“Marx und die Roboter”: Wie Karl Marx hilft, die Digitalisierung zu verstehen

Foto: Rock'n'Roll Monkey

Der neue Sammelband „Marx und die Roboter“ versucht die Digitalisierung der Arbeitswelt mit Karl Marx zu erklären. Was Schreibmaschinen, Foodora und e-Mails, die man spätnachts beantwortet, mit den marx’schen Theorien zu tun haben, erklärt Herausgeberin Sabine Nuss im Interview mit Mosaik-Redakteurin Teresa Petrik.

Mosaik-Blog: Digitalisierung ist ein Thema, das gerade in Mode kommt. Es geht oft darum, dass sich die Welt dadurch grundsätzlich verändert. Wie groß sind diese Veränderungen denn deiner Meinung nach?

Sabine Nuss: Mit Marx können wir zwischen zwei Ebenen unterscheiden: Die stoffliche Ebene – also das Konkrete, das man sinnlich wahrnehmen kann – und die gesellschaftliche Form, in der Menschen ihren ökonomischen Prozess organisieren. Auf der konkreten Ebene hat sich wahnsinnig viel verändert. Das merken wir auch alle im Alltag: Wir schreiben schon lange nicht mehr auf der Schreibmaschine, sondern auf dem Computer, alles ist digital vernetzt. Diese Digitalisierung entwickelt sich unter anderem auch dadurch weiter, dass die Rechnerkapazitäten und die Bandbreite, wie schnell Daten durch eine Leitung gehen können, immer größer werden. Das Ergebnis zieht sich durch alle Lebensbereiche, das merken wir im Privaten genau so wie in der Arbeitswelt, und auch Unternehmen nutzen diese Technologien. Die Frage ist jetzt: Was verändert sich gesellschaftlich, auf der ökonomischen Ebene dadurch?

Oft geht es dann darum, dass die Digitalisierung Arbeitsplätze gefährdet.

Ja, aber diese Vorstellung ist nicht neu. Sogar schon 1920, als auf Weltausstellungen sogenannte Maschinenmenschen vorgestellt wurden, haben die Gewerkschaften vor Massenarbeitslosigkeit gewarnt. In den 1970ern wurden elektrische Schreibmaschinen eingeführt. Da hieß es auch, das würde jetzt künftig 40 Prozent aller Schreibkräfte in Deutschland ersetzen. Nichts davon ist passiert.

Jetzt ist die Frage: Warum ist das eigentlich nicht passiert? Und genau da kann Marx einem helfen nachzuvollziehen, dass Technologie nicht fern von der gesellschaftlichen Verfasstheit eingesetzt wird, sondern immer nur im Wechselspiel mit Gesellschaft zu verstehen ist.

Wie meinst du das genau?

Für Unternehmen ist letzten Endes nur relevant, ob die Maschine die Waren billiger herstellen kann als der Mensch. Das geht dann, wenn in der gleichen oder weniger Zeit mehr produziert werden kann als vorher, dann verteilen sich die Lohnkosten auf mehr Stücke und es kann billiger angeboten werden. Das ist die Steigerung der Produktivität, die das Unternehmen interessiert.

Die steigert man aber nicht nur durch den Einsatz von Maschinen oder Robotern, sondern auch durch Überwachungstechnologien, die eine umfassendere Kontrolle von Arbeiter*innen ermöglichen, oder durch die Einführung neuer Kooperationsformen.

Es gibt also ganz viele verschiedene Möglichkeiten, wie Technologien eingesetzt werden können. Am Ende ist aber immer die Profitmaximierung der Zweck. Und das Mittel dazu ist eben die Steigerung der Produktivität. Diese entscheidet darüber, ob eine Technologie eingesetzt wird oder nicht. Wenn es um Arbeitserleichterung gehen soll, die dem zuwiderläuft, würde das Unternehmen sie nie von selbst umsetzen. Dafür bräuchte es Gesetzesänderungen oder Druck, der durch Arbeitskämpfe entsteht.

Ein anderes Thema in der Digitalisierungsdebatte sind neue Arbeitsverhältnisse wie beispielsweise Crowdwork oder Plattformen. Was verstehst du darunter?

Bei Crowdwork versuchen Firmen, ganz kleinteilige Aufgaben durch das Internet an eine anonyme „Crowd“ zu vergeben. Ich hab da selber auch mal einige Wochen gearbeitet, um zu verstehen, wie das funktioniert. Das sind zum einen Versuche der Rationalisierung. Ich musste beispielsweise einen kleinen Werbetext für ein Autohaus schreiben, bei dem die zu verwendenden Begriffe schon vorgegeben waren und man nur noch einen Text formulieren sollte. Das ist für das Unternehmen wesentlich günstiger, als den Auftrag an eine Werbeagentur zu übergeben.

