Warum Lockdowns und Export-Stopps zu globalem Hunger führen

Foto: FIAN International

Die Maßnahmen, um die COVID-19 Pandemie zu bekämpfen, verschärfen weltweit die strukturellen Ursachen von Hunger und Mangelernährung. Hamsterkäufe und Exportstopps lassen die Preise für Grundnahrungsmittel ansteigen, der Reispreis erreicht Rekordniveaus. Warum Kleinbäuer*innen deswegen heute ihre Stimme erheben, erklären Lukas Schmidt und Julianna Fehlinger.

Millionen von Menschen demonstrieren heute, 17. April, gemeinsam mit La Via Campesina für die Rechte von Kleinbäuer*innen. Bleib zuhause, aber nicht leise, lautet der Slogan. Denn die Covid-19 Pandemie droht eine weltweite Ernährungskrise auszulösen, warnt der Welternährungsausschuss. Vielen Menschen war schon vor dem Ausbruch der Pandemie ein Zugang zu nahrhaften Lebensmitteln verwehrt.  Schon seit 2015 ist die Zahl der von Hunger betroffenen Menschen jedes Jahr gestiegen.

Kleinbäuer*innen produzieren den größten Teil der weltweit hergestellten Lebensmittel – und sind trotzdem besonders von Hunger bedroht. Oftmals erzielen sie nur ein geringes Einkommen, weil die Konkurrenz durch die industrielle Landwirtschaft die Preise massiv drückt. Ernteausfälle, die sich durch die Klimakrise mehren, können nicht abgepuffert werden. Auch die Verschuldung durch den Zukauf von Saatgut oder Düngemittel sind für viele Kleinbäuer*innen und ihre Familien existenzbedrohend.

Vor diesem Hintergrund protestieren heute Millionen Menschen weltweit. Sie weisen auf die globale Dimension von sozialer Ungleichheit hin, die die Codid-19 Pandemie auslöst, und verteidigen ihr Recht auf eine angemessene Ernährung.

Die kommende Hungerkrise

Das globale Ernährungsregime setzt auf Welthandel, um Armut und Hunger zu bekämpfen. In den letzten Jahrzehnten wurde diese Auffassung vor allem von der Welthandelsorganisation WTO durchgesetzt. Die Interessen transnationaler Konzerne werden durch Privatisierungen, De-Regulierungen und Handelsliberalisierungen bevorzugt. Über Jahrzehnte hinweg wurde die globalisierte Weltwirtschaft stärker arbeitsteilig organisiert.

Das Resultat ist ein strukturelles Ungleichgewicht: Viele Staaten des Globalen Südens produzieren hauptsächlich einige wenige Primärgüter oder landwirtschaftliche Produkte, die unter der Kontrolle transnationaler Konzerne exportiert werden. Gleichzeitig sind diese Staaten in der Regel von Lebensmittelimporten abhängig. Auch Saatgut, Düngemittel und Pestizide müssen oft von multinationalen Konzernen zu Weltmarktpreisen bezogen werden. Darüber hinaus sind Menschen mit geringem Einkommen proportional stärker von steigenden Weltmarktpreisen betroffen. Die ärmsten Menschen der Welt sind somit den unregulierten Vorgängen auf dem Weltmarkt besonders ausgesetzt und von Ernährungskrisen am stärksten betroffen. Zuletzt wurde dies während der Ernährungskrise 2007/2008 deutlich.

Die Gefahr ist groß, dass sich dieses Szenario wiederholt: Die Preise für Reis haben zuletzt ein 7-Jahreshoch erreicht. Der Maßstabspreis für eine Tonne Reis ist in Thailand zwischen Mitte März und Mitte April um 11,5 Prozent gestiegen. Auch die Preise für eine Tonne Weizen sind im Zuge der Pandemie an der wichtigsten europäischen Terminbörse für Getreide, MATIF, innerhalb eines Monats um mehr als 20 Prozent angestiegen (Stand 16.4.2020).

