Wir solidarisieren uns: 9 Stimmen gegen die Schließung der ÖGB-Buchhandlung

Foto: wikimedia commons

Die Wiener ÖGB-Buchhandlung soll schließen. Doch das darf auf keinen Fall passieren, denn damit verliert die Stadt einen wichtigen Ort des kritischen Diskurses.

Diese Nachricht sorgte in den vergangenen Tagen für Unverständnis und Entsetzen: Spätestens Ende Mai nächsten Jahres soll die ÖGB-Fachbuchhandlung in Wien schließen. Das Geschäft mit Büchern sei nicht profitabel genug, so die Begründung der Geschäftsführung. Nun bangen sechs Mitarbeiter*innen um ihre Jobs. Im Moment äußern sie sich nicht öffentlich, denn sie fürchten negative Konsequenzen.

Über 2000 Menschen haben bereits eine Petition für den Erhalt der Buchhandlung unterschrieben. Auf mosaik erklären sich Buchhändler*innen, Gewerkschafter*innen und Wissenschafter*innen solidarisch und begründen, warum es die ÖGB-Buchhandlung unbedingt weiterhin braucht. Und warum es dabei um viel mehr als „nur” den Verkauf von Büchern geht.

Axel Magnus, Betriebsratsvorsitzender

Axel Magnus

„Gewerkschaft braucht Bildung, Diskussion, einen Ort der Auseinandersetzung, der kritischen Geistern offensteht. Außerdem braucht Gewerkschaft vor allem einen Ort, an dem sie ohne Kompromisse mit anderen Veranstaltungsorten ihre eigenen Analysen vorstellen kann. All das bietet die ÖGB-Fachbuchhandlung seit vielen Jahren – in bester Lage. Diese Leistungen können nicht in Geld bemessen und dürfen schon gar nicht aus finanziellen Gründen geopfert werden.“

Axel Magnus ist Betriebsratsvorsitzender der SDW und Aktivist bei den SozialdemokratInnen und GewerkschafterInnen gegen Notstandspolitik

Pablo und Steffi, Buchhändler*innen

Pablo und Steffi

„Die ÖGB-Buchhandlung zu schließen, kann nur als Fehlentscheidung bezeichnet werden. Als langjährige Gewerkschaftsmitglieder sind wir solidarisch mit den Kolleg*innen und fordern die Gewerkschaftsführung auf, von diesem Plan abzurücken. Denn dieser unverzichtbare Ort der Wissensvermittlung, der kritischen Auseinandersetzung und der solidarischen Debatte muss weiterexistieren. Wien braucht mehr linke Buchhandlungen, nicht weniger!“

Pablo und Steffi leiten die Buchhandlung Librería Utopía in Wien

 

Birgit Sauer, Wissenschaftlerin

Birgit Sauer

„Ein gesellschafttransformierendes Projekt (einer sozialen Bewegung, einer Partei oder der Gewerkschaft) braucht nachhaltiges Wissen, braucht Wissensspeicher. Und Bücher sind solche Wissensspeicher, die Wissen erhalten, weitertragen, so dass über Wissensbestände diskutiert werden kann. Die Buchhandlung des ÖGB ist ein solcher Wissensspeicher. Sie ist ein sehr gut sortierter Fundus für transformatorisches Wissen – auch in Geschlechterfragen, denen mein wissenschaftliches Arbeiten gilt. Nur wer der Meinung ist, dass es kein Wissen, keine Gesellschaftsveränderung, keine Geschlechtergleichheit braucht, kann auf die Idee kommen, die ÖGB-Buchhandlung zu schließen.“

Birgit Sauer ist Professorin am Institut für Politikwissenschaft an der Uni Wien

Selma Schacht, Betriebsratsvorsitzende und AK-Rätin

Selma Schacht
Foto: KOMintern/DLang

„Es ist ein Skandal, für den nicht nur der ÖGB-Verlag, sondern der ÖGB selbst verantwortlich zeichnet – und nun auch die Verantwortung übernehmen muss, die Schließung zu stoppen! Zwar hat unsere fraktionsübergreifende Petition in wenigen Tagen tausende UnterstützerInnen bekommen. Aber das wird nicht reichen und auch nicht die einzige Form einer ganzen Palette an Auseinandersetzungsmitteln bilden. Massiver Druck von unten, von den Gewerkschaftsmitgliedern, von den Betriebsrät*innen, von den Fachgewerkschaften wird notwendig sein. Denn die Gewerkschaft ist kein Unternehmen, sondern eine politische Organisation, und darf deshalb nicht rein betriebswirtschaftlich, sondern muss nach politisch-inhaltlichen Kriterien entscheiden. Und da ist klar: Die einzige Gewerkschaftsbuchhandlung mit zudem linkem Antiquariat und rege genutztem Veranstaltungslokal in Österreich muss in Form und Inhalt erhalten bleiben!“

Selma Schacht ist Betriebsratsvorsitzende bei „Bildung im Mittelpunkt GmbH“ und AK-Rätin der KOMintern.