Eine andere Aufgabe sind outgesourcte Arbeiten, die die künstliche Intelligenz trainieren und Algorithmen optimieren. Auch diese Jobs kommen den Unternehmen billiger, wenn sie sie über solche Plattformen vergeben. Dort müssen sie keine Sozialversicherungsbeiträge bezahlen. Wenn sie das außerdem in irgendwelchen Niedriglohnländern machen, dann haben sie auch noch geringere Lohnkosten. Wie viele Arbeitskräfte das tatsächlich betrifft, ist schwierig zu sagen, weil es da keine exakten Daten gibt.

Werden wir in Zukunft alle so arbeiten?

Nein, das glaube ich nicht. Es ist ein Nischenbereich. Aber diese Plattformen könnten eine Art Forschungslabor für neue Arbeitsmodelle sein, die Unternehmen künftig einsetzen werden. Das ist eine Gefahr, weil es eben eine extrem prekarisierte Form der Arbeit ist.

Du hast am Anfang des Gesprächs die Rolle der Gewerkschaften angesprochen. Wie umkämpft ist denn der Einsatz von neuen Technologien? Gibt es bestimmte Bereiche, bei denen du sagst, da sehen wir gerade spannende Entwicklungen?

Zum einen haben sich manche Gewerkschaften schon auf diese neuen Technologien eingestellt und kämpfen dafür, dass diese nicht zu noch mehr Stress und Belastung führen. Ganz wichtig ist dabei das Thema Entgrenzung. Durch die Digitalisierung können wir als Arbeitskraft rund um die Uhr verfügbar sein. Die Gewerkschaften versuchen, dem potenziell größeren Zugriff etwas entgegen zu setzen. Das ist ein wichtiges Feld. Zum Beispiel kämpfen sie dafür, dass der Arbeitgeber nicht verlangt, dass am Wochenende oder nach Feierabend noch Mails gelesen werden.

Für die Unternehmen sind neue Technologien ein großer Kapitalvorschuss. Sie müssen sich diese Geräte für teures Geld kaufen. Da liegt es nahe, dass sie dann eine Intensivierung von Arbeit verlangen, damit sich die Investition schnell lohnt. Wenn jetzt aber ein Unternehmen eine Technologie kauft, und dadurch in der Lage ist, die Produktivität zu steigern und billiger anzubieten, dann wird es nur eine Weile dauern, bis die anderen Unternehmen nachziehen und der eigene Marktvorteil wieder ausgeglichen wird. Um diese kurze Zeitspanne auszunutzen, werden dann möglichst viele von den billiger gewordenen Produkten auf den Markt geworfen. Das heißt im Grunde genommen gibt es sogar oft die Tendenz, dass die Anschaffung einer neuen Technologie die Arbeit noch intensiviert.

Aber stellen sich nicht auch grundsätzlichere Fragen? In einer Welt, die nicht nach kapitalistischen Prinzipien funktionieren, könnten wir die Technologie doch anders einsetzen.

Das stimmt. Wir brauchen diese Utopie und wir sollten uns überlegen, wie eine andere Welt aussehen könnte. Wie können wir diese Technologien nutzen, um eine Ökonomie zu organisieren, die nicht nur dem Interesse der Profitmaximierung folgt? In kapitalistischen Gesellschaften hängt die Entscheidung darüber, was und wie produziert wird, vom Profitinteresse ab. Wir müssen uns fragen: Was könnten denn alternative Mechanismen sein? Wie können wir Technologie so einsetzen, dass wir Entscheidungen darüber, was wir produzieren wollen, über digitale Informationsströme treffen können? Das kann uns nicht die Technik abnehmen, das müssen wir als Menschen selbst in demokratischen Aushandlungsprozessen entscheiden. Aber die Technologie ermöglicht uns die Ermittlung dieser Bedürfnisse und die Entscheidungsfindung wesentlich besser, als das noch vor hundert Jahren der Fall war.

Buchtipp: Butollo, Florian/Nuss, Sabine: Marx und die Roboter: Vernetzte Produktion, Künstliche Intelligenz und lebendige Arbeit. Berlin: Dietz-Verlag.

Veranstaltungshinweis: Am Freitag, 22. November um 19:00 Uhr diskutieren Sabine Nuss und Buchautorin Dorothea Schmidt das Buch in der Libreria Utopia (Preysinggasse 26-28, 1150 Wien).

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