Denn Grundnahrungsmittel werden verstärkt nachgefragt und alle, die es sich leisten können, legen Vorräte an. Doch es sind nicht die Kleinbäuer*innen, die davon profitieren, stattdessen ist es die industrielle Landwirtschaft, die Supermärkte beliefert. Gleichzeitig zeichnet sich ein Preisverfall für andere Primärgüter ab. Wie im Falle von unverarbeitetem Kakao. Kleinbäuer*innen sind in diesem Fall doppelt betroffen: Während sich der Preis für importierte Grundnahrungsmittel drastisch erhöht, sinken die Einkommen aus dem Verkauf der eigenen Produkte.

Vom lock-down zum lock-out

COVID-19 verstärkt die bereits bestehende strukturelle Ungleichheit. Die Pandemie offenbart zwischenstaatliche Abhängigkeiten in einer neoliberal organisierten, globalisierten Weltwirtschaft. Und wie sie mit lokaler Ungleichheit verbunden sind. Der Staat bündelt Ressourcen zur Bekämpfung der Krankheit, Ausspeisungen und Lebensmittelspenden bleiben aus.

Bei einem Lockdown können Menschen mit geringen Einkommen keine Hamsterkäufe für mehrere Tage oder gar Wochen tätigen. Sie können nicht in ihren Wohnungen oder Hütten bleiben. Sie müssen sich stattdessen im öffentlichen Raum bewegen, um Geld für Lebensmittel für den nächsten Tag oder die nächste Woche zu besorgen. Bäuer*innen müssen zu den Märkten, um Geld zu verdienen. Der Lock-down wird für viele von Armut und Hunger betroffene Menschen damit zum Lock-out.

Die Staatsverschuldung erlaubt vielen Staaten des Globalen Südens keine milliardenschweren Hilfspakete für die lokale Wirtschaft. In den ärmsten Ländern der Welt ist die wirtschaftliche Krise keine Ausnahmesituation. Mit dem Lock-down und vielen anderen Maßnahmen versuchen wir Menschenleben zu schützen. Der Schutz der Rechte jener Menschen, die von Mangelernährung und Hunger bedroht sind, droht dabei ins Hintertreffen zu geraten.

Der gerechte Beitrag

In der aktuellen Krisenbearbeitung wird aber auch deutlich, welche umfassenden und raschen Veränderungen möglich sind, wenn Politik und Gesellschaft diese für wichtig erachten. Die Versuchung ist groß, sich primär um die Probleme im eigenen Umfeld und innerhalb der eigenen Staatsgrenzen zu kümmern. Es wäre jedoch zynisch, jetzt auf all jene zu vergessen, die das globalisierte, neoliberale Weltwirtschaftssystem ärmer gemacht hat.

Der gerechte Beitrag von Staaten des Globalen Norden sowie von Reichen in allen Teilen der Welt ist jetzt wichtiger denn je. Ein Schuldenschnitt ist unmittelbar nötig. Akute Hilfsprogramme, um eine Hungerkrise abzuwenden, müssen direkt finanziert werden, anstatt den betroffenen Staaten Kredite mit neoliberalen Auflagen aufzuzwingen.

Ernährungssouveränität der Gemeinschaften und Regionen muss als zentrale Orientierung für die Zukunft dienen. Viele Bauern und Bäuerinnen setzen bereits heute auf agrarökologische Methoden und entwickeln solidarische Handelsnetzwerke mit den Konsument*innen. Nur wenn regionale Versorgung gestärkt und bevorzugt wird, kann Ernährungssicherheit auch in Krisenzeiten gewährleistet werden. Ein zentraler Schlüssel liegt dabei in der fundamentalen Umgestaltung von internationalen Handelsabkommen, die in ihrer derzeitigen Form Profite von transnationalen Konzernen vor das Leben von Menschen stellen.

Veranstaltungshinweis: Aktuell läuft das Filmfestival zum Recht auf Nahrung Hunger.Macht.Profite online. Dokumentarfilme zeigen Zusammenhänge des Agrar- und Ernährungssystems auf und die Filmgespräche diskutieren Strategien, um nach der Covid-19 Pandemie ein demokratisches Lebensmittel- und Ernährungssystem zu gestalten.

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