Das Urteil gegen Sigrid Maurer hat viele Menschen in diesem Land, vor allem viele Frauen, erschüttert. Sie sind wütend, nicht nur aufgrund der zynischen Täter-Opfer Umkehr, sondern weil das Urteil konkrete Auswirkungen auf den Alltag von Frauen haben wird.

Viel ist die Rede vom antifeministischen Backlash. Davon, dass Errungenschaften der Frauenbewegungen und gesellschaftliche Fortschritte zunichte gemacht werden. Der Backlash ist kein Phänomen, das irgendwo in der Gesellschaft passiert, er ist täglich spürbar. Ich spüre ihn, wenn ich an Orten, an denen ich mich früher sicher gefühlt habe, plötzlich sexistisch angepöbelt werde. Oder wenn dort Frauen – und sei es noch so ironisch gemeint – lautstark zu Sexobjekten degradiert werden. Sigrid Maurer spürt ihn, wenn sie zu 7.000 Euro Geldstrafe verurteilt wird, obwohl sie es war, die belästigt wurde. Alle Frauen spüren ihn, wenn sie Maurers Belästigungsfall verfolgen und sich nach der Bekanntgabe des Urteils überlegen müssen, was das für ihren Alltag heißt.

Gefahrenzone öffentlicher Raum

Denn wir kennen ihn, den Ort an dem Sigrid Maurer sexistisch belästigt wurde. Es ist der, an dem am Deutlichsten wird, wie begrenzt die Freiheiten von Frauen heute noch sind: Der öffentliche Raum.

So richtig greifbar wird das erst, wenn man sich als Frau mit Männern darüber austauscht wie sicher sie sich nachts am Heimweg fühlen. Oder darüber, welche Maßnahmen sie treffen, um nicht sexuell belästigt zu werden.

Manchmal kann es auch frustrierend sein, zu versuchen, einem männlichen Freund zu erläutern, wie es sich anfühlt, wenn Fremde aufdringlich werden. Ich höre sie in Gedanken schon reden: „Manche checken das halt nicht so, wenn‘s einen nicht interessiert“, „Das ist halt so.“ Viele Männer vermitteln Frauen so immer wieder und auf unterschiedliche Weise das Gefühl, dass sie einen Anspruch auf sie haben. Auf ihre Aufmerksamkeit, ihren Raum, ihre Person, bis hin zu ihren Körpern. Viel zu oft testet man aus, wie weit man bei Frauen gehen kann. Männer können sich meistens im öffentlichen Raum vollkommen sicher fühlen. Frauen nicht. Das ist der Unterschied. Dieser Unterschied wurde mit dem Urteil einzementiert und er wurde allen Frauen einmal mehr in Erinnerung gerufen.

Erdrückendes Ohnmachtsgefühl

Der gestrige Prozessausgang ist ein Schlag ins Gesicht für alle Frauen die Erfahrungen mit sexueller Belästigung machen mussten. Denn das Schlimmste an den jüngsten Ereignissen ist nicht, dass ein Täter Richter im Supreme Court wird, oder, dass Maurer 4.000 Euro an ihren mutmaßlichen Belästiger zahlen muss. Das Schlimmste ist, was das alles mit den Opfern macht. Jene Frauen, und es sind nicht viele, die die erniedrigenden Widerlichkeiten, die ihnen widerfahren, öffentlich machen, haben es ohnehin nicht leicht. Oft werden sie nicht ernst genommen, manchmal gar ins Lächerliche gezogen. Seit gestern wissen wir, dass sie auch noch dafür bestraft werden können nicht darüber zu schweigen.

Mit jedem Mal, bei dem sexuelle Belästigung oder sexualisierte Gewalt öffentlich auf diese Art und Weise diskutiert wird, werden sich unzählige Opfer sicherer: das Schlimmste was sie tun können, ist zu versuchen für Gerechtigkeit zu kämpfen. Und bei den Tätern sinkt die Hemmschwelle. Mit jedem Mal wird klarer: egal wie du dich als weißer, privilegierter Mann verhältst, du kannst Frauen erniedrigen oder misshandeln – im Normalfall wird dir nichts passieren. Eventuell wirst du sogar bestätigt und belohnt. Dieses Urteil fügt sich in eine Reihe von verqueren moralischen Standpunkten ein, die in unserer Gesellschaft salonfähig sind: Die Frau ist schuld, wenn ihr Rock zu kurz ist. Die Frau ist schuld, wenn sie nicht eine Armlänge Abstand hält. Die Frau ist schuld, wenn sie sexuell belästigt wird und auch noch öffentlich darüber spricht. Diese Vorstellungen, die den antifeministischen Backlash ideologisch im Alltag verankern.

Der Widerspruch folgt

Aber das Urteil gegen Maurer betrifft nicht nur jene Frauen, die ähnliche Erfahrungen wie sie gemacht haben. Auch für alle anderen ist das Ergebnis schwerwiegend. Sie müssen sich jetzt ausmalen, was passieren kann, wenn sie belästigt werden und sie es sich nicht gefallen lassen wollen.

Und dennoch – mit jedem solcher Rückschläge werden wir, die für Geschlechtergerechtigkeit kämpfen, in unserer Arbeit bestätigt. Frauen wie Sigi Maurer gehört solidarisch der Rücken gestärkt, denn sie legt nicht nur für ihren Fall Berufung ein, sondern für uns alle. Und eines ist sicher: Bei der Empörung wird es nicht bleiben. Wir werden mehr. Das Frauenvolksbegehren war nur das erste Volksbegehren. Die halbe Million war nur die erste halbe Million. Der Backlash wird nicht unwidersprochen bleiben.

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