Die „neue Gedenkkultur“, die Schwarz-Blau meint

Foto: Alejandro Matos

Im Gedenkjahr 2018 steht die KZ-Gedenkstätte Mauthausen im Blickfeld der nationalen und internationalen Öffentlichkeit. Schwarz-Blau will sie als Teil einer „neuen Gedenkkultur“ inszenieren. Was das bedeutet, machen Direktorin Barbara Glück und Staatssekretärin Karoline Edtstadler deutlich: Kritische Bezüge von der NS-Vergangenheit zur politischen Gegenwart sollen unter allen Umständen unterbunden werden. Ein Kommentar von Rudolf Paula.

Als Direktorin der Gedenkstätte Mauthausen fungiert Barbara Glück, die zuvor schon als Abteilungsleiterin im Innenministerium für die KZ-Gedenkstätte verantwortlich war. ÖVP-Seilschaften hievten sie in ihre aktuelle Rolle. Wie sie diese interpretiert, offenbarte sie kürzlich in einem Interview. Dass Innenminister Kickl Flüchtlinge in Lagern „konzentriert halten“ will, kommentiert sie mit: „Ich sehe mich als Geschichtsvermittlerin, nicht als Interpretin der aktuellen Innenpolitik“.

Die Gegenwart liegt im „Nahen Osten“

Dass sie einige Zeilen weiter oben im Interview mit flottem Wortspiel sagte, sie „gedenke, das Gedenken“ in die Zukunft zu richten, „indem wir uns den Herausforderungen der Gegenwart stellen“, nimmt sie offenbar nicht als Widerspruch dazu wahr. Die Gegenwart, von der sie sprechen möchte, ist aber auch nicht die österreichische. Vielmehr liegt sie für Glück im „Nahen Osten“ denn der dortige Antisemitismus sei in Wahrheit „unsere aktuelle Herausforderung“.

Konsequenterweise kamen von der KZ-Gedenkstätte unter Glücks Leitung bislang auch keinerlei Stellungnahmen zu den diversen „Einzelfällen“ rechtsradikaler Umtriebe in der österreichischen Innenpolitik.

Das große Nichts

Glück steht für das Abdriften des Erinnerns an den Nationalsozialismus und seine Folgen ins Nirwana der völligen Bedeutungsleere. Zumindest muss man zu diesem Schluss gelangen, wenn man dem einstündigen Interview folgt, das sie am 7. Februar der Ö1-Sendereihe „Punkt eins“ gab.

„Wir erzählen keine Systemgeschichte, sondern wir erzählen die Geschichte von Menschen“, sagt Glück dort. In der Vermittlung geht es dann darum, diese Lebensgeschichten mit denen heutiger RezipientInnen – den „jungen Menschen“, wie Glück sie nennt – in Einklang zu bringen.

Dann setzen sich Brillenträgerinnen mit der Geschichte von Brillenträgern auseinander und Schachspielerinnen mit der von Schachspielern. Und dann… ja, was dann eigentlich? Hier folgt das große Nichts.

„Dieses Thema“

Glücks blumige Erzählungen ihrer pädagogischen Erfahrungen enden stets an dem Punkt, wo sie eigentlich beginnen müssten. Es mag zwar pädagogisch sinnvoll sein, über Identifikationsmöglichkeiten einen individuellen Zugang zum Thema zu schaffen. Doch Glück geht – wohl nicht ganz ungewollt – vor lauter Sorge um den richtigen Vermittlungszugang das Vermittlungsziel abhanden.

So schafft sie es, in dem einstündigen Interview kein einziges Mal die Begriffe „Nationalsozialismus“ oder „Konzentrationslager“ zu verwenden, von „Faschismus“ ganz zu schweigen. Stattdessen spricht sie von „dieser Geschichte“, „diesem Thema“ oder einfach nur von „dem“, wenn es darum geht, den Gegenstand zu benennen.

Rechtsradikalismus nicht erkannt

Täter und Tätergesellschaften kommen in ihrer Gedankenwelt sowieso nicht vor. Ein vom Moderator bewusst verlesener, offen antisemitischer Leserbrief veranlasst Glück zu keinerlei eindeutiger Äußerung. Man möchte meinen, sie hätte dessen explizit antisemitischen Gestus nicht einmal als solchen erkannt.

Beinahe folgerichtig spricht sie sich dann auch implizit gegen das Verbotsgesetz aus, wenn sie gegenüber einem rechtsradikalen Anrufer sagt, sie halte nichts davon „Menschen vorzuschreiben, was sie zu denken haben“. Beinahe wortgleich agitierte zuletzt ein Abgeordneter der AfD in Deutschland gegen die Verlegung sogenannter „Stolpersteine“ in Erinnerung an vom Nationalsozialismus ermordete Menschen.

Der Volkswille als Richtschnur

Neben Glück ist Karoline Edtstadler für die KZ-Gedenkstätte Mauthausen zuständig. Die ÖVP-Staatssekretärin im blauen Innenministerium ist zudem auch beauftragt, Vorschläge für eine Strafrechtsreform zu erarbeiten. Im Kern geht es um Straferhöhungen, insbesondere für Sexualdelikte. Mit der Kritik führender StrafrechtsexpertInnen konfrontiert, berief sich Edtstadler auf die Bewahrung des „sozialen Friedens“.

Auf die Nachfrage, ob sie diesen denn in Gefahr sehe, antwortet sie: „Wenn man einigen Posts auch in sozialen Medien auf Berichte von sehr niedrigen Strafen folgt, dann muss man schon fürchten, dass das der Fall ist.“ Der in sozialen Medien von Trollen aufgeheizte „Volkswille“ ist also die Richtschnur für die Politik der schwarz-blauen Regierung. Härtere Strafen müssen her, weil „das Volk“ das so will.

Was soll man in der Gedenkstätte erfahren?

Als Ort der nationalsozialistischen Massenverbrechen und des Genozids steht Mauthausen als Monument dafür, was passieren kann, wenn zivilisatorische Mindeststandards von einem „gesunden Volksempfinden“ im Ausnahmezustand außer Kraft gesetzt werden. Auch Staatssekretärin Edtstadler sagte kürzlich, sie wolle, dass jeder Schüler und jede Schülerin in Österreich einmal Mauthausen besucht. Aber warum will sie das? Was glaubt sie, dass man dort erfahren sollte?

Die „neue Gedenkkultur“, die sie selbst, Glück und andere aus dem Umfeld der schwarz-blauen Regierung ersinnen, will Emotionalisierung statt Aufklärung; Individualisierung statt Gesellschaftskritik; Meinung statt Wissen; reden, ohne etwas zu sagen.

Zivilgesellschaftliches Korrektiv

Was bleibt angesichts dessen zu tun? Die „Zivilgesellschaft“ sollte gegen diese politisch motivierte Sinnentleerung der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte auftreten und ihre eigenen Debatten und Diskurse führen.

Diese sollten die Spuren des Nationalsozialismus in der Gegenwart ergründen. Im Idealfall wird sie so zu einem zivilisatorischen Korrektiv gegen die Ausrichtung am „Volkswillen“, für die diese schwarz-blaue Regierung steht.

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