Kurt Lhotzky, Buchhändler

Kurt Lhotzky
 

„Die ÖGB-Fachbuchhandlung muss bleiben! Denn mit der Schließung der Buchhandlung würden Gewerkschaftsmitglieder und Betriebsrät*innen (aber nicht nur sie) einen Ort der Begegnung und intellektuellen „Aufrüstung“ verlieren. Am Beginn der Arbeiter*innenbewegung stand auch das Ringen um Bildung. Im Statut des ÖGB ist der Bildungsauftrag der Gewerkschaften verankert. Und eine ÖGB-Führung, welche die politisch wichtige Buchhandlung schließen will, zeigt mit diesem Beschluss ein eigenartiges Verständnis der eigenen Geschichte und des eigenen Leitbilds. Deswegen muss der Kampf der Gewerkschaften um jeden Arbeitsplatz in der Rathausstraße beginnen.“

Kurt Lhotzky leitet die Buchhandlung “Lhotzkys Literaturbuffet” in Wien und ist GPA-Mitglied

Susi Haslinger, Gewerkschafterin

„Die ÖGB Buchhandlung ist nicht einfach ein „Buchhandel“. Sie ist eine zentrale Bildungseinrichtung in Hinblick auf die eigene Gewerkschafts- und Arbeiter*innengeschichte, Arbeitsrecht, politische Bildung und so vieles mehr. Außerdem ist sie Begegnungsort, Veranstaltungs-, Vernetzungs- und Diskussionsort. Eine Gewerkschaft, die meint darauf verzichten zu können, verzichtet nicht nur auf das gedruckte Buch, sondern auf alles, wofür dieses je gestanden hat. Eine solch kurzsichtige Handlungsweise wird sich bitter rächen.“

Susi Haslinger ist in der Produktionsgewerkschaft (PRO-GE) für Sozialpolitik und Grundlagenarbeit zuständig.

Boris Ginner, Vorsitzender Sektion Z

Boris Ginner

„Es ist schmerzlich mit anzusehen, wenn die Arbeiter*innenbewegung gesellschaftlichen Einfluss einfach aufgibt – ein nachhaltiger Schaden, der nicht einfach reparierbar ist. Schließlich ist die ÖGB-Fachbuchhandlung mehr als „nur” eine Buchhandlung. Sie ist eine gut sichtbare und zentral gelegene Institution des Diskutierens, der Lektüre und spannender Veranstaltungen. Die Gewerkschaft, aus den Arbeiter*innenbildungsvereinen hervorgegangen, darf sich so einer Einrichtung (und damit so eines Einflusses) nicht selbst berauben. Die ÖGB-Fachbuchhandlung muss bleiben!“

Boris Ginner ist Vorsitzender der Sektion Z für Zuagraste/Zugewanderte in der SPÖ Rudolfsheim-Fünfhaus

Sandra Stern, Erwachsenenbildnerin

Sanda Stern

„In Zeiten in welchen der ÖGB sagt: ‘Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz’ ist die Schließung der Fachbuchhandlung doppelt zynisch – und die Prioritätensetzung schlicht falsch! Vor dem Hintergrund, dass zu recht immer mehr Kritik an Online-Riesen wie Amazon plus dazugehöriger Logistikbranche laut wird, wäre die Investition in lokale Buchhandlungen mehr als sinnvoll. Außerdem sehen wir, es ist eine relativ krisensichere Branche. Abgesehen davon sollten wir aber auch in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit über den Tellerrand hinausschauen.

Und wir sollten uns die grundsätzliche Frage stellen: Welche Strategien brauchen wir als Gewerkschaften in der Corona-Krise? Was müssen Betriebsrät*innen und Beschäftigte etwa in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder in der 24-Stunden-Betreuung aktuell wissen und können, um sich gegen die ständigen Kürzungen im Gesundheitsbereich zu wehren? Wie kann eine solidarische Gesellschaft jenseits von kurzfristiger Profitmaximierung, Ausbeutung und Umweltzerstörung aussehen? In der Fachbuchhandlung findet man auf diese Fragen einige Antworten in zig Büchern, bei zahlreichen Veranstaltungen und etlichen Kolleg*innen, die sich darüber jeden Tag Gedanken machen.“

Sandra Stern ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der FORBA, Erwachsenenbildnerin beim Bureau für Selbstorganisierung und selbstständige Organizing-Trainerin

Werner Drizhal, langjähriger Gewerkschaftssekretär

Werner

„Vom geheimen Leseraum im 19. Jahrhundert bis zur heutigen Fachbuchhandlung: Bücher und Bildung sind für eine starke Arbeiter*innenbewegung enorm wichtig! Und die ÖGB- Buchhandlung steht für gewerkschaftliche, linke und fortschrittliche Interpretation der Arbeitswelt. Es braucht diesen Raum, wo Bücher und Werke exklusiv erhältlich sind. Und wo darüber hinaus ein gesellschaftskritischer Diskurs zwischen Autor*innen und Leser*innen stattfindet.“

Werner Drizhal ist langjähriger Gewerkschaftssekretär und war zuletzt Leiter der Bildungsabteilung der GPA. Nun ist er in Altersteilzeit und Vorsitzender der “Roten Spuren – Verein zur Förderung von Arbeiter*innengeschichte”

 

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