Nestroy 2018: MeToo hat die Welt erschüttert, aber nicht Österreichs Theater

Manfred Werner

Der Nestroy-Preis ist die wichtigste Auszeichnung für Theaterschaffende in Wien. Heuer versuchte die Gala, Sexismus und Diskriminierung zu thematisieren, scheiterte aber an sich selbst. Ein Kommentar von Bérénice Hebenstreit über Sexismus am Theater.

Knapp ein Jahr nach der Regierungsangelobung verhält man sich auf dem österreichischen Theaterevent des Jahres, der Nestroy Gala, von Seiten der Veranstalter*innen sehr verhalten. Hin und wieder blitzt das Wort Demokratie auf, ein verschmitztes Lächeln, eine unklare Andeutung. Und schließlich doch noch der Verweis auf Linz, ohne jedoch die Kündigung des Theatervertrags durch die Stadt zu benennen. (Seit gestern gibt es dagegen eine Onlinepetition.)

An MeToo gescheitert

Dafür scheint es das Bemühen zu geben, dass es bei der Gala irgendwie mehr um Frauen geht – um Theaterfrauen. Es ist ein seltsames Bemühen, das ständig in sprachliche Fettnäpfchen und komische Witzchen stolpert. Der Abend wird mit der Kategorie „Beste Schauspielerin“ eröffnet, und in ehrlicher Anerkennung fallen dem Schauspieler Michael Maertens dann doch nur die Adjektive „wunderbar, sehr schön und jung“ über seine Kollegin und Preisträgerin Caroline Peters aus dem Mund.

Doch an einem Punkt des Abends wird es ernst: „Kein Thema hat die Welt so aufgerüttelt und wird, so Gott will, sie auch verändern“: MeToo. Maria Happel spricht all jenen Menschen Anerkennung aus, die den Mut hatten, über ihre Erfahrungen von Diskriminierung und sexualisierter Gewalt öffentlich zu sprechen. Und dann? Nacheinander kommen sechs Schauspielerinnen auf die Bühne und singen gemeinsam „You don’t own me“. Ein Lied als „Warnung an alle, die glauben, mit Machtmissbrauch und sexueller Nötigung davon zu kommen“. Der Moderator bedankt sich bei den „Ladies“ und das Thema ist vom Tisch. Wirklich jetzt?

Intakte Ordnung

Die Musikeinlage hinterlässt viele im Publikum irritiert zurück. Nicht nur wegen des Eindrucks, dass der Song und die erwünschte Wirkung nicht erzielte, sondern vor allem durch den nahtlosen Übergang in die nächste Komikeinlage der Moderatoren. MeToo hat vielleicht die Welt, aber scheinbar nicht die Ordnung des Theaters erschüttert. Die Ausübung sexueller Gewalt ist eine Machtgeste, die in hierarchisch organisierten Institutionen, wie es auch die Theater sind, keine tragische Ausnahme darstellt. Das heißt, um langfristig diesen Machtmissbrauch zu verhindern, müssen die patriarchal, hierarchischen Strukturen angegriffen und verändert werden. Macht zu demokratisieren heißt, sie zu verkleinern und besser zu verteilen. Es geht darum, jenen mehr Macht zu geben, die durch historisch gewachsene Strukturen weiterhin benachteiligt und dadurch auch unterrepräsentiert sind. Aber darum geht es an diesem Abend nicht.

Der Nestroy bleibt männlich…

Der österreichische Nestroy-Preis ist ein symbolischer Preis, Preisgelder gibt es keine. Allerdings birgt er kulturelles Kapital: Sichtbarkeit, Anerkennung und gerade für junge Theaterschaffende oft Jobangebote und den Sprung auf die große Bühne.

In diesem Sinn könnte die Nestroy-Jury dieses kulturelles Kapital nutzen, um dem bestehenden strukturellen Ungleichgewicht von Geschlecht im Theater tatsächlich entgegenzuwirken. Doch das passiert nicht. Die statistische Auswertung von 18 Jahren Nestroy-Preis zeigt: In den prestigeträchtigen Kategorien Bestes Stück, Regie und Lebenswerk sind Frauen massiv unterrepräsentiert. In 18 Jahren hat nur fünf Mal eine Frau den Preis für die Beste Regie gewonnen, drei Mal davon war es Andrea Breth. Damit ist Andrea Breth zwar die am meisten nominierte und ausgezeichnete Person in dieser Kategorie – es zeigt aber auch, dass sich ganz wenige Frauen die „Ausnahmeposition“ an der Spitze teilen.

