haufen Fundamentalist_innen und Rassist_innen bemüßigt fühlt, gegen LGBTIQ+ hinauszugehen, solange LGBTIQ+ Menschen ermordet werden, solange bleibt die Parade ein kämpferischer Akt. Und eines darf dabei keinesfalls ignoriert werden: die Parade ist nicht widerspruchsfrei. Gerade als Frau*, die eine klassenlose Gesellschaft erkämpfen möchte, fallen diese Widersprüche auf. Und die „Community“ ist nicht frei von Diskriminierung und Ausschlüssen. Wir müssen daher heute auch gegen diese Widersprüche kämpfen!

Eine Aktivistin*.

* wird verwendet, um die Konstruktion von Frauen* und Männern* hervorzuheben und auf die vielen verschiedenen Geschlechtsidentitäten hinzuweisen.

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