In der Kategorie Bestes Stück haben in 18 Jahren drei Autorinnen und in der edelsten Kategorie des Lebenswerks drei Schauspielerinnen und das Team des Odeon-Theaters gewonnen. Unter den Männern hingegen, deren Leben zum Werk geadelt wurde, finden sich Schauspieler, Autoren und Regisseure.

…das Genie auch

Warum es bestimmte Theaterberufe sind, in denen sich Frauen schwerer durchsetzen, hat auch mit historisch gewachsenen Erzählungen zu tun. Die Idee des „Künstler“ und des „Genies“ waren noch nie geschlechtsneutral. Nicht nur waren sie in der gesamten abendländischen Ideengeschichte für Männer gedacht, sie sind auch mit Konzepten der Maskulinität verwoben. Die bis heute im Kopf verankerten Bilder haben weiterhin Macht auf die Realität.

Wie sieht dieses Bild aus? Das Genie drückt sich nicht nur in der Arbeit, sondern in Leben und Charakter aus. Es verfolgt keinen Beruf, sondern eine Berufung. Die Hingabe zum kreativen Schaffen ersetzt seine sozialen Beziehungen, die Selbstverwirklichung die monetäre Entlohnung. Es steht außerhalb der Normen der Gesellschaft und ist dieser auch keine Rechenschaft schuldig. Ein Genie ist im Regelfall nicht fürsorglich, kommunikativ und gut organisiert. Es ist leicht zu erkennen, dass diese Bilder jenen Lebensentwürfen, die weiterhin als „weiblich“ markiert sind, diametral entgegenstehen.

Vereinfacht heißt das, wir müssen beginnen, andere Geschichten über das künstlerische Subjekt zu erzählen. Und wir müssen die Strukturen so verändern, dass verschiedene Lebensentwürfe mit der täglichen Theaterarbeit vereinbar sind. Keine Panik! Theater wird dadurch nicht uninteressanter sondern diverser. Wenn es aber nicht gelingt, sich selbst in seinen Strukturen und Repräsentationsmustern zu demokratisieren, verliert das Theater an Glaubwürdigkeit und progressiver Kraft. Gesellschaftliche Veränderung braucht Erzählungen, die in der Vielfalt entstehen viel dringender als die Ideen einsamer Heroen.

Ausdauer und Einsatz

Wir sollten schleunigst beginnen Theatermacherinnen zu fördern, damit sie bald die großen Bühnen bevölkern. Peinlich genug, dass das in den letzten 50 Jahren nicht geklappt hat. Doch die Geschichte der Gleichberechtigung verläuft nicht linear, sondern ist von Kämpfen und Widerstand gezeichnet. Aktiver Einsatz und Ausdauer sind gefragt, sowohl von den Theatern, wie von der offiziellen Kulturpolitik!

Wie also junge Theatermacherinnen fördern? Ein Schritt ist, sie aktiv sichtbar zu machen. Auch hier versagt der Nestroy bisher: In der Kategorie „Bester Nachwuchs“ werden Frauen und Männer aus allen künstlerischen Bereichen des Theaters nominiert. Bei den Männern mischen sich unter die große Anzahl an Schauspielern auch junge Autoren und Regisseure. Bei den Frauen hingegen gibt es deutlich weniger Nominierungen von Nicht-Schauspielerinnen, noch nie hat eine Regisseurin oder Autorin gewonnen.

Am Ende der Gala, am Schluss seiner Rede, wünscht sich Peter Handke, der für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, dass heutige Texte auch in einigen Jahrhunderten noch eine gemeinsame Theatererfahrung sein werden. Das ist ein schönes Ziel. Wenn wir aber nicht heute endlich damit beginnen, Autorinnen auf den großen und kleinen Bühnen zu zeigen, werden auch dann noch zu 90 Prozent Texte von (weißen) Männern gespielt. Zeit, dass sich was ändert.

Veranstaltungshinweis: Am 29. November findet in der Roten Bar des Volkstheaters der zweite Teil von “Die Spielplan” statt, ein Rechercheformat zur Geschlechtergerechtigkeit in österreichischen Theatern.

Bérénice Hebenstreit ist Theaterregisseurin in Wien.

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